In der Flüchtlingsarbeit ist ein neues Kapitel aufgeschlagen worden. Nachdem es in den vergangenen Jahren um die bloße Versorgung der Geflüchteten ging, heißt es jetzt, den Weg in ein selbstständiges Leben zu ermöglichen. Nach der großen Anzahl an Flüchtlingen im Jahr 2015 hat sich der Zustrom reduziert, viele Notunterkünfte sind geräumt worden. Einige weitere könnten geschlossen werden, wenn denn die Bewohner eine andere Wohnung finden würden.

Der Zustrom ist überschaubar geworden

In Radolfzell leben aktuell 211 Personen in einer Not- oder Gemeinschaftsunterkunft. 156 in der Gemeinschaftsunterkunft in der Kasernenstraße, 55 in der Notunterkunft in der Herrenlandstraße. Laut Susanne Schaffart, Flüchtlingsbeauftragte der Stadt Radolfzell, würden dem Landkreis Konstanz vom Bund im Schnitt monatlich 34 Personen zugewiesen. Diese würden dann auf alle Gemeinden des Kreises verteilt werden. Eine überschaubare Zahl. Der Integrations- und Flüchtlingsbericht gibt einen Überblick über den Stand der Dinge.

Wenig Plätze in Anschlussunterbringung

Ein großes Problem stellen nach wie vor die Anschlussunterbringungen dar. Aktuell leben nur 55 Personen in einer städtischen Anschlussunterbringung. Neben einigen kleineren Wohneinheiten leben diese Geflüchteten in den von der Stadt angemieteten Einrichtungen in Markelfingen (25 Personen) und Böhringen (22 Personen). Susanne Schaffart gab dem Ausschuss für Bildung, Soziales und Sicherheit einen Überblick über den Stand der Integration. So wurden in den vergangenen Wochen die Bewohner der Unterkünfte befragt. In der Unterkunft in Markelfingen leben mehr verschiedene Nationalitäten zusammen als in Böhringen.

Sprachniveau ist unterschiedlich

Auch der Integrationsstand der Sprache ist laut Susanne Schaffart recht unterschiedlich. So haben vier Personen noch kein Sprachzertifikat erhalten. 15 Personen haben das Sprachniveau A1 und A2 erhalten, haben also eine elementare Sprachanwendung erlernt. Ebenfalls 15 Personen haben ein B1-Zertifikat erworben und können sich selbstständig ausdrücken. Sechs Geflüchtete haben das B2 oder gar den Hauptschulabschluss erworben und sind in der Lage, auch komplexe Sachverhalte zu verstehen.

Arbeit, aber ohne Sprachkenntnisse

Susanne Schaffart fragte auch nach den Zielen der Bewohner. Hierbei war es den meisten wichtig, die Sprache noch besser zu erlernen. Fünf haben bereits eine Arbeit gefunden und sind laut Schaffart über Zeitarbeitsfirmen befristet angestellt. Eine Person absolviert eine Ausbildung, zehn Personen wollen sich eine Ausbildung oder eine Arbeit suchen und drei Personen gaben an, kein Interesse an einer Tätigkeit zu haben. Die mangelnde Sprache sei bei der Jobsuche hinderlich, selbst wenn eine Anstellung gefunden werde, sagte Susanne Schaffart. "Sie verstehen zum Teil die Verträge nicht, die sie unterschreiben. Dafür reichen die Sprachkenntnisse nicht aus", so die Flüchtlingsbeauftragte.

Etwa 20 Prozent finden eine private Unterkunft

Es gibt auch Geflüchtete, die in einer privaten Anschlussunterbringung leben. 123 Personen leben laut Integrationsbericht nicht in einer städtischen Unterkunft. Laut OB Martin Staab gehe auch das Landratsamt davon aus, dass etwa 20 Prozent der Geflüchteten im Kreis eine Wohnung auf dem freien Markt bekommen. Vereinzelt springe die Stadt als Vermittler ein und miete die Privatwohnungen für Familien. Dies sei bereits drei Mal durchgeführt worden. Jedoch seien die Mietverträge ebenfalls nur befristet. Eine dauerhafte Lösung, dass nach dem Ablaufen einer Frist, der Geflüchtete als Mieter in den Vertrag wechselt, konnte noch nicht gefunden werden. Der Druck auf die Stadt steige, da der Landkreis die Unterkunft in der Herrenlandstraße angesichts der sinkenden Zahl an Neuzuweisungen schnellstmöglich auflösen möchte, so Staab.

Türkische Bewohner ziehen häufiger weg

Günter Wenger, Leiter des Fachbereichs Integration, Soziales, Bürgerschaftliches Engagement und Senioren, blickte während der Sitzung auf den allgemeinen Stand an Radolfzellern mit ausländischer Staatsangehörigkeit. Auffällig sei der Rückgang an türkischen Staatsangehörigen. "Früher waren die Länder Italien und Türkei fast gleichauf, jetzt scheinen viele türkische Mitbürger Radolfzell wieder verlassen zu haben", so Wenger. Einen deutlichen Zuwachs gebe es allerdings an Menschen aus Osteuropa, vor allem viele rumänische Staatsangehörige seien in den vergangenen Jahren nach Radolfzell gezogen.

Integrationsmanager

  • Ab dem 1. Mai wird es in Radolfzell zwei Integrationsmanager geben. Sie sind vom Landkreis engagiert und werden vom Land Baden-Württemberg bezahlt. Sebastian Vogt vom Diakonischen Werk wird sich Vollzeit um die Bewohner der Anschlussunterbringungen in der Kernstadt und den Ortsteilen kümmern. Er war schon zuvor in der Flüchtlingsarbeit der Diakonie tätig. Carsten Hahn war bisher zu 100 Prozent beim Sozialen Dienst für Asylsuchende beim Amt für Migration und Integration des Landratsamtes Konstanz beschäftigt. Ab dem 1. Mai wird er 70 Prozent seiner Arbeitszeit als Integrationsmanager und 30 Prozent weiterhin im Sozialen Dienst tätig sein.
  • Im Landkreis Konstanz nehmen insgesamt 27 Integrationsmanager ihre Tätigkeit auf. Bis 2019 hat das Land den Gemeinden und Städten insgesamt 1,6 Millionen Euro für 25,59 Vollzeitstellen bewilligt. Bei der Stellenverteilung sind 14,84 Stellen beim Landratsamt und 10,75 Stellen bei der Liga der freien Wohlfahrtspflege, also Diakonie, Caritas, DRK und Awo.
  • Aufgabe der Integrationsmanager ist es, Geflüchtete in ihren Anschlussunterbringungen zu betreuen, individuell zu beraten und zu unterstützen. Es sollen persönliche Integrationspläne mit Qualifikationen, Kompetenzen, Schulbildung und Berufsabschluss sowie gewünschte Ziele schriftlich festgehalten werden. Schwerpunkt sind das Erlernen der Sprache, die Integration auf dem Arbeitsmarkt sowie die Aspekte Wohnen, Schule und Bildung.