Zwar ist das neuntägige Badeverbot am Böhringer See wegen erhöhten Blaualgenvorkommens seit 17. Juli wieder aufgehoben, doch das Damoklesschwert wird in dieser Badesaison weiterhin über dem Böhringer See schweben. Zumal mögliche Adhoc-Maßnahmen zur Bekämpfung der latenten Blaualgenbedrohung, wie Experten sie jüngst in einer Sondersitzung des Ortschaftsrates vorstellten, auf die Schnelle nicht zum Einsatz kommen können. Auch werde das Landratsamt nicht ohne genaue Prüfung der Auswirkungen zustimmen, kündigte Ralf Dieterle, zuständig für Wasserrecht, in der Sitzung an. Dieter Schamberger von der technischen Abteilung des Wasserwirtschaftsamtes gab zu bedenken, dass alle Maßnahmen sich auch auf den Trinkwasserspeicher Bodensee auswirkten, weshalb man zurückhaltend mit Versuchen sei.

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Warum sich die Blaualgen erstmals nach fünf Jahren trotz der Zwangszirkulationsanlage, die seit 2012 betrieben wird, wieder vermehrt haben, ist allen ein Rätsel, zumal es durch die extremen Wetterlagen 2018 in vielen Seen Deutschlands zu Massenentwicklungen von Blaualgen gekommen war, der Böhringer See aber verschont blieb. Für Limnologe Klaus Boos, der die Stadt seit 2011 in Sachen Blaualgenproblematik begleitet, sind die Rücklösung aus dem Sediment und externe Phosphoreinträge das primäre Belastungspotenzial im Böhringer See.

Damit die Badenutzung gewährleistet bleibe, müsse eine Verbesserung des Sauerstoffhaushaltes und die Absenkung von Nährstoffbelastungen – aus welchen Quellen auch immer – angestrebt werden. Aus diesem Grund sei 2012 die Zwangszirkulationsanlage in Betrieb genommen worden, um den See temperaturmäßig einheitlich zu vermischen und ein Absinken der Blaualgen auf den nährstoffreichen Grund zu verhindern. Seinerzeit habe er empfohlen, einen Bodenfilter einzubauen, um in Kombination mit der Zirkulation das Zufluss- und Seewasser zu reinigen, worauf aber aus Kostengründen verzichtet wurde.

Gewässerkundler Klaus Boos befürwortet den Einsatz von Wasserstoffperoxid

„Einzig die Nährstoffsituation können wir beeinflussen, um langfristig das Blaualgenwachstum einzudämmen“, machte Klaus Boos deutlich. Als mögliche Adhoc-Maßnahmen während der Badesaison brachte der Gewässer-Experte die Phosphatfällung durch Wasserstoffperoxid ins Gespräch oder im Frühjahr durch Eisen und Aluminium. „Wir lernen dazu. Die Fällung hat in der Blaualgenbekämpfung inzwischen Priorität bekommen“, erklärte er. Ich habe mich 2011/2012 dagegen ausgesprochen, da ich damals von einer größeren Wasseraustauschrate im Böhringer See ausging“, entgegnete er Ortschaftsrat Manfred Brunner (FDP), der die Phosphatfällung schon damals vorgeschlagen hatte und sich nun in seinen Recherchen bestätigt sieht. Desweiteren sprach sich Klaus Boos dafür aus, die Umwälzanlage um einen Bodenfilter zu ergänzen und das Monitoring fortzusetzen.

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Rainer Bretthauer, promovierter Biologe und ehrenamtlicher Umweltschutzbeauftragter der Stadt, hält eine Phosphatfällung im Sommer angesichts des sauerstoffarmen Wassers über dem Sediment für wenig sinnvoll. Hingegen empfiehlt er, die Blaualgen mit Ultraschall zu bekämpfen wie es die Stadt Münster praktiziert – nicht während der Badezeiten, sondern nachts. Dem erteilte Klaus Boos eine Absage. Ultraschall in der notwendigen hohen Dosierung sei für Badende, Fische und Plankton nicht unbedingt positiv. Zudem gebe es zu wenige wissenschaftliche Belege dafür, dass die Methode funktioniere.

Verzögerung beim Entkrauten und Biberdämme verschärfen das Problem

Wolfgang Keller, Leiter der städtischen Abteilung Landschaft und Gewässer, räumte ein, dass es krankheitsbedingt zu Verzögerungen beim Entkrauten des Mühlbachs und Seelegraben gekommen sei. Hinzugekommen sei ein sehr starkes Pflanzenwachstum im April/Mai. Weitere Pflegegänge dürfen nach dem Einsatz im Juni aufgrund von Schonzeiten der Fische erst Anfang August erfolgen. Hier konnte jetzt mit einer Ausnahmegenehmigung früher gemäht werden. Hinzu komme als neues Thema der unter Schutz stehende Biber, der sehr fleißig Dämme am Mühlbach baue und das Wasser aufstaue. „Mit Genehmigung des Regierungspräsidiums durften wir jetzt nach mehreren Beratungen die Dämme abbauen, aber es sind schon wieder neue da“, so Wolfgang Keller ratlos.

