Die Stadt Radolfzell besitzt ihre drei Schutzpatrone, die heiligen Hausherren. Und in humorvoller Anlehnung daran werden die drei ehrenamtlich tätigen Mitarbeiterinnen Hannelore Dreher, Hanny Bühler und Helga Kunzelmann aufgrund ihres gemeinsamen Anfangsbuchstaben im Vornamen gerne als die drei „Hs“ in der Pfarrei bezeichnet. Darin drückt sich Wertschätzung aus für jahrzehntelange Mitarbeit. Vielleicht beeindruckt die Summe des ehrenamtlichen Engagements: 191 Jahre ehrenamtlicher Einsatz für die Jugend, für die Münsterpfarrei und damit auch für die Stadt. Eine unglaubliche Zahl, die wahrlich rekordverdächtig ist. Wie kam es dazu?

Keineswegs war es den Dreien in die Wiege gelegt, einen solchen Lebensweg zu beschreiten. Prägend bei ihnen waren überzeugte Christen, Jugend- oder wie es damals noch hieß Frohscharleiterinnen und Vikare. Vorbilder, die offenbar motivierten, bisweilen auch gegen Widerstände von zuhause. So musste eine von ihnen noch abends nach den Gruppenstunden heimlich die Hausaufgaben auf dem Fußboden im Schlafzimmer nachholen. Geschenktes Vertrauen einiger Beziehungspersonen legten einen Grundstock für diese fantastische Leistung. Dabei waren die drei "Hs" noch keine Freundinnen und gingen auch nicht in die gleichen Volksschulklassen.

Eine Jugend ohne ständige Reizüberflutung

Man muss sich die Nachkriegszeit vor Augen führen. Keineswegs gab es so viele Vereine und Angebote wie heute. Da war die kirchliche Jugendarbeit mit ihren Freizeitprogrammen attraktiv, erwachsen aus einem glaubwürdigen Widerstand im Dritten Reich mit prägenden Gestalten wie Vikar Ruby und anderen. Auf diesem Nährboden konnte man aufbauen. Die Mittel waren bescheiden und verleiten noch heute zum Austausch mancher Anekdoten, so etwa, wenn man im „Hüttle“ auf der Mettnau Spaghetti im Waschzuber mit dem Tauchsieder erhitzte. Wenn man erst eine Wasserflasche mitbringen musste, um damit eine alte Allweilerpumpe in Gang zu setzen und schließlich dann Wasser für Kaffee und Tee zu kochen. Insbesondere die Aktivitäten an den Sonntagnachmittagen waren sehr gut angenommen.

Das Pfarrhaus war für die Jugend noch tabu, das Weinzierlhaus (heute Bernhard Maurer-Haus) musste erst allmählich erobert werden, wozu der junge Frauenjugend-Vikar Bernhard Maurer ab 1958 beitrug. Improvisationskünste waren gefragt und schweißten zusammen. Aus einer Jugendgruppe wurden im Laufe der Zeit zum Beispiel bei Hannelore Dreher etwa 30 Gruppen mit bis zu 24 Kindern und zusammen mit Hanny Bühler und Helga Kunzelmann beeindruckten die drei „Hs“ bei den Wochenendfreizeiten auf dem Schenkenberg ab 1963 (40 Jahre lang) und den Sommerlagern im Appenzellerland.

„Geschnitzter Dank“: Bei der Verabschiedung von Pfarrer Michael Hauser wurden auch die langjährigen ehrenamtlichen Mitarbeitende Hanny Bühler, Hannelore Dreher und Helga Kunzelmann (von links) mit je einer geschnitzten Statue für ihren Einsatz von 191 Jahren in der Pfarrei geehrt.
„Geschnitzter Dank“: Bei der Verabschiedung von Pfarrer Michael Hauser wurden auch die langjährigen ehrenamtlichen Mitarbeitende Hanny Bühler, Hannelore Dreher und Helga Kunzelmann (von links) mit je einer geschnitzten Statue für ihren Einsatz von 191 Jahren in der Pfarrei geehrt. | Bild: Christof Stadler

Manche Gruppen blieben sogar zehn Jahre zusammen. Bergwandern, Spiele und Basteln, erinnert sei an die Bastelausstellungen im Advent, Fahrten, Diskussionen zu Kirche und Gesellschaft, schufen wertvolle Grundlagen für die Zukunft der Heranwachsenden. Diskurs war schon vor der 1968er-Bewegung angesagt, wenn auch im anderen Rahmen. So übernahm Helga Kunzelmann später auch Verantwortung in den diözesanen Gemeinschaften Christlichen Lebens (GCL) und Hanny Bühler als Dekanats-Frohscharleiterin.

Einsatz mündet in die Jugendorganisation Hausherrengruppe

Dieses Engagement wurde möglich, weil sich alle drei, unabhängig voneinander, für ihre Lebensberufung entschieden, zum Wohle der Allgemeinheit. Bei allen anderen Wechseln in der Jugendarbeit, auch in Krisenzeiten, waren sie die Konstante und dies sorgte für, menschlich gesprochen, Erfolg. Da war Verlass, konnten Erfahrungen an Jüngere weitergegeben werden. Dies mündete in der Gründung der unabhängigen Jugendorganisation „Hausherrengruppe e.V.“ 1967, maßgeblich durch Pfarrer Bernhard Maurer gefördert, um unabhängig und vor Ort wirken zu können.

Mit der Pensionierung der Drei, Hanny Bühler arbeitete als Schneiderin bei der Firma Renk und Esser, Helga Kunzelmann bei der Verrechnungsstelle und Hannelore Dreher zuletzt als Pfarramt-Sekretärin, verabschiedeten sie sich nicht, blieben treue Stützen, sodass eigentlich im Pfarrhaus immer jemand erreichbar war. Dies wird sicher in Zukunft fehlen, man wird sich umgewöhnen müssen.

Und doch ist der Zeitpunkt der richtige und langweilig wird es sicher nicht, denn in all den Jahrzehnten entstanden Beziehungen. Die Seelsorgeeinheit und viele in der Stadt sind dankbar für diesen außergewöhnlichen Lebenseinsatz um „Himmelslohn“, denn vergelten kann man so etwas nicht. Sicher werden aber viele, die mit ihnen zu tun hatten, sich persönlich bedanken, und vielleicht auf dem Wochenmarkt auf die Schulter klopfen mit dem Spruch „Weißt du noch, damals…“. Diese wertschätzenden Erinnerungen könnten der irdische Dank sein.