Im Jahreskalender der Stadt spielt es eine wichtige Rolle: das Hausherrenfest. Im Mittelpunkt steht eine Prozession. Bei ihr werden am Hausherrensonntag, gewöhnlich der dritte Sonntag im Juli, die Reliquien des heiligen Zeno, des heiligen Theopont und des heiligen Senesius feierlich durch die Stadt getragen. Man ruft damit die Schutzheiligen der Stadt um ihren weiteren Beistand an und dankt ihnen für einen solchen in vergangenen Tagen.

Wie beispielsweise am Ende des Zweiten Weltkrieges. Alliierte Soldaten standen vor der Stadt und drohten diese in Schutt und Asche zu legen, wenn sie nicht umgehend kampflos übergeben werde. Sie wurde es zum Glück, Radolfzell blieb erhalten, und die fremden Soldaten waren noch nicht lange in die Stadt eingerückt und hatten diese besetzt, als sich die Bevölkerung in Scharen zum Dankgottesdienst für die Schutzheiligen in ihrem großen und schönen Münster versammelte. So blieb es alle Jahre bis heute, und das Hausherrenfest ist sichtbarer Ausdruck der Treue der Radolfzeller zu ihren Hausherren.

Das Hausherrenfest hat aber durchaus auch seinen weltlichen Charakter. In der ganzen Stadt wird an den drei Hausherrentagen (Samstag, Sonntag und Montag) gefeiert. Besonders auch am See, wo die örtlichen Vereine ihre Stände aufgeschlagen haben und die gut gelaunten Festbesucher bewirten. Und wenn es dunkel wird, gibt es einen Korso illuminierter Boote auf dem See sowie ein großes Feuerwerk. Ein optischer Glanzpunkt ist auch am Festmontag die Wasserprozession aus Moos nach Radolfzell. Da gleiten wunderschön geschmückte Boote mit festlich gekleideten Mooser Bürgersfrauen und Bürgern über den See auf den Radolfzeller Hafen zu, wo bereits die hohe Geistlichkeit und Weltlichkeit zum Empfang und Geleit zum Münster bereitstehen. Dort wird das „Mooser Amt“ gefeiert.

Nun finden diese Wasserprozession und der Gottesdienst im Münster als Dank der Mooser für erfahrenen Schutz bei einer Viehseuche im Hegau in den Jahren 1796/1797 statt. Und dennoch hängt das Geschehen auch mit den Reliquien der Heiligen zusammen, die im Münster aufbewahrt und am Hausherrensonntag im goldenen Schrein durch die Stadt getragen werden. Einer der Hausherren, St. Senesius nämlich, gilt als Schutzpatron auch der Landwirte und Viehzüchter. Dies deswegen, weil er es einst der Sage nach fertig brachte, durch einen Zauberspruch einen Ochsen in zwei Hälften zu teilen, ein Kunststückchen, das ihm auch die vielen Zauberer unserer Tage so leicht nicht nachmachen.

Damals hieß Senesius allerdings noch Theonas und war ein höchst weltlicher Zauberer. Mit seiner Ochsenteilung wollte er den frühchristlichen Bischof Theopont beeindrucken, den der römische „Christenfresser“ und Kaiser Diokletian in den Kerker hatte werfen lassen, weil er sich weigerte, dem Christentum abzuschwören. Doch St. Theopont überzeugte den Zauberer von der christlichen Lehre. Daraufhin wurde Theonas von Theopont im Kerker auf den Namen Senesius getauft – und durfte auch gleich bei Theopont im Kerker bleiben.

Beide wurden wenig später im Jahr 303 vom vermutlich wutschnaubenden Diokletian umgebracht: Theopont wurde enthauptet, Senesius lebendig begraben. Dafür wurde ihnen später zu Zeiten von inzwischen auch christlich gewordenen römischen Kaisern der Heiligenschein zuteil. Die katholische Kirche sprach sie heilig. Ihre sterblichen Überreste, eben jene Reliquien, von denen die Rede war, wurden vom heiligen Radolt 830 nach Radolfzell überführt. Mit den sterblichen Überresten der beiden Heiligen brachte der gleichfalls heiliggesprochene Stadtgründer von Radolfzell, der hl. Radolt (770 – 846), seinerzeit auch Reliquien des heiligen Zeno mit, eines der ersten Bischöfe im italienischen Verona, dem seine Schäflein seinerzeit den schönen Beinamen „der lächelnde Bischof“ gegeben hatten. St. Zeno starb im Jahr 371 oder 372 und ist damit gleichfalls ein Heiliger aus der christlichen Frühzeit.

Es gibt übrigens nicht nur ein eigenes Hausherrenlied, sondern auch eine Hausherrenglocke im Münsterturm, der der höchste Kirchturm am Bodensee ist und am Hausherrensonntag und -montag bestiegen werden kann. Sie wird auch nur bei besonders festlichen Anlässen, wie etwa dem Hausherrenfest, geläutet, und wenn dann sie mit ihrem dunklen, mächtigen Ton zu hören ist, dann ist jeder Radolfzeller, ob gläubig oder nicht, in feierliche Stimmung versetzt – wie es sich zum Hausherrenfest gebührt.

Über die Serie "Zeitlupe"

Im nächsten Jahr wird in Radolfzell das 750-jährige Bestehen der Stadt gefeiert. Die SÜDKURIER-Lokalredaktion nimmt das zum Anlass, um Grundwissen über die örtliche Geschichte zu vermitteln. Im ersten Serienbeitrag ging es um den Stadtgründer Radolt, heute werden die Heiligen Senesius, Theopont und Zeno vorgestellt. Die Kirchenheiligen werden als Hausherren bezeichnet, ihrer wird alljährlich beim Hausherrenfest gedacht. (sk)