Im Mittelalter war es noch etwas ganz Besonderes. Ein Gemälde in den eigenen vier Wänden zu haben, das konnten sich nur Adel und Klerus leisten. Mit dem Aufstieg des Bürgertums zog auch die Kunst in die bürgerlichen Haushalte ein. Maler wurden beauftragt, Portraits der Familie, von Gesellschaften oder Stillleben anzufertigen. Von den Auftragsarbeiten konnten Maler mal besser, mal schlechter leben. Aber Originale zu besitzen galt als Statussymbol und das hat sich bis heute nicht geändert. Doch sind im Lauf der Jahrhunderte zwischen Kunst und Konsument gewisse Berührungsängste entstanden. Nicht jeder hat die finanziellen Möglichkeiten, ein Original zu erwerben. Gerade nach den beiden Weltkriegen war für Kunst in den meisten Haushalten kein Geld da. Warum also nicht einfach nur leihen? Die erste Artothek Deutschlands entstand 1952 in Berlin, seit dem 2. Oktober 2015, der Radolfzeller Kunstnacht, gibt es auch in Radolfzell eine. Sie funktioniert ähnlich wie eine Bibliothek, nur werden keine Bücher, sondern Kunstwerke verliehen.

"Wir wollen in erster Linie regionale Künstler unterstützten und die Berührungsängste, die viele mit Kunst haben, abbauen", sagt Angelique Tracik, Leiterin des Fachbereichs Kultur der Stadt Radolfzell. Sie hat die Idee der Artothek in Friedrichshafen kennengelernt. Da Radolfzeller Künstler den Wunsch geäußert hatten, sich besser zu vernetzen und eine Plattform für ihre Werke zu erhalten, erschien ihr das Angebot, Kunst zu verleihen, als vielversprechend. Pro Jahr können teilnehmende Künstler acht ihrer Bilder in die Artothek geben. Auch Bilder, die im Besitz der Stadt Radolfzell sind, gibt es zum Teil in der Artothek zum Ausleihen.

Und auch zwei kleinere Skulpturen. Diese Stücke bleiben ein Jahr in der Artothek, außer sie werden vorher verkauft. Der Künstler kann die Bilder nicht temporär für etwaige Ausstellungen herausnehmen. "So haben wir jedes Jahr eine neue Sammlung im Angebot", sagt Tracik.

Einmal im Monat öffnet die Artothek in der Villa Bosch ihre Türen. Christine Braun, Assistentin im Fachbereich Kultur, betreut die Einrichtung, hilft bei der Auswahl und erledigt die Formalitäten. Die Artothek werde allein von der Initiative des Fachbereichs Kultur aufrecht erhalten. Die Einrichtung in dem Raum der Villa Bosch ist mit einer Spende der Werner-Messmer-Stiftung finanziert worden. Ein Bild in der Artothek zu leihen ist unkompliziert. Nachdem eins ausgesucht wurde, kann es entweder für einen Monat geliehen werden, das kostet zehn Euro, oder für drei Monate, das kostet 25 Euro. Der Papierkram ist minimal und schnell erledigt und alle Bilder sind komplett versichert. Von den Einnahmen wird ein Teil für Versicherung und Verwaltung aufgewendet, ein Teil geht an den Künstler. Bei einer Leihe erhält der Künstler 30 Prozent der Leihgebühr, wird das Bild verkauft, erhält die Artothek 30 Prozent des Kaufpreises. Auch gewerbliche Leihe ist möglich. Hier kostet ein Monat 20 Euro, drei Monate 50 Euro.

