Radolfzell/Höri – Erinnerungen können trügen. Selbst wenn sie mit Fotos belegt sind. Oft ist nicht das Was das Trügerische, sondern das Wann. Auch Thomas Wieland hätte Stein und Bein geschworen, dass das Foto von der Kreuzung Tegginger- und Schützenstraße das Residenz-Kino Anfang der sechziger Jahre zeigt. Zumal die Kino-Tafel das laufende Programm anzeigt: "Serenade einer großen Liebe" mit bekannten Darstellern wie dem Opernstar Mario Lanza und den Schauspielern Johanna von Koczian, Hans Söhnker und der Filmdiva Zsa Zsa Gabor.

Schnulze in der Kleinstadt

Der Film ist 1958 gedreht worden und kam erst 1959 in die deutschen Kinos. "Ich hätte nie gedacht, dass dieser Film so zeitnah in ein Kino einer Kleinstadt kommt", sagt Wieland. Den Hobby-Archivar, der gerade zusammen mit Freunden ein Bildarchiv für die Gemeinde Moos zusammenstellt, ließ die Frage keine Ruhe. Wann kam der Film ins Radolfzeller Kino? Die Antwort gab er sich selbst: "Die Antwort kriege ich nur aus dem SÜDKURIER." Auch auf das Rätsel ist er in seiner Tageszeitung gestoßen, als im Vorgriff auf das Stadtjubiläum in Radolfzell gefragt worden war: "Wer kann Angaben zu diesem Foto machen?" Mehr als ein Jahr später kann Thomas Wieland genaue Angaben machen: "Ich habe zuerst im Jahresband 1960 gesucht – nichts, dann 1961 – nichts." Das konnte ja nicht sein, Wieland griff zum Zeitungsband 1959: "Da habe ich's dann an Pfingsten gefunden."

Dass das Residenz schon 1959 eine Filmrolle der hochkarätig besetzten Schnulze "Serenade einer großen Liebe" bekam, dürfte der Bedeutung des Kinos für die Region geschuldet sein. Das Residenz wurde 1957 errichtet und der 400 Quadratmeter große Zuschauerraum war laut Kino-Lexikon mit 502 Hochpolstersitzen ausgerüstet. Das "Resi" markierte in Radolfzell den Aufbruch in die Kino-Sechziger mit den Winnetou-Verfilmungen, Mary Poppins oder "Zur Sache Schätzchen".

Drei Kinos in Radolfzell

2018 erinnert nichts mehr an glanzvolle Spielfilmzeiten im Residenz. Statt eines Kinos steht heute ein großer Wohnblock, im Erdgeschoss sind die Geschäfte Buch Greuter und Fahrrad Joos untergebracht. Bild: Georg Becker
2018 erinnert nichts mehr an glanzvolle Spielfilmzeiten im Residenz. Statt eines Kinos steht heute ein großer Wohnblock, im Erdgeschoss sind die Geschäfte Buch Greuter und Fahrrad Joos untergebracht. Bild: Georg Becker | Bild: Becker, Georg

Mit den Bodensee-Lichtspielen, kurz Boli, und dem Universum besaß Radolfzell drei Kinos. Das Residenz erlebte 1980 eine erste Zäsur, als der große Kinosaal aufgegeben wurde und im Erdgeschoss ein Supermarkt und im Obergeschoss ein Restaurant eingerichtet wurde. Bis ins Jahr 2007 wurde das Residenz mit einem kleineren Saal und 99 Sitzplätzen betrieben, bevor das Gebäude abgerissen wurde. Das Ende des Boli war früh besiegelt, am 25. April 1978 hatte der Gemeinderat den Beschluss zum Abriss in der Höllstraße Nummer 17 gefasst. Aber bereits 1973 gingen die Vorführlichter im Boli aus. Das Universum schaffte es bis ins Jahr 1988 als reguläres Kino und wird seit 2010 wieder als Nostalgie-Kino betrieben. Das Ende der Bodensee-Lichtspiele stieß im Gegensatz zum Ende des Residenz auf kein allzu großes kulturelles Bedauern, zu eingeschränkt auf Horror- und Sexklamotten war das Programm, zu schmuddelig der Komfort.

Wer hat Fotos aus den Sechzigern von Radolfzell und der Höri?

Das Foto aus dem Jahr 1959 und seine Geschichte ist aufgelöst, doch viele schwarz-weiß und auch schon farbige Dokumente aus den Sechzigerjahren warten auf ihre Beschreibung in unserer Sommerserie "Gedächtnis der Region": Etwa der Abriss der alten evangelischen Kirche an der Bismarckstraße im Jahr 1963 und die Einweihung der neuen Christuskirche im Jahr 1967. Dann suchen wir nach Bilddokumenten zu den Aufbaujahren der Musikschule in Radolfzell unter Heinrich Braun und widmen uns dem Stadtgarten in den Sechzigern. Gerne greifen wir auf Bilddokumente und Geschichten unserer Leserinnen und Leser aus den Sechzigerjahren zurück, melden Sie sich (siehe damals und heute).

Zaungäste auf der Straße Richtung Moos schauen neugierig von der Brücke bei Rickelshausen auf die Aach hinab: Unten fährt Erbauer "Schäuble oder Scheuble" mit einem Passagier in Richtung Zeller See. <em>Bild: Liedl (SK-Archiv)</em>
Zaungäste auf der Straße Richtung Moos schauen neugierig von der Brücke bei Rickelshausen auf die Aach hinab: Unten fährt Erbauer "Schäuble oder Scheuble" mit einem Passagier in Richtung Zeller See. Bild: Liedl (SK-Archiv) | Bild: Liedl

 

Die schwimmende Untertasse auf der Radolfzeller Aach

Thomas Wieland hat aus seiner Zeit als Geschäftsführer der Beschäftigungsgesellschaft im Kreis Konstanz die Leidenschaft für alte Fotos mit in den Ruhestand genommen. Er sichtet, sammelt, scannt alte Fotos und Dokumente – und findet Schätze:

  • 1964 oder 1954? Wann schipperte die kuriose Untertasse auf der Radolfzeller Aach in den See? Im Negativ-Film-Archiv von Burkhard Liedl ist der Streifen auf das Jahr 1964 datiert. Er zeigt mehrere Aufnahmen eines Mannes, der ein kreisrundes Etwas ins Wasser lässt und Richtung See fährt.
  • Bei einem Altennachmittag 2014 in Überlingen am Ried, an dem Thomas Wieland die Fotos zeigte, wollten sich Zeitzeugen an den Erbauer, "ein Herr Schäuble oder Scheuble" erinnert haben. Sie datierten das Ereignis aber auf das Jahr 1954. Wer weiß mehr?