Grandios ist sie gestartet, die beliebte Reihe Jazz Open an der Alten Konzertmuschel. Volker Wagner vom Verein Zeller Kultur und seine Mitstreiter konnten sich auf der Mettnau wieder über dicht bevölkerte Stuhlreihen und viele Picknickdecken auf den Wiesen freuen. Denn längst ist der Jazz am Sonntagvormittag für die ganze Familie Kult geworden.

Mit der Eberhard Budziat Bigband aus Stuttgart hatten die Veranstalter die richtige Wahl getroffen. Fast alle Titel an diesem Vormittag stammen aus der Feder des Bandleaders, der Posaunist, Komponist und Arrangeur in Personalunion ist. „Wir sind überwältigt vom Ambiente hier mit Park und See“, sagt Budziat, „da sind wir mit Stuttgart 21 nicht verwöhnt.“

Druckvolle Soli als Konstraste

Eher ruhig, aber mit druckvollen Soli von Trompete, Posaune und Sopransaxofon beginnt es mit „Sweet Emma“, der bekannten Pianistin und Sängerin Emma Barrett (1897-1983) aus New Orleans gewidmet. „Marzipan“ ist eine Hommage an die geliebte Katze des Bandleaders, die verschwunden war und nach fünf Jahren wieder auftauchte.

Im echten Tango-Feeling, mit Ausflügen in den Swing, traurigem Solo vom Saxofon und dramatischen Rhythmus-Wechseln erstirbt das Stück im sanften Dur-Akkord. Der Zuhörer ahnt: Die Freude über die Rückkehr der kranken Katze wurde alsbald durch ihren Tod getrübt.

„Melancholia“ hat Balkan-Harmonien. Das Tenor-Saxofon bläst sanfte Folgen und steigert sich zum erregten Spiel mit exklusiven Blastechniken. Immer lassen die fünf Saxofonisten, vier Posaunisten, vier Trompeter und die Rhythmus-Gruppe von Bass, Piano und Schlagzeug den jeweiligen Solisten allen Raum zur Entfaltung und zur kreativen Improvisation.

Heimspiel für Schlagzeuger Martin Deufel

Waschechter Radolfzeller ist der Schlagzeuger Martin Deufel, der Kaugummi kauend mit Sonnenbrille den Coolen gibt – dabei unbestechlich klar und präzise als Rhythmusgeber.

Brandneu sei der Titel „Bobipbabip“, das hätten sie noch nie zusammen gespielt, gesteht der Bandleader. Ungemein wild und energiegeladen spielt die Band perfekt vom Notenblatt, und Posaunist Eberhard Bodziat obliegt ein treibendes Solo – Premiere gelungen!

Wenn das Schwabenland groovt

Mit Sätzen aus seiner „Remstal-Sinfonie“ zeigt Budziat, dass seine Musiker auch den sinfonischen Jazz drauf haben: Die Sinfonie hat er der Wahlheimat gewidmet, man ahnt die „Schwäbische Seele“ (Swab Soul) im breiten Klang, von der Posaune wummernd und klagend mit beweglichem Dämpfer eingeleitet und macht in „Maultaschen und Fleischküchle“ mit zwei gegenläufigen Melodien den Streit ums Lieblingsgericht aus.

Publikum lässt sich nicht lange bitten

„Kibudzi“ schließlich, wo zwei Saxofonisten zu Klarinette und Querflöte greifen, ist feinster Jazz im Klezmer-Stil, ungemein mitreißend und zum Mitmachen auffordernd: Da lässt sich das Publikum nicht lange bitten und agiert gerne als Background-Chor und mit Klatsch-Rhythmus. Zugabe nach langem Applaus ist „I left my heart in San Francisco“ im tollen Bigband-Arrangement.