Der Naturschutzbund (Nabu) und niederländische Wissenschaftler melden alarmierende Zahlen: Die Anzahl der Vögel und Insekten in Deutschland geht deutlich zurück. Die Forscher aus den Niederlanden berichten im Fachmagazin "PLOS ONE", dass die Gesamtmasse an Insekten in den letzten 27 Jahren um 75 Prozent abgenommen hat. Fast zeitgleich warnt der Nabu: Die Zahl der Vögel bei uns geht zurück.

Der Radolfzeller Vogelkundler und Verhaltensforscher Peter Berthold arbeitet seit 1967 in der Vogelwarte des Max-Planck-Instituts in Radolfzell und erklärt, welche Folgen der dramatische Rückgang von Insekten wie Vögeln für die Menschen hat. Laut seiner Prognose könne die Region sich aufgrund des Rückgangs bis 2050 schon deutlich verändern. 

 

Herr Berthold, laut einer aktuellen Studie gibt es immer weniger Insekten in Deutschland. Sterben Insekten wirklich aus?

Es gibt mittlerweile eine ganze Reihe von Studien und die kommen in etwa zum selben Ergebnis. Der Entomologische Verein in Nordrhein-Westfalen hat beispielsweise herausgefunden, dass durch alle Gruppen hindurch die Insekten um fast 80 Prozent zurückgegangen sind. Wir haben in Radolfzell an der Vogelwarte Daten gesammelt, die Ähnliches zeigen. Früher haben wir Insekten im großen Stil als Vogelfutter gesammelt. Wenn wir das heute machen, haben wir vielleicht noch 10 bis 15 Prozent der Menge, die wir früher mal gefangen haben. Das gilt inzwischen für alle Insektengruppen, egal ob das Schmetterlinge, Heuschrecken oder Wildbienen sind. Das trifft auf ganz Deutschland zu. Es sind nicht nur einzelne Regionen. Jeder ältere Mensch merkt das allein daran, dass wir seit 20 Jahren im Sommer beim Autofahren keine Insekten mehr auf der Windschutzscheibe haben. Der Rückgang der Insekten ist also deutlich zu erkennen.

 

Kann es also passieren, dass es bald beispielsweise keinen Honig mehr gibt?

Auf jeden Fall. Wir sollten aber nicht nur Angst um den Honig haben, sondern auch Angst um das Überleben des Menschen. Wenn die Insekten noch weiter zurückgehen, werden ganz viele Nutzpflanzen wie Äpfel nicht mehr bestäubt. In diesem Jahr haben wir am Bodensee einen Ausfall der Apfelernte um circa 75 Prozent. Jetzt sagen viele Menschen, das liege am Spätfrost. Das ist aber nur ein Faktor, der eine Rolle spielt. Genauso entscheidend ist der bereits gravierende Mangel an Insekten. Ich selber betreibe nebenbei schon lange Landwirtschaft und früher war hier so ein Spätfrost kein Problem, weil trotzdem noch genug Blüten aufgeblüht sind, die dann von Insekten in einem kurzen Sonnenzeitraum bestäubt wurden. Heute reicht ein kurzes Sonnenfenster nicht mehr. Wo früher 100 Bienen zum Bestäuben waren, kommen heute vielleicht zwei oder drei Bienen. Die können das überhaupt nicht schaffen.

 

Wir werden also auch bei uns in der Region die Auswirkungen deutlich merken?

Hier steht das Schreckgespenst durchaus an der Türe. Der gesamte Obstbau am Bodensee kann unter Umständen durch Insektenmangel zusammenbrechen. Wir merken das auch deutlich im Alltag. Wenn Sie hier früher, so vor zirka 40 oder 50 Jahren, nachts ein Fenster aufgemacht haben und im Raum Licht an war, dann war der ganze Raum in kürzester Zeit voll mit Schnaken. Heute können sie das Fenster fast stundenlang offen lassen und es kommt so gut wie kein Insekt mehr in den Raum.

 

Der Naturschutzbund hat neben dem Schwinden der Insekten jetzt auch auf einen dramatischen Rückgang der Vögel hingewiesen. Können Sie das bestätigen?

In meinem Buch "Unsere Vögel. Warum wir sie brauchen und wie wir sie schützen können", habe ich den Rückgang der Vögel in Deutschland und Europa seit dem Jahr 1800 untersucht und dargestellt. Niemand in Deutschland hat über die Vögel einen besseren Überblick als wir in unserem Institut in Radolfzell. Ich arbeite dort seit 1967 und kann sagen, dass die Vögel in Deutschland seit 1800 im Hinblick auf die Individuen um 80 Prozent zurückgegangen sind. Wo früher also 100 Vögel gezwitschert haben, gibt es jetzt noch 20 mit weiterhin fallenden Tendenzen.

