Obwohl Vögel durchaus im Mittelalter auf dem Speiseplan standen, war der Storch keiner davon. Ähnlich wie die Schwalben oder die Kormorane waren Störche etwas Besonderes und durften unter keinen Umständen gegessen werden. Warum das so sei?

Karin Eichhorn führt in ihrer Paraderolle als Pfarrköchin Anna Besucher durch Radolfzell und bringt ihnen ein Stück Lebenskultur des Mittelalters näher.
Karin Eichhorn führt in ihrer Paraderolle als Pfarrköchin Anna Besucher durch Radolfzell und bringt ihnen ein Stück Lebenskultur des Mittelalters näher. | Bild: Von Anna-Maria Schneider

Darauf hat Karin Eichhorn, die als Pfarrköchin Anna Touristengruppen durch die Radolfzeller Altstadt führt, keine historisch fundierte Antwort. Sie vermutet, dass es etwas mit der Funktion der Tiere zu tun habe: Der Storch bringe die Kinder, die Schwalben informieren über das Wetter und der Kormoran zeigt Fischschwärme an. Wer so nützlich sei, dürfe nicht gegessen werden. „Aber das ist meine eigene Interpretation dieser überlieferten Tradition“, sagt Karin Eichhorn.

Bild: Von Anna-Maria Schneider

Auch die Figur, die die Museumspädagogin für diese Stadtführung ins Leben gerufen hat, ist eine eigene Interpretation historischer Belege. Ob es je eine Pfarrköchin gegeben habe, das könne sie nicht sagen. Aber für eine Stadtführung eigne sich dieser Charakter bestens. „Eine Pfarrköchin hat ein Haus, das Pfarrhaus.

Bild: Von Anna-Maria Schneider

So gab es einen festen Anlaufpunkt für die Geschichte“, sagt Karin Eichhorn. In einer mittelalterlichen Gewandung, mit einem Korb gefüllt mit Bodensee-Äpfeln, führt nun eben jene Pfarrköchin durch die Stadt und vermittelt neben geschichtlichen Daten und Fakten vor allem ein Stück Lebensrealität vergangener Tage.

Mit Sprichwörtern in eine vergangene Welt

Dies schafft Karin Eichhorn vor allem mit der Sprache. Ihre Führung ist konzipiert wie ein Theaterstück, sie spricht in Redewendungen und Sprichwörtern ihrer Zeit. Pfarrköchin Anna tratscht und schimpft wie es Mägde im Mittelalter und der Frühen Neuzeit wohl getan haben.

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Viele der Redewendungen sind noch bis heute überliefert, doch nicht jeder kennt die Herkunft oder die Bedeutung. Auch für die Besucher von außerhalb stellt ihre Führung eine Herausforderung dar. Nach jeder Szene ihres Stücks blickt sie neugierig in die Runde. Hat auch jeder alles verstanden? Nach kurzem Zögern kommen dann die Fragen.

Was ein Maulaffe ist (ein mittelalterliches Wort für Gaffer) oder wieso man sich auf dem Markt kein X für ein U vormachen lassen sollte (Ein X stand für die Zahl zehn, das U, oder im lateinischen V, für die Zahl fünf. Wer sich also ein X für ein U vormachen ließ, zahlte schlichtweg das Doppelte), das erklärt die Pfarrköchin eingängig und mit viel Charme. Immer wieder berichtet sie von ihrer Base Agnes, die immer wieder als (meistens negativ) Beispiel herhalten muss.

Bild: Von Anna-Maria Schneider

Seit sieben Jahre führt Karin Eichhorn durch die Stadt. Sie hat gleich mehrere Stadtführungen konzipiert. Neben einer Kinderstadtführung hat sie auch eine Führung speziell zum Abendmarkt zusammengestellt. Da gibt es kuriose, wissenswerte und lustige historische Anekdoten zum Thema Essen. „Ich möchte nichts machen, dass langweilig ist. Die Führungen sollen vor allem unterhalten“, sagt die Museumspädagogin.

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