Siegfried Schuster beherrschte den aufrechten Gang auch auf dem Fahrrad. Stets in gestreckter Haltung radelte er auf die Mettnau, immer ein Fernglas umgeschnallt. Den Kopf voraus, mit nach hinten gewellten Haaren und seinen markanten Augenbrauen ähnelte er einem Habicht auf Beutezug. Doch Schuster war weniger auf Beute aus, er verteidigte das Revier seiner Schützlinge: Er war leidenschaftlicher Vogelbeobachter und deshalb ein streitbarer wie konsequenter Naturschützer.

Aus diesem Antrieb heraus dachte Schuster groß, nicht klein. Wie die Vögel aus der ganzen Welt auf der Mettnau einfliegen, beschränkte sich der Naturschützer aus Radolfzell nicht mit dem Naturschutzgebiet Mettnau, der Radolfzeller Aach oder dem Wollmatinger Ried. Schuster forderte: "Naturschutz auf einhundert Prozent der Fläche." Dies vertrat er klar und deutlich. So schimpfte er in einem Interview noch vor drei Jahren: "Wir haben kein zeitgemäßes Konzept. Wir verzetteln uns im Artenschutz." Der Ornithologe hatte keinen Lieblingsvogel, er hatte ein Lieblingskonzept, das er mit flammenden Worten beschrieb: "Mehr Vielfalt für die Landschaft!" Schuster schwebte vor, die ausgeräumte Agrarlandschaft neu zu gestalten: "Mit Heckenzügen, Senken, Wasserlöchern, Baumgruppen. Die Menschen lieben eine solche Vielfalt."

 

Gründung der Arbeitsgemeinschaft Naturschutz Bodensee

 

Schuster verband viel mit dem anderen Radolfzeller Natur- und Umweltschützer. Professor Gerhard Thielcke war wie Schuster Ornithologe. Zusammen mit Thielcke gründete Schuster die Arbeitsgemeinschaft Naturschutz Bodensee. Während Thielcke mit anderen den BUND (Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland) Anfang der siebziger Jahre ins Leben rief, setzte sich Schuster im Landesverband des Deutschen Bunds für Vogelschutz für einen fundamentalen Wandel ein: "Die grundlegenden Entscheidungen zum Schutz unserer Vögel und ihres Lebensraumes fallen nicht in wissenschaftlichen Diskursen an Universitäten, sondern in politischen Debatten", befand Schuster. Seine Maxime lautete: "Wir müssen politisch denken und handeln."

Zu dieser Einschätzung hätten auch viele Gespräche und Zugfahrten mit dem anderen Radolfzeller Naturschützer nach Stuttgart in ihre jeweiligen Landesgeschäftsstellen beigetragen. "Thielcke war mein Vorbild", sagte Schuster in einem Interview. Für ihn lag es deshalb nahe, konkurrierende Naturschutzverbände nicht mehr zu bekämpfen, sondern mit ihnen zusammenzuarbeiten. Mit dieser Meinung stand Schuster nicht allein, 1990 änderte der Vogelschutzbund seinen Namen in Naturschutzbund (Nabu). Siegfried Schuster leitete von 1989 bis 1997 den Landesverband Baden-Württemberg, in seiner Amtszeit hatte sich die Mitliederzahl von 30 000 auf 70 000 mehr als verdoppelt. Thielcke und Schuster mehrten mit ihren Aktivitäten den Ruf von Radolfzell zur heimlichen "Umwelthauptstadt" der Republik.

Hatte einen großen Anteil an der "Umwelthauptstadt Radolfzell": Siegfried Schuster (links) im Gespräch mit OB Günter Neurohr im Jahr 1985. Bild: sk-archiv
Hatte einen großen Anteil an der "Umwelthauptstadt Radolfzell": Siegfried Schuster (links) im Gespräch mit OB Günter Neurohr im Jahr 1985. Bild: sk-archiv

Die Schule, an der Siegfried Schuster Biologie und Chemie unterrichtete, trägt heute Thielckes Namen, die Gerhard-Thielcke-Realschule Radolfzell. Schuster hinterließ als Lehrer bei vielen Schülern nachhaltigen Eindruck. Beim richtigen Gebrauch der Bunsenbrenner und dem Aufstellen von chemischen Gleichungen, seine Erklärungen galten als klar und verständlich. Dabei war Schusters Verhalten in den Augen seiner Vorgesetzten nicht immer tadellos. Zwei Mal habe ihn sein Rektor erwischt, weil er die letzte halbe Schulstunde geschwänzt habe, um rechtzeitig den Zug nach Stuttgart zu erreichen, berichtete Schuster aus seiner Zeit als Lehrer.

In Radolfzell fuhr Schuster immer Rad. Bis zuletzt. Und wehe, seine scharfen Augen entdeckten eine Beschneidung des Reviers. Wie den Efeukahlschlag an der Mauer auf dem Alten Friedhof. Vor fast genau einem Jahr kritisierte Siegfried Schuster in einem Leserbrief: "Damit schwinden wohl auch die Aussichten auf ein angestrebtes Comeback als ehemalige Umwelthauptstadt ganz beträchtlich." Einmischen war für den Naturschützer Schuster immer Pflicht.

 

Zur Person

Aus dem Nachruf des Nabu Baden-Württemberg: "Siegfried Schuster, geboren 1936 in Zittau, verließ als 20-Jähriger die DDR. Bereits in den 1950er Jahren war Schuster einer der führenden Ornithologen im Boden­see­­raum und agierte mit großem ehrenamtlichem Engagement. Er verstand es, Vogelschutz mit Politik zu verknüpfen. Er entwickelte gemeinsam mit Mitstreitern Methoden, um Veränderungen der Vogelwelt via Brutvogel-Monitoring messbar zu machen."