Rund 30.000 Bürger wollen in Radolfzell mit Lebensmitteln versorgt sein, in den drei Höri-Gemeinden kommen weitere 9000 Menschen hinzu. Wer versorgt all diese Menschen mit Lebensnotwendigem und Ausgefallenem? 580 Tonnen Nahrungsmittel und Getränke liefert allein der Branchenriese Kaufland monatlich in die Radolfzeller Innenstadt, heißt es aus der Presseabteilung. Das Unternehmen teilt sich mit drei weiteren Supermärkten und fünf Discountern den hart umkämpften Lebensmittelmarkt in der Kernstadt von Radolfzell. Doch neben den konventionellen Händlern gewinnen Nischenanbieter an Boden zurück. Sie bieten etwa Produkte aus biologischem Anbau oder regionale Waren an.

Verlierer im Verdrängungswettbewerb auf dem Lebensmittelmarkt ist derzeit der Radolfzeller Ortsteil Möggingen: Der letzte Mögginger Lebensmittelanbieter gab im Dezember 2015 seinen Betrieb in der Ortschaft auf. 85 Prozent der Mögginger sind daher sehr unzufrieden oder eher unzufrieden mit der Versorgung durch kleinere Händler, wie aus einer Erhebung des Planungsbüros Weeber und Partner für den städtischen Stadtentwicklungsplan (Step 2030) bei 4038 Bürgern hervorgeht. Auch die Bürger in Liggeringen zeigen sich darin mehrheitlich unzufrieden. Aussichten für die Zukunft dieser Ortsteile ergeben sich aber erst durch den Stadtentwicklungsplan, über den der Gemeinderat ab dem Herbst abstimmen soll. Mitreden dürfen die Bürger allerdings schon vorher: Am 4. Juli schlagen die Radolfzeller in einer Vernetzungswerkstatt die Prioritäten für die Stadtentwicklung vor. Ob die Nahversorgung in Liggeringen und Möggingen dazugehört, wird sich zeigen.

Die Situation in den beiden kleinen Ortsteilen ist auch eine Folge der radikalen Veränderungen auf dem Radolfzeller Lebensmittelmarkt, die es in den letzten 30 Jahren gab. Heiner Kratt, Mitinhaber des Radolfzeller Kaufhauses Kratt, muss nicht lange überlegen: Allein innerhalb der alten Stadtmauer fallen ihm spontan 14 Lebensmittelhändler ein – Metzger, Obst- und Gemüsehändler, Bäcker sowie ein Feinkost- und Fischgeschäft. Ab den 1980er-Jahren veränderte sich der Markt mit dem Bau der Höllturmpassage, der Fußgängerzone und durch Supermärkte mit größeren Sortimenten. Ebenso fehlte der Nachwuchs der alteingesessenen Lebensmittelhändler.

<p>Der Radolfzeller Wochenmarkt ist die älteste Institution der Nahversorgung mit Lebensmitteln. Der Markt ist zudem ein beliebter Treffpunkt für die Bürger und zieht auch Besucher aus der Region an.</p>

Der Radolfzeller Wochenmarkt ist die älteste Institution der Nahversorgung mit Lebensmitteln. Der Markt ist zudem ein beliebter Treffpunkt für die Bürger und zieht auch Besucher aus der Region an.

| Bild: Georg Lange

Der Wettbewerb um ihre Mägen zeigte keine negativen Folgen für die Radolfzeller: Die Preise für Nahrungsmittel liegen niedrig. Die Kunden können nun aus einem Sortiment von bis zu 10¦000 Produkten wählen und die Entfernung eines Händlers ist mit rund 500 Metern meist gering. Die Ausnahmen in der Nahversorgung im Bereich der Kernstadt bilden die Mettnau und die Weinburg. Trotzdem sind die Einwohner der Kernstadt und des Ortsteils Böhringen zufrieden mit der Lebensmittelversorgung, wie aus der Erhebung für den Step 2030 hervorgeht.

Im Zentrum von Radolfzell behauptet sich ein Nischenanbieter mit großem Erfolg. Seit zwanzig Jahren bietet der Bauernmarkt Waren aus der Region an. Die Verkaufsfläche des Bauernmarktes ist nur 135 Quadratmeter groß, doch an Samstagen sind dort sieben Angestellte im Verkauf tätig. Michaela Keller bietet in der Bauernmarkt-Metzgerei neben ihren eigenen Waren vom Biolandrind auch Fleischwaren aus einem Umkreis von 30 Kilometern an. Sie zeigt sich überzeugt, dass der Bauernmarkt in den nächsten 15 Jahren bestehen bleibt: Es gebe Kunden, die einfach wissen wollen, wo die Produkte herkommen – und das würde auf die nächste Generation übertragen, so ihre Erwartung.

