1964 kam der frühere Stadtmusikdirektor Heinrich Braun nach Radolfzell, um die Stadtkapelle zu übernehmen und sich um den fehlenden Nachwuchs zu kümmern. Der verdiente Stadtmusikus und drei seiner ersten Zöglinge erinnern sich an die Zeit, in der sich der Nährboden für die heutige Musikstadt Radolfzell entwickelte.

"Viel Ausbildung bei den Streichern fand aber schon unter meinem Vor-Vorgänger Fritz Ruf statt", stellt Braun über 50 Jahre später klar. Man sei immer bemüht gewesen, gute Leute für die Stadtkapelle und das Städtische Orchester zu gewinnen.

"Ich erinnere mich an eine Episode vor meiner Zeit in Radolfzell, wo die Stadt am Schwarzen Brett der Musikhochschule Freiburg die Stelle eines Strom- und Gasablesers angeboten hat – vorzugweise an einen Streicher oder Bläser, der bereit ist, in den Orchestern mitzuspielen. Das hat damals für ziemlichen Wirbel unter den Musikstudenten gesorgt", berichtet Braun.

Albrecht verpflichtet Braun

Doch zurück zum Jahr 1964: Beeindruckt von einem von Heinrich Braun geleiteten Auftritt des Musikvereins Hochdorf beim Blasmusikfest in Offenburg, warb Bürgermeister Hermann Albrecht, seinerzeit Präsident des Bundes Deutscher Blasmusikverbände, den erst ein Jahr an der Lindauer Musikschule tätigen Klarinetten-Lehrer ab. "So sieht ein richtiger Macher aus", sei es ihm bei seinem ersten Gespräch in Albrechts Dienstzimmer durch den Kopf geschossen, erinnert sich Heinrich Braun.

Auftritt des Jugendblasorchesters Radolfzell 1969 – wahrscheinlich beim Weihnachtskonzert: Vorne spielen (von links) Wolfgang Riester, Jürgen Solf und abgeschnitten Bernd Rihm, hinten spielen Raimund Degen, Herman Vogler und Bernd Bosch. Bild: Liedl-Archiv
Auftritt des Jugendblasorchesters Radolfzell 1969 – wahrscheinlich beim Weihnachtskonzert: Vorne spielen (von links) Wolfgang Riester, Jürgen Solf und abgeschnitten Bernd Rihm, hinten spielen Raimund Degen, Herman Vogler und Bernd Bosch. Bild: Liedl-Archiv

Ein halbes Jahr später trat Braun seinen Dienst bei der Stadt Radolfzell als hauptamtlicher Dirigent an, um die "vollkommen darniederliegende Stadtkapelle" mit gerade mal 17 Aktiven zu übernehmen.

Ein schlechtes Konzert bringt Dynamik in die Sache

Zu den wenigen Instrumentalisten mit solidem Können, mit denen er mit Vergnügen einige der Divertimenti von Mozart spielen konnte, gehörten Klarinettist Josef Duttle und Fagottist Gerald Schäuble. Doch nach einem wenig gelungenen Kurkonzert überfiel Braun das heulende Elend. Er zweifelte an seinem Job, weil er an diesem Tag "geradezu erbärmliche Musik" gemacht habe.

"Deshalb beschloss ich, nachdem ich mich wieder gefasst hatte, durch intensive Ausbildung von Jugendlichen mir den Traum von guter Musik zu erfüllen", erzählt Heinrich Braun.

Der Nachwuchs wird rekrutiert

Fünf Jungmusiker aus der Zeit seines Vorgängers Helmut Weigel habe er bereits in Ausbildung gehabt. Mit einem von Bürgermeister Albrecht unterzeichneten Schreiben wandte er sich an die Radolfzeller Schulen. Im Gymnastiksaal der Ratoldusschule kamen im November 1964 mehr als 60 Buben und Mädchen im Alter von acht bis zwölf Jahren zusammen, die bereit waren, ein Instrument spielen zu lernen.

Zur Nachwuchswerbung intonierte ein aus Josef Duttle, Karl-Heinz Kossmann, Heinrich Geib, Heinz Wittke sowie Heinrich Braun bestehendes Bläser-Quintett den Marsch des Yorkschen Korps 1813 von Beethoven. "Wie die Fünf da vorne so fröhlich musiziert haben, das hat richtig Lust gemacht", erzählt Wolfgang Riester, dem damals ein Tenorhorn in die Hand gedrückt wurde. "Wir mussten einen Ton nachsingen und einen Rhythmus nachklatschen", erinnert sich der Musiker, der bis heute in der Stadtkapelle spielt.

Musikmachen fasziniert die Jugendlichen

Die neu rekrutierten Schüler waren mit Eifer bei der Sache. Riesters Musiker-Kollege Jürgen Kupferschmid erzählt: "Plötzlich waren alle meine Freunde weg und mittags oder abends beim Üben im Proberaum Hinter der Burg." Er entschloss sich wenig später, in der Bläserschule Posaune zu lernen.

Im Dezember begannen schließlich bei Heinrich Braun 36 Buben und zwei Mädchen die Instrumentalausbildung. Der Unterricht kostete damals "stolze sechs Mark" – im Monat, wohlgemerkt. Ein Jahr später, 1965 beim vorweihnachtlichen Konzert der Stadtkapelle im Scheffelhof, hatte das Jugendblasorchester mit Liedern zur Adventszeit und zwei Bläsersätzen von Gustav Lotterer seine Premiere.

