Störche gelten in der Mythologie und bis heute in vielen Ländern als Glücksbringer. Für Wolfgang Schäfle sind sie zu einer einzigartigen Leidenschaft fürs Leben geworden. Seinem engagierten Einsatz ist es zu verdanken, dass die Wildtiere sich Böhringen zu ihrem Storchendorf auserkoren und sich in stetig steigender Anzahl im Landkreis Konstanz niedergelassen haben.

Es war 1980, ein Jahr nach seinem Einzug ins eigene Haus, das ans Böhringer Ried angrenzt. Wolfgang Schäfle, von Kindesbeinen an schon sehr naturverbunden, traute seinen Augen nicht, als er in seinem Garten einen Storch stolzieren sah. Eine Sensation, denn der Storch galt damals in Baden-Württemberg als so gut wie ausgestorben. Gerade 15 Paare waren vier Jahre zuvor landesweit gezählt worden. "Dann war er plötzlich weg und tauchte erst im Sommer 1982 wieder auf", erzählt Wolfgang Schäfle. Er entschloss sich, ihn über den Winter durchzufüttern. Der Auftakt für eine wunderbare Freundschaft zwischen Mensch und Tier. Dann plötzlich in jenem Winter verschwindet Balduin für ein paar Tage, und als er wiederkommt, ist er nicht allein. Er hat einen Partner mitgebracht, was bei Wolfgang Schäfle nun endgültig die ornithologische Begeisterung ausbrechen lässt. Er holt sich Hilfe bei professionellen Vogelfreunden, legt eine Nisthilfe an und ganz nebenbei stellt er fest, dass es sich bei Balduin in Wirklichkeit um eine Balduine handelt. Es ist dann nicht bei einer Nisthilfe geblieben. Der 2010 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnete Böhringer Storchenvater hat in den vergangenen 36 Jahren im ganzen Landkreis Konstanz für die Rückkehr Adebars gesorgt.

Als Storchenbeauftragter betreut er derzeit 84 Horste im Landkreis, 37 davon in Böhringen, und ist in dieser Funktion auch für die Beringung der Tiere zuständig. Er wird als Experte geschätzt und arbeitet beispielsweise mit dem renommierten Max-Planck-Institut in Möggingen zusammen.

 

Seit seiner Kindheit ist Wolfgang Schäfle von den Tieren fasziniert

 

"Störche haben mich schon als Kind fasziniert", berichtet der 79-jährige gebürtige Böhringer. Im Hegau, vor allem in Bohlingen, habe es schon früher Störche gegeben. Er erinnert sich an die Fahrradausflüge mit den Eltern und dass es immer etwas Besonderes für ihn war, die majestätischen Tiere bei der Nahrungssuche zu sehen. Dass ab 1950, als es noch 150 Brutpaare in Baden-Württemberg gab, innerhalb von 25 Jahren die Population völlig einbrach, ist für ihn ein Rätsel. Gleiches geschah in der Schweiz. Der Mann, der sich dort schon 1948 Gedanken machte, experimentierte und letztlich in Mitteleuropa die Storchenpopulation rettete, war Max Bloesch – ein Vorbild für den Böhringer Storchenvater. Er lernte ihn kurz nach der "Zufallsansiedlung" von Balduin kennen, bekam später auch einmal Besuch von ihm. "Ein wunderbarer Mensch mit einem Wahnsinns-Wissen", so Wolfgang Schäfle über den inzwischen Verstorbenen.

Parallel zur wachsenden Population im Landkreis entwickelte sich die Arbeit mit den Störchen für Wolfgang Schäfle zum Vollzeitjob. Egal, ob Unfälle bei der Tierrettung gemeldet werden oder Nester herunterzufallen drohen – immer ist der Storchenbeauftragte gefragt. Von Anfang an führte er ein Storchenbuch mit Aufzeichnungen über Datum, Uhrzeit, Ort und Ereignis. Unermüdlich kümmert er sich mit Gleichgesinnten darum, dass es den Vögeln im Landkreis gutgeht. Und in Böhringen wirbt er dafür, dass die Störche von den Bewohnern akzeptiert werden, was angesichts der Hinterlassenschaften auf manchen Dächern und in Vorgärten nicht immer einfach sein dürfte. Über 7000 Kilometern ist er 2017 gefahren – erst seit drei Jahren lässt er sich vom Regierungspräsidium die Benzinkosten erstatten. Was ihn die tierische Leidenschaft darüber hinaus kostet, will er gar nicht ausrechnen. "Jeder einzelne Storch liegt mir am Herzen", macht er deutlich.

