Thomas Stark outete sich beim Neujahrsempfang der Stadt Radolfzell als ein echter Fan des neuen Gebwerbegebietes Blurado. Nicht etwa, weil er als möglicher Investor auftreten möchte und als Gastredner die Chance nutzen will, sich bereits im Vorfeld die besten Flächen im Kreuzbühl für eine Firmenniederlassung zu sichern. Vielmehr sieht der Professor der Konstanzer Hochschule für Technik, Wirtschaft und Gestaltung (HTWG) darin einen Meilenstein der baulichen Entwicklung in der Gesellschaft, wie er im Milchwerk erklärte.

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Die rund 500 Zuhörer hatte der Experte für Klimaschutz und nachhaltiges Bauen schnell in seinen Bann gezogen. Schnell wurde dabei deutlich, dass hier ein Mann spricht, der für Klima- und Umweltschutz brennt. „Was die Stadt mit ihrem klimaneutralen Gewerbegebiet plant, ist ein echtes Pilotprojekt“, sagte der Professor. Für den eingeschlagenen Weg gab es von Stark eine gehörige Portion Anerkennung und Respekt.

So betonte er, dass man in Deutschland lange, vielleicht sogar vergeblich suchen müsse, um ein vergleichbares Projekt zu finden. Das Bulrado wird bei seiner Fertigstellung ausschließlich mit erneuerbaren Energien durch Oberflächen-Agrothermie und Solarkollektoren versorgt. „Gewerbegebiete sind im Normalfall eher so etwas wie die Stiefkinder der Stadtplanung“, so der Konstanzer Professor weiter.

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Und das es manchmal doch auf die Größe ankommt, machte Stark anhand der vorgeschriebenen Fotovoltaikanlagen auf den Dächern im Blurado deutlich. Denn auf die komme es in Zukunft an: „Die Dächer sind die Ölfelder der Zukunft und diese werden im neuen Gewerbegebiet vollumfänglich genutzt.“

Mit der Kraft der Sonne

Weltweit wird laut Thomas Stark die Hälfte der erzeugten Energie dafür verwendet, um Gebäude zu bauen oder sie später zu betreiben. „Entscheidungen im Baubereich sind deshalb für den Klimawandel sehr bedeutend“, sagte Stark. Beim Bauen im Zeichen des Klimawandels – so lautete auch der Titel seines Vortrages – sieht er zwei natürliche Energiequellen als Basis für die Zukunft: Wind – und Sonnenkraft.

Vor allem von der Sonnenenergie erhoffe er sich viel. Oder wie Stark es formulierte: „Die Sonne schafft es, die Erde von 273 Grad Minus auf einen Mittelwert von zehn Grad zu erwärmen. Die restlichen zehn Grad, die wir für ein warmes Zuhause von 20 Grad benötigen, schafft sie bestimmt auch noch.“ Windenergie und Fotovoltaik seien damit die Energiequellen der Zukunft.

Mit der Kraft der Sonne: Das Solarhaus Ecolar-Home nutzt die bisher ungenutzte Energie aus der Umgebung, um Strom für Wasser und Heizung zu generieren. Es wurde von Studenten der HTWG Konstanz 2012 entworfen. Bild: Bettina Grosshardt
Mit der Kraft der Sonne: Das Solarhaus Ecolar-Home nutzt die bisher ungenutzte Energie aus der Umgebung, um Strom für Wasser und Heizung zu generieren. Es wurde von Studenten der HTWG Konstanz 2012 entworfen. | Bild: Bettina Grosshardt

Dem von vielen Gegnern als zu hoch gegriffenem Ziel, bis zum Jahr 2030 65 Prozent des Bruttostromverbrauches aus erneuerbaren Energien zu erwirtschaften, sieht Thomas Stark gelassen entgegen. „Bereits im vergangenen Jahr sind wir hier bereits bei über 40 Prozent angekommen. Wir sind also auf einem sehr guten Weg.“ Laut Stark wurden in 2019 deutschlandweit alleine durch Fotovoltaikanlagen 243 Terawattstunden an Strom erzeugt. Im Vergleich dazu: 2010 lag diese Zahl noch bei 105 Terawattstunden. „2019 lag der Ertrag so hoch wie noch nie.“

Stark und das Holz

Von einem Energieproblem will Stark indes nichts wissen. Im Gegenteil, wie er während seines Vortrages beim Neujahrsempfang betonte: „Wir haben ein Emissionsproblem.“ Das entstehe durch das verbrenenen von fossilen Stoffen wie Kohle, Holz oder Öl. Stark nutzte während seiner Rede die Gunst der Stunde, um aus seiner Sicht mit Vorurteilen aufzuräumen. „Wir haben gigantisches Potenzial um Strom direkt bei uns vor der Haustüre zu erzeugen“, sagte er.

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Man müsse in den kommenden Jahren nur lernen, dieses Potenzial auch zu nutzen. Dies erfordere aber auch ein Umdenken bei Architekten und Auftraggebern. Ein Weg hierzu: Der richtige Einsatz von Holz. „Bäume speichern CO2 über Jahre hinweg, deswegen ist es nicht förderlich, sie einfach nur als Brennmaterial zu betrachten“, sagte er. Vielmehr stelle Holz ein perfektes Baumaterial dar. „Man kann mit Holz alles bauen“, so Stark. Nur im Tiefbau sei es nicht verwendbar.

Die Sonnenkraft richtig nutzen

Wie der Klimawandel auch auf dem Bau Einzug halten kann, machte Gastredner Thomas Stark anhand von zwei Beispielen seiner Stundenten deutlich.

  1. Ein autarkes Solarhaus: Was die Stadtverwaltung mit dem Blurado-Gewerbegebiet im Großen plant, haben Studenten der HTWG Konstanz bereits im Kleineren umgesetzt: mit dem Ecolar-Home, einem Solarhaus. Wie Professor Thomas Stark berichtete, ist es zum Hochschulwettbewerb Solar Decathlon Europe 2012 entstanden und besteht aus einer modularen Holzkonstruktion. Es wurde als Energieplushaus konzipiert. „Das Haus nutzt lokale bisher ungenutzte Umweltenergie zur Gewinnung von Strom“, so Stark. Dazu sorge eine Fotovoltaikanlage und Wärmepumpe. „Die untätige Gebäudehülle nutzen wir für die Stromgewinnung.“ Schließlich dienen Dächer und Wände nicht nur zur Abwehr von Regen.
  2. Neues Projekt steht an: Wie man Bauschutt und -Abfälle weiterverwenden kann, wollen die Studenten der HTWG an einem eigenen Re-Use-Haus deutlich machen. Es soll laut Stark komplett aus Rückbaukomponenten und Abfällen aus dem ganzen Landkreis entstehen. Und davon gibt es eine ganze Menge. „In diesem Jahrzehnt soll etwa ein Viertel aller Gebäude in Radolfzell saniert werden, lautet seine Einschätzung. (mgu)