Wer bei führenden Schuhfachhändlern wie Hans Peter Hafner in Radolfzell oder Joachim Kramer in Stockach die Schönheit der Schuhschachtel in Zweifel zieht, erntet ein ungläubiges bis ratloses Runzeln der Stirn. Was gibt es Schöneres in der Form und Praktischeres in der Aufbewahrung? Wer einmal lose seine Schuhe zum Überwintern oder Übersommern ins Regal gestellt, wird sich ob seiner Nachlässigkeit grämen. Alles fliegt durcheinander.

Nicht nur bei führenden Schuhfachhändlern ist die Schuhschachtel zeitlos in Mode, Baumeister haben die wahre Schönheit der Schuhschachtel früh erkannt. Als Konzertsaal setzt sie Maßstäbe: Das Gewandhaus in Leipzig, der große Musikvereinssaal in Wien, das Stadtcasino-Musiksaal in Basel oder der Concertgebouw in Amsterdam gelten geradezu als Vorzeige-Schuhschachteln. Die Geometrie des Raumes – die Länge des Saals aus der Addition seiner Breite und Höhe gilt unter Experten als Schlüssel für einen hervorragenden Klang im Raum. Diese Beispiele der Architektur sind immer noch extrem modern und ja, sie sind alle vor dem Jahr 1900 erbaut.

Erstaunlich ist, dass diese einst gerühmte Architektur und von modernen Baumeistern bevorzugte Form in manchen Kreisen in Radolfzell Schimpf und Schande hervorruft. Schuhschachtel und Architektur in einem Wort kommt diesen Kritikern nur gepresst mit einem Tropfen Häme über die Lippen. Als "einfallslos" wird sie geziehen, als Fanal der Moderne, die einem jeden Spaß an Erkerchen und Giebelchen raubt.

Doch hat die Schuhschachtelarchitektur diese Schmähung verdient? Rasiert man jedes Satteldach von seinen Grundfesten, sieht (fast) jedes Gebäude wie eine Schuhschachtel aus. Mal zusammengestellt mit einer größeren und einer kleineren, manchmal sind die Schachteln verkeilt. Manche sind auf den Kopf gestellt und grüßen als Hochhaus. Doch am Ende sind die Häuser im Prinzip Schuhkartons. Radikal in ihrer reinsten Form eben mit Flachdach. Die Schuhschachtelarchitektur – so hat es der Radolfzeller Baudezernatsleiter Thomas Nöken nicht ganz gesagt, aber vielleicht gemeint – sei das, was den modernen Menschen vom Standard des Wohnens her von einer Höhle trennt. Wer von Dornbirn hoch in Bregenzerwald fährt, ahnt, was er meint.

Und die Schuhfachhändler? Weigern sich strikt, ihren Deckeln auf den Schachteln einen Knick zu verpassen. Für so viel Poesie ist in einem Lager kein Platz. Da verbrauchen Satteldeckel zu viel Karton und zu viel Platz – jedenfalls mehr als Flachdeckelkartons. Und Schachteln mit Giebeln lassen sich schlecht stapeln. Schuhe dürfen nicht wählen, sie haben aus Prinzip immer unter einem Flachdach zu wohnen. So streng sind die Regeln.

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