Etwa zehn Künstler aus Radolfzell und der näheren Umgebung haben Bilder in der Artothek eingestellt. Robert Hoch ist einer von ihnen. Seit den 80er Jahren ist der in New York geborene und am Bodensee aufgewachsene Hoch als Künstler tätig. Sein Markenzeichen sind Textbilder mit Wörter, Zitate, knappen Kommentaren und Sprichwörtern (siehe Bilder rechts). "Es ist nicht leicht als Künstler Geld zu verdienen", sagt er. Alleine für das Marketing zu sorgen, ohne eine feste Agentur oder Galerie, sei schwierig. Die Artothek helfe, sich auch außerhalb einer Ausstellung zu präsentieren. "Viele Menschen gehen in Konzerte, scheuen sich aber davor eine Kunstausstellung zu besuchen", sagt Hoch. Diese Ängste würden durch Einrichtungen wie die Artothek abgebaut werden. Hier gebe es keinen Kaufzwang und es koste keinen Eintritt. Durch die Artothek würden vielleicht Menschen seine Bilder sehen und auch leihen, die für gewöhnlich vielleicht weniger mit Kunst zu tun haben. Auch sei die künstlerische Bandbreite viel größer, hier gebe es für jeden Geschmack etwas, sagt Hoch.

Einer, der durch die Artothek vom Mieter zum Besitzer wurde, ist Michael Wennrich aus Radolfzell. Mehrmals hatten er und seine Frau sich ein Bild von Robert Hoch ausgeliehen. "Das hat einfach super in den Hausgang gepasst", sagt der Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie. Nach einer Weile entschloss sich das Paar, dann doch vom Kaufangebot Gebrauch zu machen. Das Konzept der Artothek hat das Paar gleich überzeugt. "Der Preis ist fair und man sieht, dass es etwas Echtes, etwas Besonderes ist", sagt Wennrich. Doch auch sein erster Besuch in der Artothek sei zunächst von Berührungsängsten geprägt gewesen. Darf man alleine schauen? Darf man die Bilder überhaupt anfassen? "Es ist schön, dass die Bilder wertgeschätzt werden, aber hier darf sich jeder in Ruhe und zwanglos umsehen", sagt Christine Braun. Von der Versicherung habe die Stadt noch nie Gebrauch gemacht. In der Artothek könne Kunst für daheim erst einmal ausprobiert werden, schauen, wie es wirkt. Und vielleicht kommt die Lust am Kunstkauf ja noch.

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Überleben auf dem schwierigen Kunstmarkt

Stephan Geiger ist Galerist in zweiter Generation. Als promovierter Kunsthistoriker kennt er die Kunstszene bestens und erklärt, wie schwer es ist, als Künstler zu bestehen. 

  • Zur Galerie: Eine Galerie kann für einen Künstler die Vermarktung übernehmen, ihn bei Ausstellungen unterstützen und so auch beim Verkauf. Stephan Geiger vertritt mit seiner privaten Galerie am Konstanzer Fischmarkt rund 20 Künstler und ist damit voll ausgelastet. "Viele vertreten wir schon seit vielen Jahren, es ist fast wie eine zweite Familie", sagt er. Dennoch erreichen ihn pro Jahr rund 2000 Anfragen von Kunstschaffenden, die gerne bei ihm unterkommen wollen. "Ich kann das zum Teil alles gar nicht beantworten", sagt Stephan Geiger.
  • Die Zahl der Künstler in Deutschland ist in den vergangenen Jahrzehnten stets angestiegen. Rund 60 000 Künstler sind offiziell bei der Künstlersozialkasse registriert, realistisch gesehen gibt es aber mehr als 250 000 Menschen in Deutschland, die Kunst schaffen und diese ausstellen und verkaufen. Laut Stephan Geiger wird heute mehr Kunst gekauft als noch vor einigen Jahrzehnten. Die Situation der Künstler jedoch hat sich verschlechtert, weil das Angebot so immens gewachsen ist.
  • Durch die Entwicklung der Druckgrafik in den 1960er Jahren ist die Kunst ein Stück weit demokratisiert worden. Jeder konnte nun Teil eines Meisterwerks für wenig Geld in sein Zuhause aufhängen. Durch das Internet ist der Markt an Repliken, Kunstdrucken und Kopien weiter gewachsen, was es Künstlern noch schwerer macht.
  • Kunststudenten möchte Stephan Geiger, der an der Universität Konstanz Dozent des Blockseminars "Mechanismen des Kunstmarktes" ist, ermahnen, genau zu prüfen, ob sie wirklich eine Künstlerkarriere einschlagen wollen. "Viele gehen mit völlig falschen Vorstellungen ran", sagt er.

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