Das einzig richtige Demokratieverständnis findet man heute ja nur noch unter Herrschenden. Sie wissen, wie Demokratie funktioniert, weil sie ja gewählt sind. Auserwählt, sozusagen. Wie etwa Oberbürgermeister und Bürgermeister. Sie erleben, was der Demokratie gut tut und müssen das hin und wieder auch sagen. Sie haben für die kommunale Basisdemokratie den Spruch "Gehe nie zu Deinem Fürst, wenn Du nicht gerufen wirst" auf allgemein verständliche Weise umgesetzt und nennen es heutzutage "Neujahrsempfang". Sie rufen ihre Einwohner zum Beispiel in ein Milchwerk zusammen und alle, alle kommen. Wenn sie nicht gerade auf den Gang in den Gottesdienst am Sonntagmorgen bestehen.

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Das ist die Freiheit, die einem Demokratie schenkt: Ins Münster statt ins Milchwerk zu gehen. Ob dies den Reifeprozess zum fortgeschrittenen Demokraten fördert, soll an diesem Punkt nicht ausgeschlossen sein. Doch im Milchwerk wird dem Staatsvolk ein Zugang zur Herrschaft ermöglicht, das dem Kirchgänger in diesem Ausmaß verschlossen bleibt. Oben denken sie ans Gemeinwohl – neue Straßen, neue Schulen, neues Mobilitätskonzept, unten stört das Geschrei der Einzelinteressen, die in der Summe Chaos bedeuten. So zitiert der Radolfzeller OB Martin Staab den früheren OB von Stuttgart, Manfred Rommel. Für die tägliche Handlungsanleitung bedeutet das: Schimpfe nicht über die Baustelle vor deiner Haustüre, das ist blöd. Erwarte keinen Stellplatz vor dem Strandbad, die anderen sind halt früher aufgestanden.

Politik wird zerrieben

Zum einzig richtigen demokratischen Glück fehlt dann nur noch der Allgemeinwohl-Journalismus. Sein natürlicher Feind ist der "Spektakeljournalismus". So hat OB Staab die Schriftstellerin und Juristin Juli Zeh zitiert. Politik werde zwischen Sachzwangverwaltung und Spektakeljournalismus zerrieben. Das hört sich nicht nur böse an, das ist wahrscheinlich auch sehr böse. "Das klingt für mich nicht nach einem Roman, sondern nach wirklichem Leben", gibt Staab einen Einblick in die düsteren Ecken einer demokratischen Fürstenseele. Doch der Blick in die Düsternis verzagt ihn nur kurz, seine Einsicht lautet: "Lassen wir uns nicht von den Medien zu stark beeinflussen, bilden wir uns eine eigene Meinung im Dialog untereinander." Auch das bedeute, mehr Demokratie zu wagen.

Was gelingt, was geschieht?

Der OB hat einen Wunsch an die Medien. Sie sollten ihren Blick stärker auf das "Gelingende" richten. Auf das, was das Engagement der Menschen in der Stadtgesellschaft erreiche und nicht so sehr auf die "Skandalisierung des weniger gut Gelungenen". Wer aber sagt, was gelungen ist? Widmen wir uns dem Geschehen und da gilt: Fürstenwünsche – selbst die an die Medien – sind heute von Gesetzes wegen nicht als Befehl zu erachten. Diesen Zustand hat die Demokratie gewagt.

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