Radolfzell/Höri – Viele Einsätze der Feuerwehr wie technische Hilfeleistungen dringen erst gar nicht an das Licht der Öffentlichkeit, das geschieht nur bei den ganz großen Einsätzen. Wie im Mai vergangenen Jahres, als die Sortierhalle der Entsorgungsfirma Riester komplett ausbrannte und eine Rauchsäule weithin sichtbar über Radolfzell aufstieg. Oder wenn der Wind wie beim Sturmtief Burglind im Januar diesen Jahres an den Dächern rüttelt.

Was sind spektakuläre Einsätze? Bei dieser Frage kommt Helmut Richter, langjähriger Kommandant der Feuerwehr Radolfzell, ins Grübeln: "Das ist wohl immer eine Frage des Blickwinkels", sagt Richter. Aus seinem Blickwinkel fallen ihm als besondere, seltene, langwierige oder große Einsätze der Feuerwehr Radolfzell in den vergangenen Jahrzehnten ein: Brand der Ziegel­ei Rickelshausen (1988), Brand Stinnes Baumarkt (1992), ein umgestürzter Bagger und ein umgestürzter Lastwagen landeten beim Bau des Wäschbruckhafens im See (1989), das abgestützte Kleinflugzeug beim Flugplatz Stahringen (2008) oder die ausgelaufene Salzsäure in einem Großbetrieb (1991). Besonders nahe gingen Einsätze, wenn Menschen zu Tode kamen und Kameraden sie gekannt hätten. Das sei bei dem Absturz des Motorsportflugzeugs der Fall gewesen, als zwei Insassen starben. "Diese Dinge sind auch noch nach Jahren präsent", sagt Richter.

Die Feuerwehr ist nicht nur für Menschen da. Auch der beste Freund des Menschen muss hin und wieder aus einer misslichen Lage gerettet werden. Die Freiwillige Feuerwehr Moos ist Anfang März zu einer sogenannten Sachrettung im Mooser Hafen gerufen worden. Die Sache: Hund Paros. Der junge Rüde war seiner Besitzer­in entwischt und aufs Eis gelaufen. Die Kältewelle Ende Februar hatte das Wasser im Hafen gefrieren lassen. Doch an jenem Tag hatte längst Tauwetter eingesetzt. Hundebesitzerin Hanelen Jegen aus Rielasingen-Worblingen erinnert sich gut an diesen Tag. "Wir waren gerade auf dem Parkplatz angekommen, als Paros wie immer gleich losstürmte", erzählt sie. Erst seit wenigen Monaten hat sie den temperamentvollen Rüden aus Griechenland bei sich. Er ist ein ehemaliger Straßenhund von der Insel Paros, nach der er benannt wurde. Während sie ihren Schlüssel noch in der Tasche verstauen wollte, entglitt ihr die Leine.

Paros stürmte aufs Eis, etwa 40 Meter vom Ufer entfernt brach er ein. Für Frauchen Hanelen Jegen ein Schock. Aufgeregt rief sie die 110 und bat um Hilfe. Und dann ging alles ganz schnell. Innerhalb weniger Minuten waren nicht nur Feuerwehr, sondern auch DLRG zur Stelle. Die beiden Hilfsdienste arbeiten in Moos gut zusammen, und genau das war Paros Rettung. Timm Hänsler und Uwe Nehlsen klärten die Sache auf dem kurzen Dienstweg. Hänsler, Mitglied bei der Feuerwehr und der DLRG, und Nehlsen, Vorsitzender der DLRG, schafften es innerhalb von fünf Minuten, ein Boot ins Wasser zu bekommen und mit einer Mannschaft den Hund zu bergen. Fünf Minuten, die sich für Hanelen Jegen wie eine Ewigkeit angefühlt haben. "Paros jaulte draußen im Eis und ich konnte nichts machen", erinnert sie sich an die bangen Minuten. Frauchen und Hund kamen mit dem Schrecken davon. Paros scheint nach dem Unfall geläutert zu sein. "Er rennt nicht mehr einfach davon, sondern wartet auf mich", berichtet die 66-Jährige.

