Eine dramatische Lesung am Heiligabend? Das machte viele neugierig, so dass die Zuschauerreihen im Bühnensaal der Zeller Kultur am frühen Nachmittag dicht besetzt waren. Und nach einer knappen Stunde der teilszenischen Lesung kehrten die Zuhörer nach Hause zurück: zum geschmückten Tannenbaum, zu Geschenken und zum festlichem Mahl. Die verstörenden Gedanken an das Gehörte aber blieben haften.

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Autor Gerhard Zahner aus Konstanz hat das Leben des jüdischen Arztes Dr. Nathan Wolf (1882-1970) aus dem Höri-Dorf Wangen zum Anlass für seinen Text „Weißes Blut“ genommen. Die Region am See sei reich an Menschen, die im Zweiten Weltkrieg viel Leid erfahren hätten, berichtet Zahner über seinen Beweggrund den Text zu verfassen. Das Datum habe er gewählt, weil der Heiligabend die Metapher für das Christentum sei: Leid auf sich zu nehmen, um für die Schuld anderer zu sühnen, wird zu Beginn der Lesung betont. 

Keine gewöhnliche Biografie

Dennoch ist der Text keine Biografie. Vielmehr leuchtet Gerhard Zahner die Gefühle aus, die den aus Dachau und aus dem Exil zurückgekehrten Nathan Wolf umgetrieben haben mögen, als er nach dem Krieg in Wangen als politisch Unbelasteter als Bürgermeister eingesetzt und wieder als Arzt tätig wird. In bilderreicher Sprache lässt der Autor Jürgen Spreemann als Nathan Wolf sprechen. Ein blecherner Putzeimer ist sein Ansprechpartner, denn zunächst muss er das Dorf vom Nazi-Schmutz reinwischen.

Zeller Kultur bildet den Chor

Fünf Mitglieder des Theater-Ensembles der Zeller Kultur – Waltraud Rasch, Barbara Limpricht, Traute Kloth, Andreas Nitschke und David Gräber – bilden den engagierten Chor, der ganz im Stil einer griechischen Tragödie spricht. Er wiederholt, bestätigt oder bestärkt das Gesagte des Hauptsprechers und fungiert als dessen Alter Ego. Aber er mahnt auch, er rät, drängt und bohrt nach. Nicht von ungefähr spielt Chorist David Gräber auch die Trompete mit dem Lied „Es ist ein Ros´entsprungen“ – mal als ganze Melodie, mal in Fragmenten.

„Heimkehren ist nach vorn gerichtet.“

Dass Nathan Wolf nach erfahrenem Leid nicht in sein Dorf heimkehren konnte, sondern er nur zurückgekehrt sei, arbeitet Gerhard Zander in seinem Text heraus: „Heimkehren ist nach vorn gerichtet, zurück kehren nach hinten.“ Denn die Schatten der Vergangenheit verfolgen den Arzt: „Zu sich selbst zurückkehren ist das Schwierige.“ In der Schweiz hatte er um Asyl gebeten. Es wurde ihm nicht gewährt. Die Juden seien nicht verfolgt, hieß es. Bitter merkt Wolf an: „Schweizer sehen nur Schweizer. Das ist die Mathematik des Mitleids. Je größer die Zahl derer, die leben wollen, desto weniger dürfen bleiben.“ Oft wiederholt der Chor seine Antworten. „Warum so oft?“, fragt Wolf, „warum die Wiederholung?“ Die Antwort: „Weil es sich wiederholt.“ Hier schlägt der Autor subtil die Brücke zur Gegenwart, zur Fluchtthematik, zum Vertriebensein, zur Ablehnung von Asylanträgen, zum Leid in Auffanglagern.

Ein aktuelles Thema

Auch dass Nathan Wolf über das Wasser flüchtete, ein Schiff für Tagesgäste und Pendler in die Schweiz nahm, lässt die Nachrichten über Flüchtende über das Mittelmeer vor dem inneren Auge lebendig werden. Auch er musste die Familie zurücklassen: „Und über das Wasser dieser Erde breitet sich das Eis der Flucht.“ Der See sei vor Schmerz zugefroren, das Eis wird mit weißem Blut verglichen. Und wieder klingt das Heute durch: „Die Kälte in uns. Es bricht durch. Denn es wiederholt sich.“ Der Chor bestätigt: „Wir schreiten über den Tod derer, die es nicht geschafft haben ans andere Ufer, wie über Eis.“

Nachkommen zeigen sich gerührt

Sehr berührend fanden auch der anwesende Sohn des Wangener Arztes, Gert Wolf, und seine beiden Töchter die Text-Lesung, die viele Erinnerungen in dem 91-Jährigen wach rief. Seine Mutter war schwer an Tuberkulose erkrankt, hatte einen Platz im Davoser Sanatorium, aber ein Konstanzer Bezirksarzt habe sie nicht einreisen lassen. Es gäbe noch so viel zu berichten, gestand der sichtlich ergriffene Senior.