Archäologen haben im Bereich des Schützenareals die ältesten Fundstücke der Radolfzeller Stadtbesiedlung gefunden. Eine Tonscherbe datieren sie auf das neunte bis elfte Jahrhundert, was auf eine Zeit vor rund 1000 Jahren schließen lässt. Damit reicht man deutlich in die Zeit vor der Verleihung des Stadtrechts vor 750 Jahren zurück. Für den Grabungsleiter der Archäologen, Thomas Küntzel, sind die Fundstücke und Erkenntnisse „ein Geburtstagsgeschenk für die Stadt Radolfzell“, wie er im Gespräch mit dem SÜDKURIER sagte.

Zusammen mit vier Kollegen arbeitet Küntzel seit Mitte Juni im Bereich zwischen Untertorplatz, Brühlstraße und Phillip-Neuer-Platz. Ein Investor hat das Grundstück erworben und möchte es mit Wohnhäusern bebauen. Bevor er mit den Arbeiten beginnen darf, müssen die Archäologen das Areal untersuchen. Sie werden voraussichtlich noch bis Ende November auf dem Areal der ehemaligen Kultkneipe Tanke und dem Gasthaus Schützenhof tätig sein. Interessant ist das Grabungsgebiet vor allem, weil es sich am ehemaligen Rand von Radolfzell befindet. Die Ausgrabungen haben Strukturen freigelegt, die auf Wehrbefestigungen der verschiedenen Jahrhunderte schließen lassen. Außerhalb der Grabenmauer hat sich offenbar ein sogenannter „gedeckter Weg“ befunden, den man zum Schutz vor Feinden angelegt hat. „Das war uns bisher nicht bekannt und ist auch nirgends dokumentiert gewesen. Alles ist ein wenig anders strukturiert, als wir bisher vermutet haben“, berichtet Thomas Küntzel.

Überhaupt hält der Archäologe die Ausgrabungen für einen „Glücksfall“, wie er sagt. „Bisher hat man nie die Epoche erfasst, als Radolfzell das Marktrecht erlangte. Die Funde reichten immer nur bis in das 12. und 13. Jahrhundert“, erklärt er. Die Erteilung des Marktrechts wird auf das Jahr 1100 datiert. Durch die Freilegung des Areals konnte das Team die Erdschichten nach und nach erforschen. Die Funde interpretiert Küntzel als Hinweis dahingehend, dass mit der Erteilung des Marktrechts Teile der Siedlung aufgegeben, zugeschüttet und damit erhalten wurden. Neben Pfostengruben aus der frühesten Besiedlung Radolfzells tauchten nach und nach Fundstücke und Elemente aus verschiedenen Jahrhunderten auf. Von der rund 1000 Jahre alten Tonscherbe über einem Würfel aus Knochen (etwa 13. Jahrhundert) bis hin zu Müll aus dem 19. Jahrhundert. Und zwischen diesen Dingen fanden die Archäologen dann auch noch eine alte Pfeilspitze aus Feuerstein, die aus der frühesten Siedlungsgeschichte (8000 bis 10 000 vor Christus) der Region stammt.

Die Archäologen werden die Freifläche in zwei bis drei Wochen komplett untersucht haben. Mit dem Abriss des ehemaligen Schützenhofes an der Untertorstraße erwartet sie dann noch weitere Arbeit. Dort befand sich früher eine Toranlage, wie aus alten Karten zu entnehmen ist. Im Gebäude selbst besteht sogar noch ein Fragment der Toranlage. Unter dem Gebäude rechnen die Fachleute mit weiteren Resten, die bis in das 13. Jahrhundert reichen könnten, wie Thomas Küntzel ausführt.

Zwei Führungen

Der Ergebnisse der bisherigen Grabungen und die damit erlangte Erkenntnisse können sich Interessierte am Tag des Denkmals (10. September) anschauen und erläutern lassen. Die Archäologen werden zwei Führungen über das Areal anbieten. Sie beginnen um 11 und 14 Uhr. (ja)