Bis vor wenigen Monaten war der Radolfsbrunnen auf der Mettnau fast nur noch ein Geist in den Geschichtsbüchern. Hier und da gab es eine kleine Erwähnung, aber keiner wusste mehr so ganz genau, wo er eigentlich war, bis Bauarbeiter ihn bei der Uferrenaturierung nach Hinweisen von Christof Stadler, Historiker und ehrenamtlicher Stadtpfleger, entdeckt und freigelegt haben. Inzwischen ist der Brunnen restauriert und hat einen Platz am Ufer der Mettnau bekommen.

Eine alte Karte im Almanach von Martin Müller aus dem Jahr 1851 hatte einen knappen Hinweis auf den ehemaligen Standort des Brunnens gegeben, der zwar dem Radolfzeller Stadtgründer gewidmet war, aber in den Geschichtsbücher oder Gemeinderatsprotokollen kaum oder sogar keine Nennung fand. 1961 hatte man ihn sogar zugeschüttet. Ein bisschen in Indiana Jones-Manier kam er schließlich nach Recherchen mitsamt verschiedener Baumaterialien der früheren Anlage, einer Zisterne und einem größeren Kalkquader zum Vorschein. Eine geschliffene Kalkplatte wies ihn eindeutig mit dem Schriftzug Radolfsbrunnen aus. Diese Platte, so vermutet Christof Stadler, stammt möglicherweise aus der Zeit um 1900, als der Verschönerungsverein auf der Halbinsel Mettnau agierte. Unter einer vergipsten Stelle, die Rätsel aufgab, wurde aber nichts gefunden.

Brunnen besitzt wohl heilende Kräfte

Der Legende nach soll an der ursprünglichen Stelle des Brunnens der Stadtgründer Ratold zum ersten Mal auf der Mettnau gelandet sein und dem Wasser wurde deshalb heilkräftige Wirkung nachgesagt. Die erste Erwähnung des Brunnens war 1447 in einer Urkunde mit den Worten „sieben mansgraben reben by sant Ratolffsbrunnen uf dem Hard“.

Das Radolfzeller Stadtarchiv hatte im Rahmen der Wiederentdeckung des Radolfsbrünneles einen Aufruf nach Erzählungen und Fotos vom Brunnen und seinem Standort gestartet. Katharina Maier, Leiterin der Stadtgeschichte, erzählt, dass sie sich Bürger gemeldet haben und erzählten, "dass der Brunnen genau so ausgesehen hat, wie auf dem alten Foto". Anders als heute war er damals aber nicht in Stufen eingebettet. Um ihn herum sei alles zugewuchert und zugewachsen gewesen. "Der Ausfluss des kleinen Beckens ging direkt in die Wiese hinein und das Wasser ist dann versickert." Ein anderer Zeitzeuge habe erzählt, "dass er in den 40er-Jahren Lehrling bei Allweiler war und dort im angrenzenden Garten des Betriebsvorstehers Gartenarbeiten verrichtete. Zum Händewaschen ging er dann an den Brunnen, woraufhin ihm eine alte Frau sagte, er solle sich besser die Augen mit dem Wasser auswaschen, da es Heilkräfte für die Augen besäße," erzählt Katharina Maier.


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