Wie damit umgehen, wenn das echte Leben den Narren in Radolfzell nur so davon rast? E-Mail-Affäre, Kripo im Rathaus und die Untersuchungen der Staatsanwaltschaft sind Vorlagen, die auch aufgrund der Aktualität nur bedingt für die närrische Verwertung taugen. Narrizella-Präsident Martin Schäuble hat deshalb zu Beginn des Premierenabends auf das fürsorgliche Motto des Narrenspiegels hingewiesen: "Allen zur Freud, keinem zum Leid." Oder: Manches werde man nicht so auf die Bühne bringen, wie sich das einige erhofften.

Die Ankündigung für einen zahmen Narrenspiegel? Von wegen. Die Akteure der Garde zeigten sich äußerst bissig und zuweilen eiskalt gruselig, wie beim Tanz "Thriller" auf dem Zentralfriedhof. Oberbürgermeister Martin Staab musste in fast allen Szenen Nehmerqualitäten aufbieten, um einen vierstündigen Dauerbeschuss auszuhalten. Dabei wollte einer erst gar nicht anfangen, sondern lieber weglaufen. Lothar Rapp war versucht, als Kappedeschle statt einer Narrenschelte eine Narrenpredigt zu halten. Und ziemlich viel von einer Gardinenansprache hatte seine Schelte in Richtung Rathaus: "Ersetzt schnelle Wut durch etwas Humor."

Wie Humor fast ohne Worte geht, zeigten Axel Heinzelmann in seiner Paraderolle als OB Staab und nicht minder auf den Punkt gescheitelt Stefan Bradtke als seine Lebensgefährtin Andrea Rehberger. Hochherrschaftsvoll kutschierten sie in den Amtsgerichtsgarten ein. Unbotmäßigkeiten einer Bürgerin – er könnte sich nützlich machen und Unkraut jäten – brachten den Bühnen-OB in Wallung. Bis ihn seine Bühnen-Partnerin am Oberarm fasste: "Martin, beruhige Dich wieder." Das löste auch Heiterkeit bei den Originalen in der Sitzreihe vor der Bühne aus.

Dramaturgisch bis ins Detail setzte die Garde eine OB-Generalprobenwahl in mehreren Fortsetzungen um. Der Stimmzettel, eine Faust mit Daumen nach oben, unten oder quer gehalten, sollte einen Eindruck von der Stimmung im Volk vermitteln. Auf der Bühne moderierten Chris Zeiser und Daniel Hepfer die Videoschaltungen zu den Außenreportern in Möggingen und Böhringen. Peter Gätjens stapfte in Anglerhosen in einem Teich in Möggingen herum und suchte Welsbärte, Sebastian Möhrle begab sich in Böhringen auf die Spur der Störche. Den besten Kalauer des Abends haute Moderator Hepfer raus. Auf die Frage, warum Welse im Mindelsee nicht wahlberechtigt seien, antwortete Daniel Hepfer in bestem Zeller Dialekt: "Wels egal isch."

Weil's für die Stimmung im Narrenspiegel egal gewesen wäre, erfuhr man nicht so genau, wie die Generalprobenwahl eigentlich ausgegangen ist. Weil die Musik-Nummer der Seefunkgruppe wie immer einen perfekten Schlusspunkt setzte. Weil der Narrenspiegel 2018 das Gegenteil von harmlos war. Weil der Narrenpräsident mit dem OB nach vier turbulenten Stunden an der Theke friedlich einen Sprudel trinken wollte, hielt Martin Schäuble den übergroßen Ergebnis-Daumen quer.

 

Wen es alles für die Vorstellungen im Milchwerk braucht

Am Gelingen des Narrenspiegels und ihrer Szenen haben viele ihren Anteil – vor und hinter den Kulissen

  • Hinter der Bühne: Regie Peter Gätjens und Sebastian Möhrle. Bühnenbau Udo Biller (Bilder), Benjamin Karrer, Thomas Kauter, Christian und Daniel Uhl. Maske Nicole Bohner, Anja Waldraff. Kostüme Sibylle Goertz, Annemarie Kressibuch. Ton Robert Grünwald, Manfred Braun, Marco Braun, Detle Drosdek, Markus Kleemann, Ralf Pawlowski, Thomas Reiser. Vorhang Benjamin Karrer. Souffleure Peter Graf, Reinhold Penkner.
  • Szenen: Narrenschelte Lothar Rapp. Bergfest – Axel Heinzelmann (OB Martin Staab), Stefan Bradtke (Andrea Rehberger), Tim Schwenke, Ole Schmal, Jürgen Weishaupt. Daumen-Wahl zur Halbzeit des OB – Moderation auf der Bühne Daniel Hepfer, Chris Zeiser; Außenreporter Peter Gätjens, Sebastian Möhrle. Thermomix – Christian Karrenbauer, Holger Goertz, Christoph Straub, Daniel Uhl, Guido Flaig, Martin Schäuble. Jobbörse – Philipp Weidele, Ralf Welschinger. Zentralfriedhof – Marc Kromer, Christian Uhl, Alan Poezevara, Tim Schwenke, Ole Schmal, Jaco Steffen, Leopold Goertz, Christoph Straub, Jürgen Weishaupt, Matthias Karrenbauer, Philipp Weidele, Stefan Bradtke, Tanzchoerographie – Karoline Keller. Diner en blanc – Sebastian Möhrle, Peter Gätjens, Seefunkgruppe mit Thomas Uhl, Thomas Kauter, Franz Bromma, Dieter Pauli Franz, Uwe Kemmer, Wolfgang Uhl.
  • Musikalische Unterhaltung: Narrenmusik Narrizella Ratoldi, Fanfarenzug, die Generationen-Combo Franz, Benni und Felix Bromma mit Wolfgang Uhl sowie die Seefunkgruppe.
  • Texte: Rommy Bromma, Carmen Noeken, Marlies Reining, Helke Schmal, Benni Bromma, Peter Gätjens, Roland Heber, Berthold Hepfer, Daniel Hepfer, Marc Kromer, Sebastian Möhrle, Ole Schmal, Peter Schmenger, Tim Schwenke, Georg Störzer, Herbert Tägtmeier, Peter Zabel.