Sonntagabend ist Tatort-Zeit. Die 900 Besucher verzichteten auf den Krimi und erlebten dafür ein Stückchen Tatort ganz authentisch: Deutschlands Kult-Pathologe Jan Josef Liefers gastierte mit seiner Band Radio Doria im Milchwerk und begeisterte mit einem facettenreichen Konzert. Der Schauspieler zeigte sich von vielen Seiten: als lebensfroher Musiker mit einer überzeugenden Stimme, als schlagfertiger, humorvoller Unterhalter und nicht zuletzt als nachdenklicher Mensch, der behutsam das Leid in der Welt anspricht, ohne dabei den Zeigefinger zu heben. Liefers beschloss das erste Sommerfestival im Milchwerk. Aufgrund des großen Erfolgs sei im nächsten Sommer erneut ein Festival geplant, verriet OB Martin Staab zu Beginn des Konzerts.

Die Band startete mit schnellen Stücken ihres neuen Albums "2 Seiten". Doch bald schon kündigte sich an, was der zweite Tenor des Auftritts sein würde: ein Einblick in Liefers Leben und seine Überzeugungen. Das zweite Album habe seinen Namen Liefers Oma zu verdanken, erzählte der Tatort-Star. Mitten in der Flüchtlingskrise sollten Ideen zu neuen fröhlichen Texten und Melodien sprießen. Das schien nicht zu passen, Alles habe eben zwei Seiten, habe seine Oma gemeint. Und so erzählen die Lieder von Beziehungen, die nicht nur harmonisch, aber lebendig und deshalb bereichernd sind. Die Texte transportieren eine Botschaft der Freiheit, die von den Instrumenten vielfältig unterstrichen wird.

Reime auf Radolfzell

Gunter Papperitz am Keyboard und Jens Nickel an der Gitarre zaubern zum Sprechgesang "So schön" einen dramatisch-gefährlichen Klangteppich. Tiefe Bässe klingen wie Glockenschläge im Nebel. Immer wieder unterbricht Liefers das Konzert mit Anekdoten. Schon als Kind habe er auf der Gitarre "Die Fischerin am Bodensee" üben müssen. Wer kann den Text? Die erste Strophe bekommen die Radolfzeller hin. Während Liefers Späße reißt, wird die Bühne umgebaut. Die Musiker nehmen vorne am Bühnenrand Platz. Und als ob sie mit der hiesigen Tradition der Fasnachtsversle vertraut wären, lassen sie zwischen Musikeinlagen einen Reim auf Radolfzell nach dem anderen vom Stapel: Die Kur, den Stadtgründer Radolf, das Münster und: "Was trägt der Gunter drunter? Feinripp von Schiesser, der Gunter ist ein Genießer". Alles lacht, und die Musiker scheinen selbst viel Spaß zu haben.

Dann spielen sie hautnah, mit Gitarren, einem Akkordeon und einer Daf, einer Trommel, die die Band aus dem Iran mitgebracht hat. Liefers zieht es in ferne Länder. In der ehemaligen DDR großgeworden, kenne er den Stempel der Vorurteile, die Völkern aufgedrückt werden. Er wolle sich ein eigenes Bild verschaffen. Auch in Syrien sei er gewesen. Krieg sei eine unbeschreibliche Erfahrung, meint er. In Deutschland hätten wir seit über 70 Jahren Frieden. Hier geboren zu sein, sei wie ein Sechser im Lotto. Er fragt, ob der Frieden nicht vielleicht in Gefahr sei und man etwas dafür tun könne, dass sich hier jeder Mensch erwünscht fühle.