Passare schallt es über den Münsterplatz in Radolfzell. Passare ist Italienisch und es bedeutet soviel wie passieren oder überqueren. Schlagartig blicken sich die Menschen, die des Italienischen mächtig sind, auf dem Platz um und suchen den Rufer. Vielleicht eine Gruppe italienischer Austauschschüler auf dem Weg zum Radolfzeller Wahrzeichen, dem ULF. Weitgefehlt. Denn die Kommandos waren für sechs Hundeohren bestimmt.

Wenn Hunde ihre Augen leihen

Und die drei Adressaten haben verstanden: Zielsicher setzen sich Raven, Lotte und Wilma in Bewegung und bringen ihre Begleiter sicher an das andere Ende des Münsterplatzes. Destra heißt es im Anschluss. Die drei biegen nach rechts ab. Avanti – schlagartig wird das Tempo beschleunigt. Zum Schluss folgt ein „a terra“, das Raven, Lotte und Wilma dazu veranlasst, sich hinzulegen. Was sich nach einer Episode aus einem Italo-Western anhört, bei dem die drei Hunde die Co-Stars von Bud Spencer und Terence Hill mimen könnten, ist eine Trainingseinheit. Eine ganz besondere sogar. Denn Raven, Lotte und Wilma sind Blindeführhunde in Ausbildung. Später einmal sollen sie blinden Menschen helfen, ihre Alltag zu meistern. Die Vierbeiner wissen, was eine Ampel ist und auch wie man sie bedient. Sie finden das Lichtsignal für Fußgänger überall. Sie werden einen Zebrastreifen erkennen, eine Treppe, einen Aufzug am Bahnhof oder eine freie Parkbank im Stadtgarten.

Wir sind beim Arbeiten, bitte nicht streicheln: Wenn Lotte und Raven ihre orange-blaue Kenndecke tragen sind die Blindenführhunde im Dienst.
Wir sind beim Arbeiten, bitte nicht streicheln: Wenn Lotte und Raven ihre orange-blaue Kenndecke tragen sind die Blindenführhunde im Dienst. | Bild: Matthias Güntert

Raven, Lotte und Wilma tragen an diesem Morgen ihre Arbeitskleidung. Eine orange-blaue Kenndecke mit der Aufschrift Blindenführhund. Je ein anderes Ende der Leine haben Susanne Grünberger, sie ist die Betreiberin einer Blindenführhundeschule in Markelfingen, sowie Barbara Burchardt und Ralf Schnitzler in der Hand. Die Schriftführerin der Aktionsgemeinschaft und ihr Partner bilden eine Patenfamilie. Im Alter von acht Wochen nehmen die Paten ihren Welpen auf. Für etwa zwölf bis fünfzehn Monate soll der Junghund in die Familie integriert und zu einem angenehmen Hausgenossen erzogen werden.

Paten formen selbstbewusste Hunde

Die wichtigste Aufgabe der Paten: Der Vierbeiner soll möglichst viele Erfahrungen mit seiner belebten und unbelebten Umwelt machen, sodass er eine große soziale Sicherheit und Umweltsicherheit entwickelt. „Er sollte nicht nur möglichst oft mit in die Stadt genommen werden und seinen Junghundetrainer bei allen Aktivitäten des Alltags begleiten, sondern er soll vor allem auch die Freude an der Zusammenarbeit mit dem Menschen vermittelt bekommen“, sagt Susanne Grünberger. Die Paten legen hierfür die Basis und formen ihre Welpen mit unendlich viel Liebe, Zeit und Aufmerksamkeit zu selbstbewussten Hundepersönlichkeiten, so die Ausbilderin weiter.

Bitte hier zahlen: Wilma führt Patin Barbara Burchardt sicher zur Kasse in einem Radolfzeller Kaufhaus.
Bitte hier zahlen: Wilma führt Patin Barbara Burchardt sicher zur Kasse in einem Radolfzeller Kaufhaus. | Bild: Matthias Güntert

Bei Barbara Burchardt und Ralf Schnitzler lebt derzeit die junge, aufgeweckte und wissbegierige Lotte. Sie ist eine Labrador-Hündin mit goldenem Fell. Für Barbara Burchardt ist sie nach Lasse der zweite Blindenführhund, den sie als Patin erzieht. Sie weiß, welche Bedeutung ihr zukommt: „Uns muss jeden Tag bewusst sein, dass der Hund alles, was er hier lernt, später einmal brauchen kann.“ Sie und ihr Partner gehen mit Lotte durch dick und dünn. Und das im wahrsten Sinne der Wortes. Denn Lotte ist immer mit dabei. „Wir nehmen sie mit zum Arbeiten, zum Einkaufen und auch zum Arzt“, sagt Barbara Burchardt. Ralf Schnitzler ergänzt: „Es motiviert uns, wenn wir daran denken, was der Hund später leisten wird.“

Frauchen, hier kannst Du Dich setzen:  Raven zeigt Hundetrainerin Susanne Grünbürger die nächste Parkbank.
Frauchen, hier kannst Du Dich setzen: Raven zeigt Hundetrainerin Susanne Grünbürger die nächste Parkbank. | Bild: Matthias Güntert

Zu vermitteln, dass Lotte kein gewöhnlicher Hund ist, dazu bedarf es häufig einer Erklärung. „Es kommt immer wieder vor, dass eine Verkäuferin im Supermarkt nur die Leine sieht“, sagt Barbara Burchardt. Spätestens wenn die Verkäufer die Kenndecke entdecken, realisieren sie, dass Lotte kein gewöhnlicher Hund sei. Besonders interessant seien die Telefonate mit Arztpraxen. „Es ruft schon lustige Reaktionen auf den Plan, wenn wir bei der Terminvereinbarung sagen: Ich bringe aber meinen Hund mit.“ Nach einer Aufklärung zeigen allerdings alle Verständnis.