So spektakulär sind die Einsätze nicht, wenn Storchenvater Wolfgang Schäfle aus Böhringen die Feuerwehr zu seinen luftigen Einsätzen ruft. Aber ohne Drehleiter kommt er zur Bering­ung der Jungstörche nicht an die Nester ran. Davon gibt es einige im größeren Umkreis von Radolfzell. "Ohne die Feuerwehr könnte ich gar nichts machen", räumt Schäfle frei ein. Schäfle betreut im Kreis Konstanz über 80 Storchenpaare, das heißt, er ist mit der Feuerwehr an ebenso vielen Nestern mit der Drehleiter unterwegs. Als er im Januar beim Neujahrsempfang der Stadt Radolfzell die Bürgermedaille in Empfang nahm, war ihm das eine Herzenssache. Er dankte der Feuerwehr vor großem Publikum für ihre Unterstützung. Egal, ob es die Drehleiterteams der Feuerwehren Radolfzell, Stockach, Singen oder Engen sind, der Storchenvater kennt sie alle: "Ich komme mit allen bestens aus", sagt Schäfle.

Vier Feuerwehren und ihr Personalbestand

  • Freiwillige Feuerwehr Radolfzell: Einschließlich der sechs Abteilungswehren Böhringen, Güttingen, Liggeringen, Markelfingen, Möggingen und Stahringen hat die Feuerwehr Radolfzell ein Personalbestand von 408 männlichen und elf weiblichen Feuerwehrleuten – davon sind 231 aktiv. Die Jugendfeuerwehr zählt 78 Mitglieder. Als Stützpunktfeuerwehr hat Radolfzell überörtliche Aufgaben und ist im Rahmen der Überlandhilfe für die Gemeinden Moos, Gaienhofen, Öhningen und Steißlingen zuständig. Wer Mitglied werden möchte, muss eine 70-stündige Grundausbildung absolvieren.
  • Freiwillige Feuerwehr Moos: Vor allem bei Kindern und Jugendlichen ist die Freiwillige Feuerwehr Moos eine begehrte Freizeitbeschäftigung. Die Jugendfeuerwehr hat 24 Mitglieder, davon 14 Mädchen. In der Kinderfeuerwehr machen sieben Jungen und sieben Mädchen mit. Ein ungewöhnliches Geschlechterverhältnis für die Feuerwehr, in der klassisch mehr Männer sind als Frauen. Die 50 aktiven Mitglieder der Wehr wurden vergangenes Jahr 17 Mal zu einem Einsatz gerufen. Doch nur fünf Mal hat es wirklich gebrannt, die übrigen Einsätze waren technische Hilfeleistungen, Personenrettungen oder Türöffnungen. Die Gerätewartgruppe hat im Jahr 2017 ganze 263 Stunden die Fahrzeuge und technischen Geräte gewartet. Der Kommandant ist Karl Wolf.
  • Freiwillige Feuerwehr Gaienhofen: 67 aktive Mitglieder zählt die Feuerwehr Gaienhofen. Sie besteht aus den Einzelwehren Horn, Gaienhofen, Hemmenhofen und Gundholzen. Nächstes Jahr werden laut Kommandant Jürgen Graf die Wehren Gaienhofen und Hemmenhofen sowie Horn und Gundholzen zusammengelegt. Im Jahr 2017 wurden die Feuerwehrleute zu 26 Einsätzen gerufen. Ein besonderer Einsatz war ein Kohlenmonoxid-Einsatz am 16. Januar, bei dem drei bewusstlose Personen aus einer Wohnung gerettet wurden. Zwei Rettungshelfer wurden ebenfalls durch das austretende Gas verletzt. Erst seit knapp einem Jahr hatte die Feuerwehr Gaienhofen Kohlenmonoxid-Melder angeschafft. Es war der erste Einsatz dieser Art, sagt Kommandant Graf. Technisch sei die Feuerwehr gut aufgestellt, erst vor kurzem wurden es zwei neue Löschgruppenfahrzeuge angeschafft.
  • Freiwillige Feuerwehr Öhningen: Ein Tag hat die Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr Öhningen mehr beschäftigt als das gesamte Jahr 2017 zusammen genommen. Am 2. August fegte ein Wirbelsturm über Öhningen hinweg. Ganze 33 Mal musste die Feuerwehr an diesem Tag ausrücken. Bäume waren umgestürzt, Keller vollgelaufen, der Sturm hatte große Schäden angerichtet. Aufs restliche Jahr verteilt gab es 16 weitere Einsätze. Davon überwogen kleinere Einsätze, wie Kommandant Anton Osterwald berichtet. Die Feuerwehr ist in den drei Abteilungen Öhningen, Schienen und Wangen aufgeteilt. 96 Mitglieder engagieren sich aktiv. Bei den Jugendfeuerwehren der einzelnen Abteilungen machen insgesamt 65 Kinder mit.