Die zwei Betonsoldaten auf dem Luisenplatz in Radolfzell sind, wie sie sind: "Martialisch", sagt Bürgermeisterin Monika Laule. Martialisch heißt: "Kriegerisch, Furcht einflößend, grimmig", sagt der Duden, das deutsche Sprachlexikon. Das sollten sie im Sinne der Aufsteller im Jahr 1938 auch sein, die Nazis wollten mit diesen Gestalten ihrem schon geplanten Krieg huldigen.

79 Jahre später, nach einem Zweiten Weltkrieg mit über 60 Millionen Toten, jahrelangen Diskussionen, aufgestellten Stelen und geschichtlichen Aufklärungstafeln, bleibt das Kriegerdenkmal in Radolfzell offenbar ein Anziehungspunkt für Nazis. Die rechtsextremistische Kleinpartei "Der dritte Weg" legt hier Kränze nieder und beschäftigt die Stadtverwaltung mit Forderungen nach einer sofortigen Putzaktion, wenn ihre Gegner von der Antifa die Betonsoldaten und die Gedenktafel für die SS-Angehörigen der ehemaligen Kaserne in Radolfzell mit Farbe bearbeiten.

Diejenigen, die eine sofortige Reinigung der Anlage fordern, sind offenbar die gleichen, die im Oktober bei der Kulturnacht die Friedensfahnen gestohlen haben, die im Rahmen der Kulturnacht in einer Projektarbeit von Schülern gestaltet und aufgestellt worden waren: Mitglieder des dritten Wegs. Diese Vermutung hätte die Polizei in ihren Ermittlungen nicht definitiv bestätigen können, "doch die gefundenen Aufkleber dieser Kleinstpartei lassen das vermuten", sagt Monika Laule. Nach den Ereignissen der vergangenen vier Monate stellt die Kultur- und Sozialbürgermeisterin fest: "Mit dem Luisenplatz tun wir uns auch heute noch schwer."

Gerade der Diebstahl der Fahnen wühlt Kultur-Fachbereichsleiterin Angélique Tracik heute noch auf: "Wir haben Strafanzeige gestellt." Ihr hat imponiert, wie die Schüler sich behauptet und ein zweites Mal die Friedensfahnen bemalt und für den Volkstrauertag vor dem Kriegerdenkmal aufgestellt hätten. "Das ist ein ganz starkes Zeichen", widerspricht Tracik dem Historiker Markus Wolter, der sich im SÜDKURIER geäußert hat: "Man kann dem Platz nicht durch ein paar Friedensfahnen eine scheinbare Leichtigkeit verleihen."

Den Nationalsozialisten vom dritten Weg standen selbst diese leichten, bunten Fahnen an diesem Platz im Weg. Ihre häufigen Besuche auf dem Luisenplatz und die Gegenbesuche aus dem linken Spektrum der Antifa beobachtet Monika Laule mit Argwohn: "Da baut sich etwas auf, was wir rechtlich kaum steuern können." Denn der dritte Weg sei noch nicht verboten, "aber er steht unter Beobachtung des Verfassungsschutzes". In Baden-Württemberg soll es insgesamt zwischen 40 und 50 Mitglieder geben, nur eines hat nach Erkenntnissen der Stadtverwaltung ihren Wohnsitz im Raum Radolfzell.

In Radolfzell versucht der Arbeitskreis "Erinnerungskultur" die Zeit des Nationalsozialismus in der Stadt aufzuarbeiten. Auf die Wiedervorlage für die nächste Sitzung kommt das Kriegerdenkmal. Für Katharina Maier von der Abteilung Stadtgeschichte bleibt eine Leitlinie zentral: "Bei der Erinnerungskultur stehen immer Kommentieren und Erklären im Vordergrund, nicht Verschweigen und Entfernen." Oder wie es Angélique Tracik sagt: "Man kann die Dinge nicht wegstellen."

Für Monika Laule hat das Thema durch die Vorfälle am Luisenplatz und die allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklungen eine große Dynamik bekommen. Deshalb wolle sich die Stadt beim Bundesprogramm "Partnerschaft für Demokratie" bewerben. "Wir wollen ein Bündnis auf den Weg bringen, das sich vorbeugend zivilgesellschaftlich einsetzt", sagt die Bürgermeisterin.


Kleinpartei und Kriegerdenkmal

  • Das Landesamt für Verfassungsschutz schreibt: „Der dritte (III.) Weg ist eine junge rechtsextremistische Kleinpartei, ihr rechtsextremistischer bis neonazistischer Charakter ist eindeutig nachweisbar." Die Kleinpartei teilt sich in verschiedene Stützpunkte auf, in Süddeutschland heißen sie Schwaben und Württemberg.
  • Zum Programm der Partei heißt es auf Seite 198 im Verfassungsschutzbericht: "Im November 2015 veröffentlichte die Partei auf ihrer Homepage einen kurzen Grundsatztext zur eigenen politisch-ideologischen Standortbestimmung. Dieses relativ knappe Papier unter der Überschrift „Unser Selbstverständnis" kann als verklausuliertes Bekenntnis zum historischen Nationalsozialismus interpretiert werden, enthält es doch entsprechende Signalwörter national" und sozialistisch."
  • Luisenplatz: Seit Sommer 2014 sind fünf Glas-Texttafeln zur Entstehungsgeschichte des Kriegerdenkmals angebracht. Die Texte wurden von den Mitgliedern der Projektgruppe Erinnerungskultur verfasst. Das sind Achim Fenner, Norbert Lumbe, Christof Stadler und Markus Wolter.