Sitzen und warten: Auch das gehört zu den Aufgaben eines Blindenhundes. Bild: Matthias Güntert
Sitzen und warten: Auch das gehört zu den Aufgaben eines Blindenhundes. Bild: Matthias Güntert | Bild: Matthias Güntert

Nach der Zeit in der Patenfamilie heißt es für die Hunde noch einmal acht bis zehn Monate pauken in der Hundeschule von Susanne Grünberger. Erst dann kommen sie zu ihrem blinden Herrchen oder Frauchen. Bis dahin beherrschen die tierischen Helfer über 40 italienische Kommandos. Dass dies nicht auf Deutsch geschieht, ist nicht grundlos, wie Ralf Schnitzler betont. „Das ist mitunter auch ein Schutz für den Seheingeschränkten. Denn im Alltag fallen häufig Begriffe, die den Hund zu einer Aktion führen könnte.“ Soll heißen: Der Blindenführhund kann sich später nicht nur auf die Stimmlage seines Herrchens verlassen, sondern das Mensch-Hund-Gespann spricht eine andere Sprache. Dies bedeutet aber auch, dass die Paten zurück auf die Schulbank müssen. „Wir haben erst einmal eine ganze Liste an italienischen Kommandos bekommen“, sagt Schnitzler. Italienisch sei eine perfekte Sprache für die Hunde, denn sie sei laut Grünberger sehr vokalreich und damit leichter zu verstehen.

Bitte nicht streicheln!

An diesem Morgen wird aber noch ein ganz anderes Problem deutlich. Das schnuckelige Aussehen ist für die Vierbeiner Fluch und Segen zugleich. Natürlich genießen sie es, gekrault zu werden. Eigentlich ist dies auch kein Problem, wie Barbara Burchardt betont. Doch heute verhält es sich anders. Lotte ist im Training. Dabei gilt eigentlich: Streicheln verboten! Auch hier bedarf es häufig Aufklärungsarbeit. Ein Blindenführhund ist eben kein gewöhnlicher Hund – zumindest nicht, wenn er beim Arbeiten ist. „Diese Hunde sind sehr viel mehr als nur die Augen für ihr gehandicaptes Herrchen“, weiß Burchardt. Vielmehr haben sie ein spezielles Gespür für Blinde und ihr Umfeld. Dafür müssen sie sich aber aufs Höchste konzentrieren. Eine Streicheleinheit könnte diese Phase der Fokussierung leicht durchbrechen.

Patenschaft endet mit Trennungsschmerz

Die Ausbildung eines Blindenführhundes scheint ohnehin eine spannende Aufgabe zu sein, doch die im wahrsten Sinne schwerste Aufgabe wartet am Ende der einjährigen Patenschaft. Denn diese endet mit einem großen Trennungsschmerz. Paten und Blindenführhund müssen getrennte Wege gehen. Bei dieser Aussicht zucken die beiden Paten zusammen. Natürlich sei ihnen dies bewusst, aber so ganz wolle man sich noch nicht damit anfreunden. „Aber die gemeinsame Zeit mit Lotte hat ja erst begonnen. Und häufig dürfen die Ausbildungshunde im Urlaub wieder zurück in die Patenfamilien„, berichtet Burchardt. Auch mit ihrem ersten Hunde Lasse und dessen neuem Herrchen stehe sie noch in Kontakt.

Nach dem Training ist vor dem Toben: Wenn Lotte, Raven und Wilma ihre Kenndecken ablegen, sind sie ganz normale Vierbeiner und wollen am Liebsten eines tun: Um die Wette rennen. Bild: Matthias Güntert
Nach dem Training ist vor dem Toben: Wenn Lotte, Raven und Wilma ihre Kenndecken ablegen, sind sie ganz normale Vierbeiner und wollen am Liebsten eines tun: Um die Wette rennen. Bild: Matthias Güntert | Bild: Matthias Güntert

Die Trainingsarbeit an diesem Morgen ist erst einmal beendet. Das Geschirr mit der Aufschrift Blindenführhund wird Lotte, Wilma und Raven abgenommen. Erwartungsvoll wedeln die drei mit den Schwänzen. Sie wissen, was nun kommt. Libera ruft Susanne Grünberger. Die drei Fellnasen spurten los – in Richtung See. Jetzt haben sie Schulschluss. Für einen kurzen Moment sind sie keine Blindenführhunde mehr, sondern einfach nur Raven, Lotte und Wilma – drei spielende und tollende Hunde.