<p>Konstante im innerstädtischen Lebensmittelhandel: Der Radolfzeller Wochenmarkt ist die älteste Institution der Nahversorgung.</p>

Konstante im innerstädtischen Lebensmittelhandel: Der Radolfzeller Wochenmarkt ist die älteste Institution der Nahversorgung.

| Bild: Georg Lange

Der Radolfzeller Wochenmarkt zählt zu den attraktivsten des Landkreises und ist die einzige Konstante in der Radolfzeller Lebensmittelversorgung. Er zieht zahlreiche Besucher an und ist auch ein gesellschaftliches Ereignis und stabilisiert die Nahversorgung innerhalb der alten Stadtmauer. Seit zehn Jahren verkauft Sandra Lempp auf dem Markt frisches Obst aus Hemmenhofen. Sie hatte einen Straßenverkauf und wurde von der Verwaltung gebeten, auf dem Markt ihre Produkte anzubieten, da viele Betreiber ein hohes Alter erreicht hätten. Allein drei Marktbetreiber sind über 80 Jahre alt. Sandra Lempp, die ihren Anbau als ein zu groß geratenes Hobby begreift, wundert das nicht: "Der Markt ist wie eine Sucht. Da kann man nicht einfach aufhören."

Doch neben diesen mehr oder weniger traditionellen Modellen der Lebensmittelversorgung, die ihren Bestand halten dürften, gibt es auch neue Ansätze, die nicht zuletzt mit Wirtschaftstrends wie elektronischem Handel oder der Ökonomie des Teilens zu tun haben. So erweitern Lebensmittelhändler wie Kaufland ihre Markt-Strategie mit einer App. Kunden werden online mit Rezepten und Aktionen informiert. Sie können Einkaufslisten erstellen oder mit Freunden teilen, die ein Fest gemeinsam organisieren. Discounter wie Lidl bieten Lebensmittel im Internet an. Der Versand erfolgt dann über private Logistikunternehmer. Auch das Foodsharing in Radolfzell dürfte zu den Zukunftstrends gehören: Retter von Lebensmittel verhindern das Wegwerfen von Nahrung und bieten diese Bürgern mit geringem Einkommen kostenlos an.

Drei Erfolgsmodelle von der Höri

Die Höri-Gemeinden standen in frühreren Zeiten vor einem ähnlichen Einbruch in der Nahversorgung wie die beiden Radolfzeller Ortsteile Möggingen und Liggeringen. Zwischenzeitlich siedelten sich drei Unternehmen in den Hauptgemeinden der Höri an: ein Discounter in Öhningen, ein Lebensmittelmarkt in Gaienhofen und ein Supermarkt in Moos. Die Infrastruktur ist zudem stark geprägt durch Bauern- und Hofläden und durch fahrende Händler. Jede der drei Gemeinden entwickelte eine eigene Idee für die Nahversorgung mit Lebensmitteln, die jeweils als Erfolgsmodell betrachtet werden kann.

  • Öhningen: Im Jahr 2000 schloss der letzte Lebensmittelbetrieb in Öhningen. Durch die Nähe zur Schweiz siedelte sich ein Discounter in der Gemeinde an. Dafür wurde eigens der Sportplatz um 150 Meter verlegt. Zweimal pro Woche gibt es außerdem einen Markt, der 50 Prozent Umsatzsteigerung verzeichnete, als er in die Nähe des Discounters verlegt wurde. Öhningen hat keinen eigenen Metzger. Der letzte ist in Wangen angesiedelt. Dort gibt es auch drei Direktvermarkter von Obst und Gemüse. Eine Besonderheit ist die Genossenschaft in Schienen, bei der Bürger Anteilseigner des von ihnen gegründeten Lebensmittelbetriebes namens s‘Lädele sind.
  • Gaienhofen: Vor 16 Jahren schlossen die letzten Lebensmittel-Betriebe. Lediglich die Hemmenhofer Metzgerei Böhler bot noch ein kleines Sortiment an. Der Metzgereibetrieb baute in Gaienhofen einen Einkaufsmarkt, der auch heimische Lebensmittelbetriebe integrierte. Die Initiative wurde vom Ministerium zur Entwicklung des ländlichen Raums gefördert. Der Markt zieht inzwischen Kunden von der gesamten Höri an und versorgt zweimal wöchentlich gehbehinderte Menschen in Moos mit einem Haustür-Service. Die Versorgung älterer Bürger wird häufig von ehrenamtlichen Mitarbeitern gesichert.
  • Moos: Mitte der 1990er-Jahre gab es in Moos keine Lebensmittelversorgung. In den Ortschaften bestanden noch kleinere Lebensmittelbetriebe, die nach und nach aufgegeben wurden. Die Verwaltung hat ein überplantes Baugebiet ausgewiesen, auf dem sich ein Supermarkt ansiedeln konnte. Moos hat eine gute Struktur an Bauern- und Hofläden. Bäckereien beliefern fast täglich mit Verkaufswagen die Teilorte, eine Metzgerei fährt Moos wöchentlich an. (gla)