Im Böhringer See gibt es derzeit viele Fische

Als weiteres Thema wurde der derzeit hohe Fischbestand mit Auswirkungen auf den Nährstoffgehalt des Böhringer Sees diskutiert. Da der Pachtvertrag mit dem Angelsportvereins Überlingen am Ried vor einem Jahr gekündigt wurde, besteht die Möglichkeit, durch den Einsatz bestimmter Fische das Nährstoffaufkommen günstig zu beeinflussen. Ortschaftsrat Robert Böhm (CDU) schlug vor, die Maßnahmen mit einem Fisch-Monitoring zu begleiten und auch die Grundwasserleiter im Böhringer See nochmal auf Phosphate hin zu prüfen.

Behörden überwachen die Qualität des Böhringer Sees

Es wurde beschlossen, mit diesem Expertengremium sowie Vertretern der Universität Konstanz und des Seenforschungsinstituts Langenargen in den Gemeinderat zu gehen und die angesprochenen Punkte zu diskutieren, insbesondere auch hinsichtlich ihrer Umweltverträglichkeit und Genehmigungsfähigkeit. Abschließend machte Wolfgang Keller den zuhörenden Bürgern deutlich: „Die Überwachung des Badegewässers ist sicher.“ Es werden während der Badesaison einmal pro Woche vom Gesundheitsamt und alle 14 Tage zusätzlich von der Abteilung Landschaft und Gewässer Proben aus dem See genommen, darüber hinaus alle vier Wochen.

Ohne Sanierungsplan kein Badesee

Sind teure Restaurierungsmaßnahmen für den Böhringer See überhaupt nötig? Kann man nicht alle vier bis fünf Jahre ein Badeverbot verschmerzen und in den Bodensee zum Baden gehen, wenn in Böhringen Gefahr durch erhöhtes Blaualgenaufkommen droht? Fragen, die immer wieder gestellt werden, wenn es um Maßnahmen für den Böhringer See geht. Gutachter Klaus Boos wurde in der Sitzung deutlich: „Nach der Badegewässerverordnung haben wir die Pflicht, einen Sanierungsplan vorzulegen, sonst droht die Schließung als Badesee!“

Wie Ortschaftsrat Manfred Brunner die Entwicklung sieht

„Als Sachverständiger für Schimmelpilzproblematik ist mir die Ursachenforschung zu der erhöhten Blaualgengefahr nicht fremd. Auch bei Schimmelpilzproblemen müssen das gesamte Umfeld sowie gewisse zeitliche Abläufe einbezogen werden. Das von der Stadt angesetzte Monitoring bei den Blaulagen ist dazu nicht zielführend. Es betrachtet nur das Wachstum der Blaualgen.

Veränderungen durch Fischbestand und Biberdamm

Schauen wir zurück auf die letzten Jahre. Hier gab es keinen Grund zur Sperrung. Dieses Jahr wurde das Fischen am See eingestellt. Dies greift schon in den ökologischen Haushalt ein. Es werden keine Raubfische mehr abgefischt. Dadurch verringert sich die Zahl der Weißfische, diese wiederum würden das Plankton verringern, das den Blaualgen als Nahrung dient. Dazu kam ein Biberdamm, welcher über Wochen, wenn nicht sogar Monate den See anstaute. Laut Herrn Boos wurde extra ein Gerät zur Umwälzung eingebaut. Der Biberdamm sorgte bedauerlicherweise dafür, dass die natürliche Umwälzung geschwächt wurde.

Regen leitet Gülle in den See

Zusätzlich wurde wegen Krankheitsfällen der Seelegraben nicht entkrautet. Diese Umstände wurden nicht zentral aufgenommen, was aber notwendig gewesen wäre. Zwei, drei Wochen vor dem Badeverbot wurde zudem am Oberholz extrem Gülle ausgebracht. Der kurze, heftige Regen leitet diese dann in den See. Das heiße Wetter war da erst der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.

Es fehlt ein Ansprechpartner bei der Stadt

Aus meiner Sicht ist es ärgerlich, dass sich keiner in der Verwaltung verantwortlich fühlt, eine praktische Lösung einzuleiten, besonders da das angestaute Wasser schon als Brackwasser bezeichnet werden könnte. Was mich dazu hin ärgert: Drei Anrainer hatten schon frühzeitig im Rathaus gemeldet, dass der Ablauf blockiert war. Für das Problem am Böhringer See bräuchte es bei der Stadt einen Verantwortlichen, dem alle ökologischen Veränderungen gemeldet werden können. Jemand, der diese dann auswertet und zeitnah Maßnahmen einleitet zum Schutz des gesamten Ökosystems.“

Soweit die Stellungnahme von Manfred Brunner.