Das Kaufhaus Kratt feierte seine 100 Jahre ein zweites Mal: Der Feier mit Kunden und Mitarbeitern hinter der Burg ließ die Familie Kratt eine weitere Festlichkeit in den Geschäftsräumen der Sparkasse folgen. Geladen waren Vertreter aus Politik und Wirtschaft.

Die Familie Kratt feiert das 100-jährige Bestehen ihres Kaufhauses in den Räumen der Sparkasse. Vor einem Blechschild aus dem Jahr 1934 stehen Hermann Kratt (von links) und seine Frau Barbara, Monika Hepfer und Heiner Kratt mit Frau Renate.
Die Familie Kratt feiert das 100-jährige Bestehen ihres Kaufhauses in den Räumen der Sparkasse. Vor einem Blechschild aus dem Jahr 1934 stehen Hermann Kratt (von links) und seine Frau Barbara, Monika Hepfer und Heiner Kratt mit Frau Renate. | Bild: Natalie Reiser

Der Historiker Christof Stadler schilderte anhand von alten Fotografien den Beginn und die Entwicklung des Kaufhauses inmitten der Stadt von 1919 bis in die 60er Jahre. Einige der Bilder sind derzeit im oberen Geschoss der Sparkasse ausgestellt.

Seit der Gründung vor 100 Jahren sei die Sparkasse Partner des Familienunternehmens Kratt, führte Alexander Endlich, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Hegau-Bodensee, aus. Aufgrund des gemeinsamen langen Weges eigneten sich die Räume der Sparkasse gut für eine Feier der Erfolgsgeschichte des Kaufhauses. Endlich dankte für das Vertrauen und hob Gemeinsamkeiten hervor. Beide Unternehmen sähen sich als Dienstleister, für die die Kunden im Mittelpunkt stünden. Sie seien Arbeitgeber, Ausbilder und Kulturförderer.

Anna und August Kratt heiraten 1912

Wie das Kaufhaus Kratt sich von einem kleinen Nähmaschinenhandel, der auf 14 Quadratmetern im Weinzierlschen Anwesen untergebracht war, zum Kaufhaus mit 1950 Quadratmetern Verkaufsfläche und 42 Mitarbeitern entwickelt hat, zeichnete Christof Stadler in einem Vortrag und anhand von historischen Bildern nach. Den Grundstein des Familienunternehmens legten Anna und August Kratt. 1912 hätten sie nach anfänglichem Widerstand der Familie geheiratet, erzählte Stadler humorvoll. Nachwuchs leistete offenbar Überzeugungsarbeit.

Stadler hob nicht nur das Leben, die Ambitionen und Verdienste von August Kratt hervor, sondern schilderte auch den Werdegang und die Eigenschaften seiner jungen, schönen Frau, die auf den Schwarz-Weiß-Fotografien ihm ebenbürtig selbstbewusst in die Kamera schaut. Eine Persönlichkeit habe er heiraten wollen, schreibt August Kratt in seinen Memoiren. In Anna Denzel, Tochter einer Bäckersfamilie aus der Seestraße, die in ihren Zeugnissen mit „sehr gut“ und einem „untadelhaften Verhalten“ glänzte, habe er sie gefunden.

64.000 Mark für Nähmaschinenhandel

Bevor sie heiratete, streckte die junge Frau ihre Fühler jedoch zunächst über die Stadtgrenze aus. Sie arbeitete in einer Handelsgärtnerei in Karlsruhe und kam beruflich bis nach Belgien. August Kratt, Klassenbester von 44 Schülern, begann seine berufliche Laufbahn als Verkäufer und Dekorateur nach einer Ausbildung in Karlsruhe schließlich im Radolfzeller Warenkaufhaus Noppel in der Kaufhausstraße. Der Traum eines eigenen Geschäftes erfüllte sich einige Jahre später im Weinzierl-Haus. 64.000 Mark investierte Kratt in die Erstausstattung seines Nähmaschinenhandels.

Mantel an Mantel, der Größe nach aufgehängt: So sah die Ladeneinrichtung in den Fünfzigerjahren aus.
Mantel an Mantel, der Größe nach aufgehängt: So sah die Ladeneinrichtung in den Fünfzigerjahren aus. | Bild: Archiv Moriell

1920 konnte er die nahe gelegene Gaststätte „Wallfisch-Halle“, das heutige Hauptgebäude des Kaufhauses Kratt erwerben. Im Laufe der Jahre folgten mehrere Umbauten, die anfänglich improvisierte Verkaufsfläche vergrößerte sich nach und nach. Ab 1934 erhielt das Haus eine schlichte, schmucklose Fassade, offenbar geprägt vom Geist des Bauhaus-Stils, führt Stadler aus. Glasfronten im Erdgeschoss lenkten die Blicke Vorübergehender auf die Waren. Völlig anders als heute waren Stoffe, Kurzwaren, Decken, Kleider bis hin zu Skianzügen akkurat in großen, offenen Schränken aufgereiht und gestapelt.

Kratt im Dritten Reich

Nicht unerwähnt wollte Stadler die Zeit des Dritten Reiches lassen. August Kratt war Mitglied der NSDAP, diente als Block- und Zellenleiter und erhielt das Kriegsverdienstkreuz. Hinweise auf Denunziationen habe er allerdings nicht gefunden, meinte Stadler.

Als positiv sei ebenfalls zu sehen, dass der Jurist Theopont Diez, der nicht zur nationalistischen Partei gehörte und dessen Familie von den Nazis ins Visier genommen wurde, sich nach dem Krieg für Kratt einsetzte. Bis 1955 diente das Kaufhaus französischen Soldaten als Unterkunft. 1962 wurde August Kratt zum Ehrenbürger der Stadt ernannt.

„Wer wir sind, wissen Sie alle“

Hermann Kratt dankte für den Ritt durch die Geschichte des Hauses, er habe einiges Neue erfahren. Zur weiteren Entwicklung nach den 60er Jahren sagte er: „Wer wir sind, wissen Sie alle. Wer mehr wissen möchte, den laden wir ein, uns zu besuchen.“ Oberbürgermeister Martin Staab hob abschließend die Wichtigkeit des „Kaufhauses der Radolfzeller“ hervor. Es habe die Stadt geprägt und trage weiterhin zu ihrer Lebendigkeit bei.

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