Der Uferbereich unterhalb der alten Konzertmuschel ist kaum wiederzuerkennen. Die Wiese stoppt an keiner Ufermauer mehr, sondern verläuft nun flach in den Zeller See hinein. Es gibt neu gestaltete Liegeflächen, eine veränderte Wegführung, Bänke aus Holz und Rohrschacher Sandstein sowie einen wiederentdeckten, traditionsreichen Brunnen zur Erfrischung. Rund 430 000 Euro kostete die Renaturierung des Uferabschnitts auf der Mettnau, die zu einem Drittel von der Stadt Radolfzell übernommen wurde. Den Rest steuerte das Land Baden-Württemberg bei. Die Eröffnung des umgestalteten Uferbereichs war ursprünglich für den Mai vorgesehen. Starke Regenfälle im Frühjahr und das Hochwasser verzögerten den Umbau.

Gabriele und Lucia Riester zogen vor 80 Jahren auf die Mettnau. Als Kinder spielten sie täglich am Bodenseeufer. Sie erinnern sich an eingezäunte Gärten am See und an große ausladende Weiden. Sie kennen das Ufer bereits aus der Kindheit als Flachwasser und auch mit befestigter Mauer. Freudig half Lucia Riester beim Durchschneiden eines symbolischen Bandes, mit dem Oberbürgermeister Martin Staab den Parkabschnitt der Öffentlichkeit zurückgab.

Die alte Ufermauer am Seebad drohte einzustürzen, so Christian Seng vom Planungsbüro 365 Grad. Der Architekt war für die Renaturierung des Ufers beauftragt worden, nachdem das Landratsamt den Bau einer neuen Ufermauer zum Schutz von Flachwasserzonen untersagt hatte. Inklusive Seebad wurden in zwei Bauphasen mehrere hundert Meter Mettnau-Ufer renaturiert. Die Kosten des Gesamtprojekts: mehr als eine Million Euro. Auf dem Ufergelände steht weiterhin eine aufgeschüttete Baustraße, die in die Nähe des Ufers führt und nächstes Jahr abgerissen und begrünt werden soll. Das Hochwasser schwemmte den Oberboden samt Substrat weg und verhinderte eine bodenfeste Naturierung des Ufers. Bei niedrigem Wasserstand soll im Herbst eine rund fünf Meter tiefe Rasenfläche hinzukommen.

Der Gemeinderat Christof Stadler hatte den Architekten auf einen verschütt gegangenen Brunnen im Uferbereich aufmerksam gemacht. In Handarbeit legten Bauarbeiter den wiederentdeckten Radolfsbrunnen frei. Wenige Meter vom Fundort entfernt, integrierte Seng den wiederhergestellten Brunnen in die Gesamtanlage. Mit dem Wasserauslass wurde auch ein 62 Jahre altes Versprechen der Stadtverwaltung eingelöst: nämlich den durch Bauarbeiten versiegten Brunnen wieder zu reaktivieren. Bei der Übergabe des renaturierten Uferbezirkes erinnerte Staab an die Zusammenarbeit von Stadtverwaltung, Bürgern, Umweltverbänden und Regierungsbehörden für die Wiederherstellung der natürlichen Uferböschung. Staab begreift die Millioneninvestition als einen Zugewinn für die Radolfzeller, die Touristen und Kurgästen und als eine Aufwertung von Radolfzell als Umweltstadt.

Wo der Bodensee sich selbst reinigt

Flachwasserzonen sind die für die Wasserreinigung wertvollsten Teile des Bodensees. Rund 50 Prozent des Bodenseeufers sind jedoch mit Mauern verbaut. An den Mauern reflektieren die Wellen in den See zurück. Dadurch kommt es in den Flachwasserzonen zu Erosionen und Sedimentverfrachtungen. Mit der Folge, dass das Ökosystem zur eigenen Wasserreinigung gestört ist.

Renaturierungsmaßnahmen versetzen ein vom Menschen beschädigtes Ökosystem in einen Zustand zurück, der vor seinem störenden Eingriff bestanden hat. Die Renaturierungsökologie als Wissenschaft geht von der Hypothese aus, dass Schädigungen an Ökosystemen zumindest teilweise behebbar sind. Sind die Schäden zu groß, steht das Bemühen im Vordergrund, das Ökosystem so weit wie möglich wieder herzustellen und die ökologischen Prozesse und Funktionen wieder zum Laufen zu bringen. Zu stark gestörten Ökosystemen zählen Landschaften des Tagebaus oder Truppenübungsplätze. Begradigte Flüsse können wieder zum Mäandern gebracht werden. Bei der Renaturierung von Seen stehen zunächst Maßnahmen zur Verringerung von Nährstoffen, beispielsweise durch Kläranlagen, das Einsetzen heimischer Fischarten, die Ansiedlung typischer Pflanzenarten sowie die Restaurierung der Flachwasserzonen im Vordergrund.