Im Chaos der Einzelinteressen kommen wie immer Ordnung und Sicherheit zu kurz. Gefühlt. Und berichtet. Denn im Mittelwert der eintreffenden Polizeimeldungen aus dem Polizeipräsidium Konstanz nimmt das Polizeirevier Radolfzell an manchen Tagen einen derart drastischen Spitzenwert an Null Ereignissen ein, wozu dem normal beschränkten Beobachter nur noch diese Steigerungsform einfällt: Friedlich, friedlicher, Radolfzell. Die sicherste Stadt am Bodensee. Mindestens. Zu was hat die Stadt eigentlich noch ein Polizeirevier? Ha, damit es so friedlich bleibt.

Diese Frage wäre damit beantwortet. Das ist die Statistik.

Gefühl und Sicherheit

Jenseits des Hochsicherheitstrakts Polizeirevier Radolfzell gibt es noch ein normales Leben. Mit Feten am Seeufer, Gegröle in der Bahnunterführung und wummernden Boxen im Stadtgarten. Aufziehende Wolken von angezündeten und im Genuss wenig gesetzeskonformer Kräuter nicht mitgerechnet. Das gefühlte Unwohlsein hinterlässt da natürlich eine große Unsicherheit. Die hat bisher – im politischen Leben – einzig den OB befallen, deshalb will er ja unbedingt einen kommunalen Ordnungsdienst. Der die Feten beendet, das Grölen unterbindet und die Boxen abdreht. Und im Zweifel die fraglichen Substanzen löscht. Diesen kommunalen Ordnungsdienst will aber die Mehrheit im Gemeinderat nicht. Die sagen, der Aufwand für das bisschen mehr gefühlte Sicherheit lohne nicht. Dafür sei die Polizei zuständig. Die mit den gefühlt wenigsten Polizeimeldungen pro Einwohner im Landkreis Konstanz.

Aus der Neujahrsansprache

Damit diese Mehrheit im Radolfzeller Gemeinderat ins Wanken kommt, sollen jetzt diejenigen, die sich unsicher fühlen, den Stadträten auf die Füße treten. Damit die Stadträte sich nicht mehr sicher fühlen und ihre Meinung überdenken. So hat es der OB in seiner Neujahrsansprache im übertragenen Sinne in etwa gesagt: Sollte das gefühlte Sicherheitsempfinden des Einzelnen anders sein als der nachgezählte Mehrheitsbeschluss des Gemeinderats, der einen kommunalen Ordnungsdienst für überflüssig erachtet, dann solle derjenige sich an den Stadtrat seines Vertrauens wenden. Das empfahl der OB.

Die Frage der Schmerzen

Das wird nun für den einzelnen Stadtrat im Sinne der gehobenen Demokratie ganz schwierig. Ab wie vielen Tritten auf seinen Zehen wird aus dem Chaos der Einzeltritte eine ableitbare Form für das Gemeinwohl? Diese Frage wird sich der Stadtrat in einem Kommunalwahljahr ungleich früher stellen, wenn auch sein Fraktionskollege von einem ähnlichen Chaos von Einzeltritten auf seinen Zehen berichtet. Ist der Mittelwert aller Einzeltritte das Einführen eines kommunalen Sicherheitsdienstes für das gefühlte Gemeinwohl wert? Eines kann mit annähernd statistisch untermauerter Sicherheit behauptet werden: Wer bei der Beantwortung dieser Frage keine Schmerzen verspürt, der sitzt im Gemeinderat Radolfzell genau richtig.

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