Die Arbeiterwohlfahrt (Awo) bietet Menschen Unterstützung, die diverse Aufgaben nicht mehr selbstständig übernehmen können. Sei es durch Unfallfolgen, fortgeschrittenes Alter, Behinderungen oder Krankheiten: der Bedarf gesetzlicher Betreuer ist in den letzten 25 Jahren erheblich gestiegen. Mit diesem Zuwachs steigt auch der Wunsch nach mehr Platz, den die Mitarbeiter der Arbeiterwohlfahrt in den Büros benötigen. Deshalb steht beim Betreuungsverein Radolfzell ein lang ersehnter Umzug bevor. Neue Räume bringen neue Möglichkeiten.

Der Betreuungsverein Kompass der Arbeiterwohlfahrt ist in Radolfzell seit 25 Jahren eine Anlaufstelle für ehrenamtliche Betreuer, Bevollmächtigte sowie für Menschen, die den Alltag nicht allein bewältigen können. Nun ist der Verein zum Jubiläumsjahr von der Gartenstraße in die Bismarckstraße umgezogen. "Das Gebäude zuvor war alt und sanierungsbedürftig. Uns stellte sich die Frage, ob wir das Geld in die Sanierung oder in neue Räumlichkeiten stecken", berichtet Sozialpädagogin Ute Fischer. Für den Umzug habe sich das Team entschieden, um einen geeigneteren Platz für die Spielstube zu finden. Außerdem solle eine neue Raumaufteilung und -gestaltung die Atmosphäre bei Beratungsgesprächen verbessern. Diplomrechtspfleger Berndt Straube sagt: "Wir freuen uns zusätzlich, dass wir jetzt zentraler liegen. Das ist auch für die Besucher angenehmer."

Gesellschaftliche Entwicklung erfordert mehr Betreuungskräfte

Im Laufe der 25 Jahre habe sich die Arbeit des Vereins stark entwickelt. "Am 1. Juli 1993 ging's los", erzählt Ute Fischer, die bereits seit der ersten Stunde beim Betreuungsverein Kompass angestellt sei. Der Verein habe gemeinsam mit dem Mobilen Sozialdienst und der Jugendhilfe der Awo in der Gartenstraße in Radolfzell seine Arbeit begonnen. Im ersten Halbjahr des Bestehens seien es insgesamt 13 haupt- und ehrenamtliche Betreuungen gewesen. "Formal ist die Arbeit beider Betreuergruppen die gleiche und sie haben die gleiche rechtliche Funktion. Nur die Schwierigkeit ist unterschiedlich", erklärt Fischer. Manche Betreute hätten beispielsweise eine komplizierte Familiensituation oder brächten die Klärung komplexerer Aufgaben mit sich. An dieser Stelle kümmere sich ein hauptamtlicher Betreuer um den Klienten.

In allen anderen Fällen bestelle das Amtsgericht in erster Linie Angehörige oder Freunde, aber auch Familienfremde zu ehrenamtlichen Betreuern. Aktuell seien es mittlerweile 62 ehrenamtliche Betreuungen innerhalb eines Jahres, die vom Verein unterstützt werden. Und bis zu 90 hauptamtliche Betreuungen, die von den angestellten Vereinsbetreuern gleichzeitig geführt würden. Das läge hauptsächlich daran, dass aufgrund der gesellschaftlichen Entwicklung mehr ehrenamtliche und professionelle Betreuungskräfte gebraucht würden.

"Die Arbeit ist ein Griff ins volle Leben"

Die Tätigkeit der Betreuer sei vielseitig und richte sich nach dem Bedarf, den das Betreuungsgericht individuell festlege. "Die Arbeit ist ein Griff ins volle Leben. Wir machen alles, was unsere Klienten nicht mehr selbst können", sagt Fischer. Das Team berate in Finanz-, Gesundheits- und Aufenthaltsfragen oder treffe im Namen der Betreuten wichtige Entscheidungen. "Wir sind eine gesetzliche Vertretung und in diesem Sinne vertreten wir Personen, die Entscheidungen aufgrund einer Behinderung oder Ähnlichem nicht treffen können", erklärt Berndt Straube. Hinzu käme, dass die Awo regelmäßigen Kontakt zu den Betreuten und deren Verwandten- und Bekanntenkreis habe, aber auch mit Ärzten, Gerichten, Ämtern, Sozialversicherungen, Banken, Vermietern und sozialen Einrichtungen.

Jedes Jahr gibt es neue Anforderungen

"Ich liebe den Job, weil man was bewegen und eine Lebenssituation verbessern kann", erzählt Ute Fischer. Ihre Kollegin, Sozialpädagogin Anja Schmiletzky-Kattge, ergänzt: "Wenn sich am Ende der Klient auch noch freut, ist das besonders toll." Außerdem reize das Team die Vielseitigkeit des Berufs, da man durch Betreute unterschiedlichster Gesellschaftsschichten in sämtliche Lebensbereiche einen Einblick bekäme. "Als ich 2004 anfing, war es erschlagend, doch mittlerweile fände ich alles andere zu langweilig", erzählt Schmiletzky-Kattge. Außerdem decke der Beruf alle Altersgruppen ab und bliebe somit spannend. "Ich habe als Berufsanfänger hier gestartet und kann mit diesem Beruf in Rente gehen. Es kommt jedes Jahr wieder was Neues, das ich noch nie hatte", erzählt Fischer.

Die Wünsche und der Wille der Betreuten stünden bei der Arbeit der Awo im Vordergrund. "Wir schauen, was sie selbst mitbringen können", erklärt Straube. Äußere eine Person zum Beispiel den Wunsch nach einem Betreuer aus der Familie, so werde dieser wenn möglich erfüllt. "Es wird vom Amtsgericht geprüft, ob die Person geeignet ist und in der Nähe wohnt. Nur dann kommt sie auch in Frage", sagt Ute Fischer.

Beim Betreuungsverein laufen viele Fäden zusammen

Zusätzlich stünden die Betreuungsvereine den ehrenamtlichen Betreuern zur Seite. "Wir begleiten und unterstützen sie, aber beraten unter anderem auch Interessenten, die Betreuer werden wollen", berichtet Ute Fischer. Außerdem wolle das Team den Menschen die Angst nehmen. "Viele denken, Betreuung sei ein Stück weit auch Entmündigung", fährt die Sozialpädagogin fort.

Laut dem Dreierteam sei die Arbeit vergleichbar mit einem Netzwerk. "Wir vermitteln Hilfsangebote sowohl an hauptamtliche als auch ehrenamtliche Betreuer und alle Fäden laufen hier zusammen", fasst Fischer zusammen. Hinzu komme die Aufklärungstätigkeit. "Wir informieren die Leute mittels Öffentlichkeitsarbeit, Einzelberatung, Fortbildungen oder Veranstaltungen", berichtet Diplomrechtspfleger Straube. Der Betreuungsverein sei daher ein Beispiel für das Zusammenwirken von ehrenamtlich und professionell tätigen Personen im gemeinnützigen Bereich.