Aktuell ist der Storchenvater mit der Winterfütterung beschäftigt. Dafür hat er ein zweckgebundenes Spendenkonto beim Tierschutzverein Radolfzell eingerichtet. Täglich kommen bis zu 30 Störche in seinen Garten. Zogen in den 80er/90er Jahren nur 20 Prozent der Störche weg, weil man die Population durch Füttern hochhalten wollte, sind es heute wieder 80 bis 90 Prozent, die in Überwinterungsgebiete fortziehen. Für viele andere ist der Garten der Familie Schäfle im Winter eine Top-Adresse – selbst für Störche aus mehr als 100 Kilometer Luftlinie, was für alle ein Rätsel ist. Wahrscheinlich hat es sich unter den Storchenfamilien einfach herumgesprochen, dass es in Böhringen einen Platz gibt, an dem man gut über den Winter kommt.

Winterfütterung im Garten Schäfle: Aus bis zu 100 Kilometer Luftlinie kommen die im Land überwinternden Störche, um sich in Böhringen den Magen vollzuschlagen. Bild: Marina Kupferschmid
Winterfütterung im Garten Schäfle: Aus bis zu 100 Kilometer Luftlinie kommen die im Land überwinternden Störche, um sich in Böhringen den Magen vollzuschlagen. Bild: Marina Kupferschmid

"Ich fange erst an zu füttern, wenn Schnee liegt oder der Boden gefroren ist. Dann aber füttere ich den ganzen Winter durch, denn die Störche müssen sich auf Nahrung verlassen können", unterstreicht Wolfgang Schäfle.

Gestärkt übernachten die Tiere dann auf einer Sandbank mitten im Zeller See. Im Februar, wenn die ersten Störche zurückkommen, fährt Wolfgang Schäfle die Horste ab und schaut, wer zurück ist. Zwischen 15. und 20. März beginnt die Brutzeit, verbunden mit der Frage, welche Störche brüten. 32 Tage später schaut er, wo es Jungstörche gibt, denn sechs Wochen nach dem Schlüpfen gilt es die Jungen zu beringen. Neue Nisthilfen in Böhringen baut Wolfgang Schäfle übrigens nur noch dann, wenn alte Horste aufgegeben werden müssen, etwa durch umgestürzte Bäume. "Das hat nichts mit Neuansiedlung zu tun, sondern ist unabdingbar, um entstehende Unruhe auf Sparflamme zu halten. Wenn ein Storchenpaar nicht in sein angestammtes Nest zurückkehren kann, drohen Dramen", so die Erfahrung von Wolfgang Schäfle. "Der Storchenschnabel ist eine Waffe", macht er deutlich. Doch auch viele wunderbare Momente erlebt der Storchenvater, die er an Führungen durch die Storchenkolonie Böhringen und bei Vorträgen möglichst vielen Menschen nahebringt. Viel Zeit für anderes bleibt ihm nicht mehr. Früher war er noch Vorsitzender des Angelsportvereins Frühauf und engagierte sich lange Jahre im Freundes- und Förderkreis der Musikschule. Heute reicht es ihm knapp für eine gelegentliche Partie Bridge.

 

Bürgermedaille

Im festlichen Rahmen des Neujahrsempfangs der Stadt Radolfzell am Sonntag, 14. Januar, im Milchwerk wird Oberbürgermeister Martin Staab zwei Ehrungen vornehmen: Wolfgang Schäfle erhält als Anerkennung für seinen unermüdlichen Einsatz für die Weißstörche in Radolfzell und dem gesamten Landkreis Konstanz die Bürgermedaille. Des Weiteren wird Helmut Haselberger für seinen karitativen und gemeinnützigen Einsatz die Ehrenbürgerwürde verliehen. Das Jugendblasorchester Radolfzell untermalt die alljährliche Veranstaltung musikalisch. Alle Bürgerinnen und Bürger sind herzlich zu diesem Empfang eingeladen. Einlass ist ab 9.45 Uhr, der Eintritt ist frei.