Radolfzell – Die Presseerklärung wurde offenbar mit heißer Nadel gestrickt. Wie der SÜDKURIER-Redaktion zugetragen wurde, erfuhr zumindest ein Teil der Stadträte erst gegen 16 Uhr den Wortlaut der Mitteilung, für Korrekturen war kaum Zeit – um 16.36 Uhr ließ der OB die Mitteilung verschicken. Möglicherweise ergab sich der Zeitdruck im Rathaus angesichts von Absichtserklärungen von Hebammen und ärztlichem Personal zu einer Demonstration am heutigen Dienstag gegen 16 Uhr vor dem Rathaus. Es ist zumindest nicht auszuschließen, dass sich daran auch Stadträte beteiligen werden. Da die Geburtshilfe am Radolfzeller Krankenhaus einen exzellenten Ruf genießt, ist ferner mit der Solidarität von Bürgern zu rechnen.

Um das Thema wird es in jedem Fall in der um 16.30 Uhr im Bürgersaal beginnenden Gemeinderatssitzung gehen. Die Betroffenen müssen allerdings – Stand gestern – draußen bleiben, denn dieser Teil der Sitzung soll unter Ausschluss der Öffentlichkeit abgehalten werden. Der Kurs der Nicht-Öffentlichkeit würde damit fortgesetzt, denn über das Thema wird angeblich bereits seit Anfang September gesprochen. Die Stadträte dürfen dazu allerdings wegen des Verschwiegenheitsgebots bei nicht-öffentlichen Sitzungen nichts sagen.

Ursache für die Gefährdung der Geburtshilfestation, so heißt es in der Mitteilung, sei die Verdreifachung der Haftpflichtversicherung für die Belegärzte der Gynäkologie ab 2017, wodurch sich die Wirtschaftlichkeit für die Belegärzte deutlich verschlechtere. Allerdings wirft die Erklärung etliche Fragen auf. Aus ihr geht beispielsweise nicht hervor, um welche Beträge es sich handelt – ebenso wenig wie die tatsächliche Dramatik der höheren Prämien. So heißt es in der Erklärung, dass sich dadurch "der Gewinn der Gynäkologen deutlich verringern" werde. Eine nachvollziehbare Erklärung, inwiefern eine Gewinnminderung den Bestand von Geburtshilfe und Notfallaufnahme gefährden, gibt es nicht.

Ungeachtet dessen sucht OB Staab laut Presseerklärung mit dem Gesundheitsverbund im Landkreis Konstanz nach Lösungen. Seine Vorschläge: Entweder sollen die Ärzte in der Geburtshilfe neben ihrer Praxistätigkeit künftig in Teilzeit auf Angestelltenbasis beschäftigt werden oder die Gynäkologen arbeiten auf Honorarbasis. Bei beiden Vorschlägen könnte laut OB Staab die gesamte Versicherungssumme eingespart werden und ein wirtschaftlicher und für alle gangbarer Weg gefunden werden. Derzeit sei allerdings unklar, ob sich die Beteiligten auf diesen Vorschlag einigen könnten.

In diesem Zusammenhang betont OB Staab, dass das Radolfzeller Krankenhaus nicht nur ein wichtiges Element der städtischen Infrastruktur sei, sondern auch bei den Bürgern einen hohen Stellenwert besitze, weil sie hier vor Ort medizinisch versorgt werden können. „Wir erwarten, dass die Verantwortlichen im Gesundheitsverbund zu ihrem gegebenen Wort stehen und Abteilungen wie die Geburtshilfe, die in Radolfzell dank der hohen Geburtenzahl wirtschaftlich betrieben werden können und somit zu einem positiven Ergebnis innerhalb des Verbundes beitragen, nicht geschlossen werden. Weder sind ambulante Fälle noch Geburten planbar, deshalb müssen diese Versorgungsbereiche an allen Standorten im Verbund angeboten werden. Dies sehe ich als Kernaufgabe des Klinikverbundes an. Zudem erwarten wir, dass die Zahlen offen gelegt werden und auch die Diskussion über die Zukunft der Geburtshilfe offen geführt wird“, so OB Martin Staab.