Baustellen sind faszinierende Orte. Es entsteht etwas Neues und der Passant kann von außen auf den Entstehungsprozess blicken. Doch ins Innere der Baustelle dürfen nur Wenige. Das Richtfest auf der Baustelle der Baugenossenschaft Hegau in der Gustav-Troll-Straße auf der Weinburg änderte die Spielregeln. Verbotenes wurde zugänglich. Gefährliche Stolperfallen wurden aus dem Weg geräumt, um Künstlern Platz zu schaffen, für ihre Visionen und Darstellung. Die meisten jungen Nachwuchstalente nahmen am Richtfest-Künstförderpreis teil und stellten ihre Werke und Projekte einer Fachjury vor.

Von hier aus sieht es aus wie ein gewöhnliches Richtfest. Auch die Bauarbeiter der ausführenden Firma GRABARICS aus Ungarn lassen sich auf das Kunstprojekt ein.
Von hier aus sieht es aus wie ein gewöhnliches Richtfest. Auch die Bauarbeiter der ausführenden Firma GRABARICS aus Ungarn lassen sich auf das Kunstprojekt ein. | Bild: Schneider, Anna-Maria

Das Überthema "Luftige Schlösser und konkrete Utopien" interpretierten die Kunstschaffenen höchst unterschiedlich. Manches irritierte, manches eröffnete seine Schönheit erst auf dem zweiten Blick. Doch alle zusammen hatten sie den Rohbau in Beschlag genommen. Und erstaunliches daraus kreiert.

Ein-Konzept-Zimmer heißt die Installation von Nina Maier aus Konstanz. Sie ein einen Baum in das zentrum gestellt. Dazu drei Röhren-Fernseher.
Ein-Konzept-Zimmer heißt die Installation von Nina Maier aus Konstanz. Sie ein einen Baum in das zentrum gestellt. Dazu drei Röhren-Fernseher. | Bild: Schneider, Anna-Maria

Herabhängende Leerrohre für Kabel hatte Nina Maier, Studentin aus Konstanz, kurzerhand mit LED-Leuchten nicht nur verschönert, sondern ihrem Raum eine einzigartige Lichtkulisse geliefert. Unter dem Titel "Ein-Konzept-Zimmer" hatte sie drei rauschende Röhren-Fernseher unter einem Baum aufgestellt. Die Wurzeln des Baumes rankten sich zwischen die Baustellenträger. Von der Decke hingen etliche LED-Rohre. Die Athmosphäre eines Zauberwaldes machte sich breit.

Lichtspiele auf Beton: Zahlreiche Installationen spielen mit Licht und den räumlichen Gegebenheiten beim "Richtfest".Bild:Gerald Jarausch
Lichtspiele auf Beton: Zahlreiche Installationen spielen mit Licht und den räumlichen Gegebenheiten beim "Richtfest".Bild:Gerald Jarausch | Bild: Jarausch, Gerald

Zwei Stockwerke tiefer forderte das Freiwilligenkollektiv die Besucher mit einer irritierenden Performance heraus. Im blauen Käfig saß ein Mensch mit einer Affenmaske, um ihn herum liefen ruhelos drei Gestalten in weißen Schutzanzügen herum und rezitierten aus Reclam-Büchern. Die Stimmen gehen durcheinander, der Besucher kann für eine kurze Zeit in diese verstörende Szenerie mit dem Titel "Serendipity" eintauchen und genauso schnell auch wieder verlassen. Die Aufmerksamkeit der weißen Gestalten erregte dies keineswegs. Der Konstanzer Künstler Boris Petrovski hat sich die auffälligste Bühne ausgesucht und machte den großen Baukran zum Hauptdarsteller.

Der Kran bekommt von Boris Petrovski unter dem Titel "Derrick" eine besondere Rolle.
Der Kran bekommt von Boris Petrovski unter dem Titel "Derrick" eine besondere Rolle. | Bild: Schneider, Anna-Maria

Das Richtfest-Festival kam allerdings nicht ohne traditionelles Richtfest aus. Ein Zimmermann sprach den Richtspruch und zerbrach das Glas.

Trotz Kunst- und Kulturfestival darf ein traditioneller Richtspruch nicht fehlen.
Trotz Kunst- und Kulturfestival darf ein traditioneller Richtspruch nicht fehlen. | Bild: Schneider, Anna-Maria

Der Richtkranz hingegen war eine große Konstruktion aus Baustoffen, im Grunde nur Baustellenabfall, den das Künstlerduo "bockemuehl&scheuren" unter dem Titel "Supergau – Auslegungsüberschreitender Störfall mit Höhen und Tiefen“ in wenigen Stunden zusammengeschraubt hat.

Der Richtkranz, in wenigen Stunden gebaut von dem Künstlerduo "bockemuehl&scheuren".
Der Richtkranz, in wenigen Stunden gebaut von dem Künstlerduo "bockemuehl&scheuren". | Bild: Schneider, Anna-Maria

Über den Tag wechselten sich Musik, Performance-Kunst, Lesungen und Theater ab. Die Baustelle der Baugenossenschaft Hegau lieferte eine einmalige Kulisse des wohl inszenierten Kunst- und Kulturfestivals.

Kultur auf der Baustelle: Das Unitheater Konstanz Inzeniert eine Aufführung beim Richtfest. Die Besucher schauen zwischen Trägerstangen im Rohbau zu. Bild: Gerald Jarausch
Kultur auf der Baustelle: Das Unitheater Konstanz Inzeniert eine Aufführung beim Richtfest. Die Besucher schauen zwischen Trägerstangen im Rohbau zu. Bild: Gerald Jarausch | Bild: Jarausch, Gerald

Verantwortlich für die künstlerische Leitung waren Julia Ihls, Sofie Benning und Jeremias Heppeler. Letzterer eröffnete das Festival mit einem intensiven und mitreißendem Poetry Slam. "Werdet raumbewusster, spürt ihn, seht ihn!", rief er der Menge zu. Denn nach dem Ende des Festivals wird der Kunstraum zurück in die Baustelle transformiert. Die Kunst macht wieder dem alltäglichen Leben Platz.

Kunstwerke von Jeremias Heppeler hängen an dem Gerüst des dritten Rohbaus. Der Konstanzer Künstler war auch teil der künstlerischen Leitung des Richtfestes.
Kunstwerke von Jeremias Heppeler hängen an dem Gerüst des dritten Rohbaus. Der Konstanzer Künstler war auch teil der künstlerischen Leitung des Richtfestes. | Bild: Schneider, Anna-Maria