Tiefer Einschnitt vor zehn Jahren

Gehirn und Motorik sind keine Einheit mehr. Johannes Rosenberg denkt Sätze, formuliert im Kopf Gedanken, die er zu gerne flüssig aussprechen möchte. Doch immer wieder hakt es. Es erfordert die größte Konzentration, dem Gesprächspartner zuzuhören und gleichzeitig aktiv am Gespräch teilzunehmen. Vor zehn Jahren bekam das Leben des heute 60-Jährigen einen tiefen Einschnitt. Diesen hatte er bereits häufiger erlebt. Wie die Male davor kämpft er sich zurück in Leben. Als Behindertenbeauftragter der Stadt Radolfzell möchte er nun auch für andere kämpfen.

Werdegang mit vielen Hürden

Doch von vorne: Johannes Rosenberg wird 1958 in Herten im Ruhrgebiet geboren. Der Vater war Bergmann, Rosenberg hat drei Geschwister, einen Zwillingsbruder und eine ältere sowie jüngere Schwester. Nach dem Abitur verlässt Rosenberg den Heimatort und zieht nach Gelsenkirchen. Er begann ein Jurastudium, doch dieses brach er nach acht Semestern ab und fing an zu arbeiten. Sein erster von vielen Berufen, war der Vertrieb von Bausparverträgen und Versicherungen.

Mehrere Tiefpunkte überwunden

Nach seiner Ausbildung zum Kaufmann der Grundstücks und Wohnungswirtschaft, fing er an, in diesem Ausbildungsberuf zu unterrichten. "Das hat mir sehr gelegen", sagt er heute rückblickend. Johannes Rosenberg hat Jahre der beruflichen und vor allem finanziellen Schwierigkeiten hinter sich. Er weiß, was es bedeutet, sich wieder hocharbeiten zu müssen. Und immer gelang es ihm. Nach turbulenten Jahren in größter finanzieller Not machte er sich als Programmierer selbstständig.

Hilfe kam Stunden zu spät

Mitten in einem großen Projekt, welches die Zukunft seines Unternehmens ausmachen sollte, erlitt er einen Schlaganfall. Rosenberg arbeitet zu Hause, seine Ehefrau war unterwegs, die linke Halsschlagader kollabierte, über Stunden fand ihn niemand. Die Schäden im Gehirn waren immens, wie er erzählt. "Zwei Drittel meines Gehirnes ist abgestorben", sagt er.

Den Lebensmut nie verloren

Und doch sitzt er hier im Café und lacht. Der Mut habe ihn nie verlassen, sagt Rosenberg. Alles käme von seiner inneren Haltung dem Leben gegenüber. "Man muss immer positiv denken", sagt er. Ein Jahr sei er an den Rollstuhl gefesselt gewesen, heute reicht eine Krücke um sich zu bewegen. Die rechte Körperhälfte ist noch immer gelähmt, Sprechen musste er komplett neu lernen. "Eigentlich müsste ich ein Pflegefall sein, doch ich bin es nicht", sagt er. Nun will er gehört werden.

Große Liebe zur Stadt

Seit 2011 wohnt Rosenberg mit seiner Frau Helga in Radolfzell. Beide wollten aus dem Ruhrgebiet näher an Helgas Heimat Südtirol ziehen. Die Wahl fiel auf den Bodensee, für Rosenberg ein Glücksfall. "Radolfzell ist die schönste Stadt überhaupt", schwärmt er. Doch etwas sei ihm aufgefallen: Nur wenig Rollstuhlfahrer oder Gehbehinderte Menschen halten sich in der Innenstadt auf. Für Johannes Rosenberg liegt dies klar an den vielen kleinen Stolpersteinen, die in einer Altstadt lauern. Der Belag der Straßen, Stufen, Bushaltestellen, die Busse an sich, vieles stelle eine große Hürde da, so Rosenberg. "Ein Stadtbus kann zum Beispiel nur einen einzigen Rollstuhlfahrer mitnehmen", zählt er auf.

Barrierefreiheit ist sein Ziel

Auch eine ungenügende Beschilderung mache er dafür Verantwortlich, dass sich Menschen mit Behinderungen nur selten in die Öffentlichkeit trauen. Sein Ziel als Behindertenbeauftragter der Stadt ist klar: Er wolle alle zusammenbringen. Menschen mit Beeinträchtigungen, jung oder alt, alle sollen sie am Stadtleben teilhaben können. Dafür wollte er sich einsetzten.

Beratung als weiteres Thema

Ein weiterer Punkt, der Rosenberg am Herzen liegt, ist die Beratung und Aufklärung bei Versicherungsthemen. Er wolle anderen dabei helfen, die Leistungen und Unterstützung, die ihnen als Behinderter zusteht, auch zu bekommen. Seine Motivation ist klar: "Ich bin behindert, ich bleibe auch behindert. Daran wird sich nichts mehr ändern. Aber ich habe Zeit ohne Ende, damit möchte ich etwas Gutes anfangen."