Musikdirektor Heinrich Braun mit seinen ersten Zöglingen im Jugendblasorchester (von links): Wolfgang Riester, Jürgen Kupferschmid und Dietmar Baumgartner studieren alte Fotos und erinnern sich gerne an ihre musikalische Ausbildung im Proberaum Hinter der Burg. Bild: Marina Kupferschmid
Musikdirektor Heinrich Braun mit seinen ersten Zöglingen im Jugendblasorchester (von links): Wolfgang Riester, Jürgen Kupferschmid und Dietmar Baumgartner studieren alte Fotos und erinnern sich gerne an ihre musikalische Ausbildung im Proberaum Hinter der Burg. Bild: Marina Kupferschmid

Schon 1966 folgte die erste Teilnahme am Wertungsspiel des Hegau-Musikverbandes in Nenzingen, wo die 37 Jungmusiker in der Anfängerstufe das Prädikat "hervorragend" erzielten. "Das Jugendblasorchester von Radolfzell hat mit den beiden Vorträgen eine imponierende Leistung vollbracht. Es ist kaum zu glauben, dass in einer Aufbauarbeit von nur zwei Jahren derartige Leistungen heranreifen können", fasst der Wertungsbericht den Gesamteindruck zusammen.

Die Erfolgsgeschichte beginnt

Heinrich Braun hat die Bilder aus diesen Zeiten noch im Kopf: "Überall, wo wir auftraten, haben sich Scharen von Kindern an unsere Fersen geheftet." Das Jugendblasorchester war wie ein Magnet, der immer neue Musiker anzog.

Sehr zum Leidwesen der Älteren wie Wolfgang Riester, der schon früh vom Jugendblasorchester in die Stadtkapelle wechseln musste: "Ich fand es sehr schade, dass ich damals an der ersten großen Konzertreise nach Schweden nicht mehr teilnehmen konnte."

Durchbruch bei Jugend musiziert

Stadtrat Dietmar Baumgartner (Trompete), ebenfalls ein Urgestein der Stadtkapelle, gehörte wie die Musiker Peter Walz und Thomas Schoch (beide Trompete) sowie Jürgen Kupferschmid (Posaune), Raimund Degner (Tuba) und Dieter Rigling (Schlagzeug) zu jenem Sextett, mit dem Braun 1969 bei "Jugend musiziert" der Durchbruch gelang – mit einem dritten Preis beim Bundeswettbewerb in Heidelberg.

Zuvor waren die Burschen, wie sich Baumgartner schmunzeld erinnert, aus der Jugendherberge geflogen. Sie waren beim Rauchen erwischt worden. Zur Strafe mussten sie in ein Hotel umziehen und die Kosten wurden auch noch von der Wettbewerbsleitung übernommen.

Immer wieder "Jugend musiziert"

Der Bundespreis war der Beginn einer Erfolgsserie bei "Jugend musiziert", die in den folgenden Jahren unter anderem Suso Stoffel, Klaus Schuhwerk, Ralf Springmann und Rainer Gabele als bundesweit erfolgreiches Bläserquartett fortgesetzt haben. Im November 1969 übertrag der Südfunk eins die in der Ratoldusturnhalle aufgenommene Sendung "Klang und Sang aus Stadt und Land – heute aus Radolfzell".

Im Jahr darauf beteiligte sich das JBO (Jugendblasorchester) erstmals am Hafenkonzert "Gruß vom Bodensee". Parallel dazu füllten sich die Reihen der Stadtkapelle mit gut ausgebildetem Nachwuchs, so dass der Durchbruch zu Höchstleistungen gelang wie erstmals 1974 am Welt-Musik-Festival in Kerkrade in Holland, wo die Radolfzeller als erstes deutsches Orchester in der höchsten Klasse völlig überraschend die Goldmedaille errangen.

"Dabei gaben wir uns zunächst eine echte Blöße, denn wir hatten kein Einspielstück vorbereitet. So spielten wir einfach eine Tonleiter – sehr zur Erheiterung der Zuhörer und Juroren", plaudert Heinrich Braun aus dem Nähkästchen.

Der Wert der Musik

"Diese frühen Jahre haben uns alle sehr geprägt. Was die Stadt damals für die musikalische Jugendbildung geleistet hat, war für uns alle, die von Haus aus nicht zu den Begüteten gehörten – also für den größten Teil des Orchesters –, von unschätzbarem Wert", sagt Dietmar Baumgartner. Das Geld für den Unterricht war nicht kostendeckend, die Stadt trug die Differenz. "Sicher wäre mancher Lebensweg weniger positiv verlaufen", glaubt Baumgartner.

Mehrere JBO-Mitglieder wurden später Profis

Ein Großteil der ehemaligen Mitglieder des JBO spielt heute noch in der Stadtkapelle oder musiziert in anderen Formationen. Einige haben die Musik sogar zu ihrem Beruf gemacht und spielen in namhaften Orchestern wie die Klarinettisten Uwe Stoffel in der Württembergischen Philharmonie Reutlingen sowie Martin Stoffel im Philharmonischen Orchester Bremen, Ralf Springmann im Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks oder Michael Kiefer als Solo-Oboist am Staatsorchester Stuttgart. Und nicht zuletzt Kuno Rauch als heutiger Dirigent von JBO, Stadtkapelle Radolfzell, Musikverein Markelfingen und des Jugendblasorchesters des Verbands.