 

Also kann von Vogelsterben gesprochen werden?

Natürlich, ich habe da durchaus schon schlimmere Worte verwendet. Wenn wir beispielsweise das Rebhuhn anschauen, wo wir früher noch zehn Millionen Individuen hatten, gibt es heute vielleicht noch zehntausend Individuen.

 

Wo ist der Rückgang der Vögel zu spüren?

Das ist für uns Menschen besonders schlimm. Drei Paar Kohlmeisen reichen beispielsweise aus, um auf einem Hektar Obstplantage ungefähr die Hälfte aller Schadinsekten zu vernichten. Wenn wir diese Kohlmeisen verlieren, gibt es nichts mehr, was solche Schädlinge wie beispielsweise die Kirchessigfliege, die gerade aus Asien einwandert, aufhält. Die können dann in solchen Plantagen ganz schnell eine Massenvermehrung durchmachen und die gesamte Ernte vernichten. Die einzige Möglichkeit, die wir dann noch haben, ist, dass wir mit immer aggressiveren Spritzmitteln arbeiten müssen. Das bringt auf Dauer nichts, weil die Insekten dagegen resistent werden. Man kann ganz einfach sagen: Wenn die Artenvielfalt weiter so schwindet, wie es jetzt der Fall ist, gibt es für uns als Menschen auf der Welt keinerlei Überlebenschancen.

 

Welche Ursachen hat der dramatische Rückgang bei Insekten und Vögeln?

Die Hauptursache für den ganzen Rückgang der Artenvielfalt in Deutschland ist die immer intensivere Landwirtschaft. Vor allem die Landwirtschaft, die mit chemischen Stoffen arbeitet und damit natürlich viele Lebewesen tötet. In unseren großen Monokulturen wie Mais oder Weizen gibt es keine Unkräuter mehr. Dadurch gibt es keine Insekten, Käfer, Wanzen oder Kleinschmetterlinge mehr. Die Folge ist, dass Vögel kein Futter mehr haben. Insekten sterben zusätzlich auch durch die sogenannte Lichtverschmutzung aus. Nachts ist es fast überall hell erleuchtet. Die Insekten werden von Lampen angezogen und sterben dann. Insekten und Vögel sind auch durch den Verkehr zurückgegangen. Wir haben ein ganz enges Netz von Straßen, die alle schnell befahren werden. Milliarden Insekten und Vögel sind daher auf den Straßen als Verkehrsopfer ums Leben gekommen.

 

Was kann gegen das Aussterben getan werden?

Was wir sofort tun müssten, ist die Gifte aus der industrialisierten Landwirtschaft rauszunehmen. Die brauchen wir im Prinzip nicht. Bei den Insekten wird es allerdings noch schwieriger. Da müssten wir natürlich sehr stark Lichter reduzieren und sehr viel Biozidchemie zurückfahren. Es gibt schon eine ganze Menge Möglichkeiten.

 

Was passiert in Zukunft, wenn nicht sofort gehandelt wird?

Wenn wir nicht ganz schnell gegensteuern, sieht es bis 2050 schon ganz finster aus. Dann kann es schon gut sein, dass es am Bodensee keinen Obst- und Weinbau mehr gibt. Das wäre natürlich dramatisch und in vielen Ländern sieht es ähnlich aus. In Europa sind Deutschland, Belgien und die Schweiz die schlimmsten Vernichter der Artenvielfalt. Es betrifft die Mehrzahl aller Arten. Bei den Vögeln nehmen in Deutschland etwa 55 Prozent der Arten ab. Bei Insekten ist die Situation noch extremer und in einer kürzeren Zeit. Der Absturz um 80 Prozent erfolgte in den vergangenen 30 Jahren. Dafür haben Vögel fast 100 Jahre gebraucht. Wenn nicht gehandelt wird, würde der extreme Rückgang letztlich zu Kriegen um Nahrung und zu schrecklichen Erscheinungen führen.

 

 

Zur Person

Peter Berthold (77) ist promovierter Vogelkundler und Verhaltensforscher. Er leitete von 1991 bis 2004 das Max-Plank-Institut für Ornithologie in Radolfzell. 24 Jahre lehrte er außerdem als Professor für Biologie an der Universität Konstanz. Schwerpunkte seiner Forschung sind unter anderem der Artenschutz und die Auswirkungen des Klimawandels auf die Vögel. Er veröffentlichte mehrere Fachbücher. Zuletzt erschien sein Werk: "Unsere Vögel. Warum wir sie brauchen und wie wir sie schützen können."