Eine Erwartung musste Matthias Horx gleich zu Beginn aus den Köpfen seiner Zuhörer verscheuchen: "Ich kann nicht in die Zukunft sehen." Denn es gebe nicht wenige, die ihn als Zukunftsforscher für ein Orakel hielten, erklärte er bei seinem Vortrag für die Volkshochschule (VHS) über Megatrends im Milchwerk. "Einmal kam der Inhaber eines Fitnesscenters auf mich zu und wollte wissen, an welchen Geräten die Frauen im Jahr 2035 trainieren werden. So funktioniert das natürlich nicht." Die Zukunftsforschung, so Horx, stelle Prognosen auf der Basis von bereits vorhandenen Daten auf. Nichtsdestotrotz ist es eine Disziplin, die durchaus überraschende Erkenntnisse zutage fördert.

Falsche Annahmen widerlegen

Tatsächlich besteht ein großer Teil der Arbeit von Horx darin, falsche Annahmen zu widerlegen. Das geht von der Geburtenrate anderer Länder bis zur Entwicklung der weltweiten extremen Armut. Beides hat entgegen der allgemeinen Vermutung im Verlauf der vergangenen 75 Jahren stark abgenommen. "Man nennt das kognitive Dissonanz. Sie führt dazu, dass wir positive Botschaften nicht wahrnehmen, wenn sie nicht mit unseren Erwartungen übereinstimmen", sagte er. Ein äußerst robuster Trend sei etwa die Bildung. So liege die Einschulungsquote global bei mittlerweile 92 Prozent, das habe sich auch durch Kriege und Hunger nicht aufhalten lassen.

Horx: "Plötzlich werden Polaroids wieder aktuell."

Aus solchen Beobachtungen ließen sich eine ganze Reihe an sogenannten Megatrends ausmachen, die sich aber störend auf andere Trends auswirkten, so Horx. Ein Beispiel dafür sei die Globalisierung, gegen die sich der Nationalismus wendet und eine Reduzierung der Komplexität in den globalen politischen Beziehungen verspricht. Ähnliches gelte für die Digitalisierung, gegen die sich Retrotrends herausgebildet haben. "Plötzlich werden Polaroids wieder aktuell, weil die Menschen heute so viele Fotos machen, die dann aber keiner mehr anschaut", erklärte er.

Kein Grund für Pessimismus

Für den Zukunftsforscher sind solche Entwicklungen weder ein Grund für Pessimismus, noch für Optimismus. "Ich plädiere mit Blick auf die künftigen Herausforderungen für den Possibilismus – wir müssen uns fragen, was möglich ist", betonte Horx. Das ist zusehends auch bei Unternehmen gefragt, weshalb er dort oft Vorträge hält. Viele wollten aber gar nicht erst wissen, welche Anstrengungen die Firmen in Zukunft erwarten, wie sich nun etwa bei der Automobilindustrie oder den Energieunternehmen gezeigt habe.

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Für diese verzerrten Wahrnehmungen sei ein anderer Trend verantwortlich, den Horx Hypermedialität nennt. "Das ist ein Zustand, in dem die Medien fast vollständig die Wahrnehmung der Wirklichkeit bestimmen", erklärte er. Sie setzten Themen, überspitzten diese und verstärkten damit den Eindruck, dass alles immer schlimmer werde. Denn eine Annahme vieler Medienkonsumenten trifft tatsächlich zu: Heute werden rund siebenmal mehr negative als positive Nachrichten veröffentlicht als noch vor etwa 60 Jahren.

OB Staab lobt VHS-Zusammenschluss

Das Interesse der rund 250 Gäste war ihm aber von Anfang an gewiss, wie auch OB Martin Staab erfreut feststellte. Mit Horx sei es der VHS gelungen, einen der einflussreichsten Zukunftsforscher nach Radolfzell zu holen. Insofern, so Staab, habe sich die Fusion der VHS ebenfalls als zukunftsweisend herausgestellt, die Vorträge wie diesen erst möglich gemacht hätten.