Weiße Flecken deuten auf Schimmer

Im Juli war Das Radolfzeller Stadtarchiv geschlossen. Ziel war es, den Bestand des Archivs zu sortieren, zu prüfen und neu zu verzeichnen. Was ohnehin schon eine große Aufgabe für das Team des Archivs ist, wurde durch eine böse Überraschung im Keller noch schwerer gemacht. Im ältesten Magazinraum des Gebäudes hat sich unbemerkt Schimmel breit gemacht. Weiße Flecken auf den zum Teil sehr alten Büchern zeugen von dem Schimmelbefall. "Das war eine richtige Hiobsbotschaft. Bei Schimmel muss man sehr schnell handeln", sagt Angelika Merk, Leiterin des Stadtarchivs.

Einige Bücher müssen entsorgt werden

Bei den Aufräumarbeiten hatte ein Mitarbeiter den Schimmel im Keller entdeckt. Einige Bücher seien sehr stark befallen gewesen, andere hätten nur vereinzelt die verräterischen weißen Flecken auf dem Buchrücken gezeigt. Zum Glück sei unter den stark befallenen Bänden nichts Wertvolles dabei gewesen, so Merk. Da die verschimmelten Bücher keine Originale, sondern nur Kopien verschiedener Akten, die in anderen Archiven ebenfalls vorliegen, habe man sich dazu entschlossen, diese einfach wegzuwerfen. Die Stadt habe auch hierfür eine Aufbewahrungspflicht gehabt.

Reinigung ist zeitintensiv

Alle anderen Bücher werden nun Stück für Stück einzeln mit einem speziellen Staubsauger von den unsicherbaren Sporen befreit. Danach werden sie mit einer speziellen Alkohol-Lösung desinfiziert. Dabei müssen die Mitarbeiter Schutzanzüge tragen. "Zum Glück ist der Schimmelbefall bei den meisten Büchern nur oberflächlich am Buchrücken, dieser lässt sich ganz gut beseitigen", sagt Angelika Merk. Es sei auch von Vorteil gewesen, dass die alten Bücher so eng im Regal standen. Da hatte der Schimmel wenig Angriffsfläche.

Hoche Temperaturen sollen schuld sein

Die Ursache für den Schimmelbefall lag wohl am Raumklima. Die Stadtverwaltung hatte eigens für diesen Fall einen Restaurator kommen lassen, der sich die Situation anschauen sollte. Wie lange jedoch der Schimmel bereits in dem Raum wächst, habe auch der Fachmann nicht sagen können. Auffällig sei gewesen, dass es vor allem Buchreihen an den Außenwänden und weiter unten im Regal betroffen hätte. "Dort, wo sich die feuchte Luft absetzt", erklärt Merk. Im Magazinraum habe man nun Luftentfeuchter und Messgeräte, die Raumtemperatur und Luftfeuchtigkeit kontrollieren, aufgestellt. Einer der Luftentfeuchter schalte sich sogar automatisch an, wenn ein bestimmter Wert überschritten werde.

Die ältesten Dokumente liegen im Keller

Vermutlich sei sogar der heiße Sommer für den Schimmelwildwuchs verantwortlich gewesen. Wenn die Temperatur in dem Kellerraum steigt, aber die Luftfeuchtigkeit auch zunimmt, sind das Idealbedingungen für das Wachstum der Sporen. Auch wenn man das Raumklima nun genaustens im Auge behalten werde, habe man im Stadtarchiv vorsorglich schon einmal umgeräumt. Der befallene Magazinraum im Keller ist laut Merk auch der älteste. Also liegen dort auch die ältesten und wertvollsten Dokumente. Diese habe man nun in einen anderen Raum mit besserem Klima umgezogen.

Raumklima ist wichtig für Erhalt

Je nach Material brauchen Archivalien unterschiedliche Bedingungen für die optimale Aufbewahrung. Bei Papier ist vor allem eine konstante Temperatur notwendig. In den Räumen dürfe es nur Schwankungen von maximal einem Grad geben, erklärt Angelika Merk. Die empfohlene Temperatur liege bei 14 bis 20 Grad, die relative Luftfeuchte bei 35 bis 50 Prozent. Für Pergament sind die Regeln strenger. Da dürfte die Luftfeuchtigkeit nicht unter 40 Prozent fallen, die Temperatur müsse jedoch bei 20 Grad liegen.

Stadtarchiv nur reduziert geöffnet

Durch die Arbeiten gegen den Schimmelbefall sind die eigentlichen Aufgaben der Neuorganisierung des Archivs in Zeitverzug geraten. Das Archiv hat mittlerweile wieder geöffnet, jedoch mit nur einem Besuchertag, am Dienstag. Wer dennoch im Archiv forschen möchte oder etwas sucht, kann nach vorheriger Anmeldung die Dienste in Anspruch nehmen. Nutzer können die kompletten Archivalien einsehen, sei es für amtliche, wissenschaftliche oder publizistischer Zwecke oder auch einfach nur für private Recherchen.

Ahnenforschung ist möglich

Im Archiv liegen laut Angelika Merk Standesbücher ab 1870, darüber hinaus auch Meldekarteien und -bücher sowie Adressbücher ab 1911. Im Archiv sind ebenfalls Urkunden, Akten, Ratsprotokolle – die Ältesten sind aus dem 17. Jahrhundert – Zeitschriften, Fotografien, wenige Filme und spezielle Sammlungen wie eine Briefkopfsammlung oder eine Münzsammlung aufbewahrt.

Das Gedächtnis
der Stadt Radolfzell

  • Was macht das Stadtarchiv? Die Bestände, die das Archiv bekommt, müssen geordnet, geprüft, verzeichnet und gesichert werden. Akten aus dem Verwaltungsbereich müssen mindestens 30 Jahre gesichert werden, weil sie eine so genannte Schutzfrist haben. Ebenfalls muss überprüft werden, ob bestimmte Dokumente aufgrund ihrer historischen Gesichtspunkte nicht noch länger aufbewahrt werden müssen. Durch ein Verzeichnis wird das Archiv erst nutzbar. Das heißt, Akten und Dokumente sind durch Kennziffern oder Schlagworte auffindbar. Auch kümmert sich das Archiv um eine korrekte Lagerung, entfernt alle Materialien, die die Dokumente im Lauf der Zeit beschädigen könnten, wie zum Beispiel Klammern, die anfangen zu rosten.
  • Wie sieht es mit Datenschutz aus? Die Schutzfristen geben an, ab wann das Archiv bestimmte personenbezogene Dokumente herausgeben darf. Zum Beispiel dürfen Geburtsdaten oder andere Informationen einer bestimmten Person in der Regel erst 110 Jahre nach dem Geburtsdatum herausgegeben werden.
  • Wie sieht es mit einer Digitalisierung des Bestandes aus? Das Radolfzeller Stadtarchiv möchte einen bestimmten Teil digitalisieren lassen, vor allem den Teil der Bestände, der von den Benutztern stark nachgefragt wird oder Bestände, deren Erhaltungszustand kritisch oder sogar bedroht ist. Mit der Digitalisierung werden Originale geschont und der Zugang erleichtert.