„Vom Moment unserer Geburt an beginnen wir zu sterben“, steht groß vor dem Programm des Jahreskonzertes. Diese unweigerlich richtige Tatsache, eine Aussage der dänischen Schriftstellerin Janne Teller (schöner im Original, wo es heißt: „From the moment we are born, we begin to die“), bedeutet aber doch, dass dazwischen jede Menge Leben liegen kann.

Jede Menge Leben und jede Menge Leidenschaft: Leidenschaftlich werden Orgel, E-Bass und Klavier gespielt, leidenschaftlich und professionell arbeiten die jungen Percussionisten an Schlagzeug, Marimbaphon und Röhrenglocken. Leidenschaftlich singt der gemischte Chor Radolfzell, und auch die kleinen Sänger vom Unterstufenchor des Gymnasiums sind konzentriert bei der Sache. Am leidenschaftlichsten von allen ist aber der Chorleiter und Regisseur Jochen Stuppi, der bis zum fulminanten Schluss-Song – „Run, sheperds, run“ – zur Höchstform aufläuft. Im wahrsten Sinne des Wortes: Er läuft im Mittelgang der Meinradskirche vor und zurück, während er dirigiert. Nein eigentlich tanzt er, er beschwört seinen Chor mit dem ganzen langen dünnen Körper, mit Armen und Beinen, mit Gesten und Mimik.

Ein solches Konzert hat man noch selten erlebt: Der gesamte Kirchenraum, samt Empore und Chor, wird bespielt. Als Gegenpol, zwischen den Klängen, eine ruhige Performance von „Fräulein Moll“, der Clownin Francesca Motta aus Ravensburg, die eine Pfarrersköchin mimt. Sie tritt zuerst auf, begrüßt das Publikum, gibt dem einen oder anderen die Hand, hält für den Dirigenten das Blatt. Der Chor startet auf der Empore, leise, verhalten, mit dem „Requiem aeternam“. Bei jedem Auftritt der Sänger werden ein Auszug aus dem modernen Requiem von Mack Wilberg und ein Stück aus der Weihnachtskantate „And Peace on Earth“ von Bob Chilcott zusammengestellt. Beides sind zeitgenössische Komponisten, wie Chormitglied Christine Göcke betont.

„Paradoxien“ lautet denn auch der Titel des Konzerts, das einen Bogen von Geburt zu Tod erlebbar machen möchte, umgesetzt in Klang und Gesang. Da passen die Auftritte der Clownin „Fräulein Moll“ ins Bild, als Zwischenspiele konzipiert. Eine Wäscheklammer wird da zum wütend kläffenden Köter. Die Kinder in den vorderen Reihen amüsieren sich köstlich, obwohl sie die Nummern schon von den Proben her kennen. Denn vorne sieht man die Mimik und erkennt die kleinen Gesten – die den hinteren Reihen verborgen bleiben.

Francesca Motta ist zugleich Zirkustrainerin, die Manege lässt grüßen. Doch sind ihre Auftritte möglicherweise ein wenig zu lang geraten, da hätte Kürze mehr Würze enthalten. Denn auch im Zirkus heißt es ja „Pausenclown“: eine schlaue Erfindung, um Umbaupausen zu überbrücken.

Von der Empore wechselt der Chor ins Kirchenschiff, in loser Reihe stehen die – allesamt grau gewandeten – Sänger an den Seiten. Frei singen sie, ohne Blatt, das ganze Konzert. Beim nächsten Auftritt verteilen sie sich um den Chorraum, um sich beim letzten von vieren, nun wieder vereint mit dem Kinderchor, zur geschlossenen Gruppe zu formieren. Ein Chor, wie man sich einen Chor vorstellt: als kompakter Klangkörper. Davor der Dirigent, nun endlich auch da, wo er üblicherweise steht. Nicht auf der gegenüberliegenden Raumseite, sondern frontal dirigierend. Und da klingen die Stimmen überzeugend, vielstimmig – und doch gemeinsam. „Run, sheperds, run“: ein letztes Stück aus der Weihnachtskantate, hoffnungsvoll, ein Aufbruch zugleich. Berückt und in guter Stimmung verlassen die zahlreichen Zuhörerinnen und Zuhörer die Kirche. Und der Chor, der zur Probe für dieses Konzert eigens nach Ochsenhausen in die Barockkirche gereist war, wird sicherlich weiteren Zulauf erhalten.

Die Musiker

Die Gesamtleitung des gemischten Chors Radolfzell & Friends hat Jochen Stuppi aus Meersburg inne. Unterstützt wurde das Konzert von der Musikabteilung des Friedrich-Hecker-Gymnasiums unter Leitung von Anne Heydt. Sie betreut den Unterstufenchor. Die instrumentelle Begleitung übernahmen die Oberstufenschüler Valentin Schlemper (Klavier), David Kleinehanding und Dominik Morgenstern (Percussions). An der Orgel: Martina Bischofsberger; am E-Bass: Jean Pierre Dix.