Was könnte das Leben vergangener Generationen lebendiger werden lassen als ein Blick in die Bücher der Autoren ihrer Zeit? Bis heute besticht Radolfzell durch etliche verträumte Ansichten in der Altstadt und auf der Mettnau. Wieviel beschaulicher das Leben im 19. Jahrhundert hier gewesen sein muss, lassen Scheffels Gedichtzeilen erahnen: "Zeller See, ich fühl den Segen deiner keuschen Heiligkeit!"

Als Beitrag zur 750-Jahr-Feier hat Petra Wucherer ein Literaturpaket rund um Joseph Victor von Scheffel geschnürt. Das ist ein ordentliches Päckchen Organisation neben dem ohnehin vollen Programm einer Bibliotheksleiterin. Doch sie lacht, wenn sie über ihre Arbeit spricht. Der Beruf sei sehr vielseitig, er mache ihr wirklich Spaß. Mittlerweile kann sie auf viele Jahre Berufserfahrung zurückblicken. Seit 1989 ist sie Bibliothekarin. An die Anfänge ihrer Laufbahn erinnert sie sich mit Vergnügen. Als sie in der Nähe von Ulm ihre erste Ein-Frau-Stelle in einer kleinen Bibliothek antrat, bekam sie im Rathaus den Schlüssel in die Hand gedrückt mit dem Kommentar: "Sie wissen ja, wo die Bibliothek ist." Das sei eine gute Schulung für die Leitung einer Bibliothek gewesen, meint sie in der Rückschau.

Die Radolfzeller Bibliothek stehe heute gut da, führt Petra Wucherer fort. Seit der Renovierung konnten über 2000 aktive Leser neu gewonnen werden. 5600 sind es insgesamt. Die gebürtige Schwäbin ist stolz auf ihr zehnköpfiges Team. Auch außerhalb der Öffnungszeiten gibt es viel zu tun: 7300 Neuerwerbungen pro Jahr fließen in den Bestand ein. Alle Bücher, die auf der Spiegel-Bestsellerliste stehen, werden in die Regale aufgenommen. Jede Mitarbeiterin betreut ein oder mehrere Fachgebiete. Sie liest neu erschienene Bücher und empfiehlt, was interessant sein könnte. Jedes neue Medium muss gesichert und registriert werden, damit Nutzer es im Online-System der Bibliothek finden können. Jedes Buch wird eingebunden. Denn 300 Ausleihen pro Buch bedeuten, dass es 600 Mal in einer Tasche getragen wird. "Unsere Bücher müssen einiges aushalten", erzählt Petra Wucherer lachend. Zusätzlich finden regelmäßig Führungen in der Bibliothek statt, von Schulklassen bis hin zu Seniorengruppen. "Die Mischung macht's", meint Petra Wucherer. Die Stadtbibliothek sei ein Ort vom Kinderwagen bis ins hohe Alter. Dass Scheffel dieses Jahr so zur Geltung kommt, freut die Bibliotheksleiterin: "Ich freue mich sehr auf die Literaturtage und hoffe, dass viele Neu- und Altbürger Radolfzells den bekannten Menschen Victor von Scheffel neu entdecken."

Zur Person

Petra Wucherer (54) ist in Riedlingen an der Donau geboren. In Stuttgart hat sie im Jahr 1989 das Studium Bibliothekswesen an der Hochschule für Medien abgeschlossen. Petra Wucherer arbeitet heute als Leiterin der Radolfzeller Stadtbibliothek. Im Jahr 2016 hatte die Bibliothek einen Medienetat von 90 000 Euro. 7300 neue Medien wurden erworben. Als private Lektüre bevorzugt Petra Wucherer epische Erzähler. Zu ihren Lieblingsautoren zählt Richard Ford. Gerne liest sie auch, was gerade im Trend ist. Zurzeit zum Beispiel Geschichten zum Thema Natur und Tiere oder Wildnis.