Bei einem Blick in die Scheune von Anni Wieser stockt einem der Atem. Bis unter das Dach ist sie gefüllt. In der einen Ecke stehen Reihe an Reihe zahllose Porzellanengel. Am anderen Ende verlieren sich die Bücherregale und verschwinden irgendwo im Dunkeln hinter einer Plane. Davor tummeln sich allerlei Plüschtiere. Von Teddybären über Fellhunde bis hin zu kuscheligen Stoffaffen – beinahe ein ganzer Zoo hat sich in der Hauptstraße 48a in Stahringen versammelt. „Das brauche ich alles für meine Afrikahilfe“, erklärt Anni Wieser und verschwindet wieder in ihrem Lager, um die nächste Kostbarkeit hervorzukramen.

Zahlreiche Projekte hat sie schon aufgebaut

Anni Wieser ist 73 Jahre alt. Vor zehn Jahren hat sie ihre Afrikahilfe ins Leben gerufen. Um dort zu helfen, wo Hilfe am bittersten nötig ist: in Burkina Faso. Drei Dörfer, zwei Waisenheime für Säuglinge und Kleinkinder, ein Blindenheim und ein Frauenhaus für geächtete und ausgestoßene Frauen – die Vielzahl an Projekten, die sie mit dem Erlös ihrer Afrikahilfe aufgebaut hat, hat ihr den Beinamen „Engel von Afrika„ eingebracht. Über ihren Spitznamen muss sie schmunzeln, denn sie kann dessen Entstehung nicht ganz nachvollziehen: „Ich will den Menschen in Burkina Faso einfach nur helfen“, sagt sie und setzt sich auf ihr Sofa.

Einmal im Jahr fliegt Anni Wieser nach Afrika, um dort vor allem bedürftigen Kindern und deren Familien zu helfen.
Einmal im Jahr fliegt Anni Wieser nach Afrika, um dort vor allem bedürftigen Kindern und deren Familien zu helfen. | Bild: Sandra Zeller

Auf dem Tisch stehen knusprige Plätzchen, dazu gibt es Apfelsaft: „Der ist frisch gepresst.“ Dann beginnt sie zu erzählen. Von Afrika. Ihrem Afrika. In den 1990er-Jahren reiste sie zum ersten Mal auf Einladung afrikanischer Pensionsgäste dorthin und lernte Burkina Faso kennen. Sie wurde aber auch mit der vorherrschenden Not konfrontiert, der die Einwohner des westafrikanischen Staates tagtäglich ausgesetzt sind. „Da war für mich klar, dass ich helfen muss“, erinnert sie sich. Gesagt, getan.

Alles begann mit dem bescheidenen Verkauf von selbst gemachten gedörrten Apfelringen und ein paar privaten Gegenständen. Daraus entwickelte sich im Laufe der Jahre ein Verkaufsstand, den wohl nur die wenigsten Menschen aus Radolfzell nicht kennen. Die Afrikahilfe gründete Anni Wieser 2010. „Ich feiere nächstes Jahr zehnten Geburtstag.“ Das Wort Flohmarkt hört sie indes nicht gerne: „Das steht für mindere Qualität. Die gibt es bei mir nicht.“

Nicht nur Geldspenden hat Anni Wieser bei ihren Afrikareisen dabei, auch Lebensmittel, Kleidung und Spielzeug bringt sie regelmäßig mit.
Nicht nur Geldspenden hat Anni Wieser bei ihren Afrikareisen dabei, auch Lebensmittel, Kleidung und Spielzeug bringt sie regelmäßig mit. | Bild: Sandra Zeller

Wer nun glaubt, Anni Wieser gehört angesichts ihrer 73 Jahre zum alten Eisen, der irrt. Einmal pro Jahr fliegt sie mit den Einnahmen ihrer Afrikahilfe nach Afrika. „Im Gegensatz zu Vertretern von Organisationen kommt sie für Kost und Logis aus eigener Tasche auf. 100 Prozent der Erlöse kommen bei den Bedürftigen an“, berichtet Sandra Zeller, die Wieser seit Jahren bei ihrem Unterfangen unterstützt. Auch 2020 will der „Engel von Afrika„ wieder fliegen. Im Januar soll es wieder nach Burkina Faso gehen.

Wie lange sie die Strapazen dieser Reisen noch auf sich nehmen will? „So lange ich kann und es mir mein Körper erlaubt“, betont Anni Wieser. Freudentänze habe sie schon erlebt, aber vor allem große Erleichterung. Denn Anni Wieser bringt nicht nur Geld mit, sondern auch Essen und Kleidung. Sie kaufte mitunter auch Ziegen für ganz Dörfer, damit die Selbstversorgung gesichert ist. Was sie dazu antreibt, all die Strapazen auf sich zu nehmen, schildert sie so: „Ich sehe die Dankbarkeit in den Augen der Kinder und dann denke ich mir: Du machst das schon richtig.“

Disput um den Stahringer Bürgersaal

Anni Wieser und Christine Torres-Sprenger wollten eine Benefizveranstaltung zu Gunsten der Afrikahilfe im Bürgerssaal des Stahringer Rathauses organisieren. Doch dann kam alles anders:

  • Die Benefizveranstaltung: Anni Wieser und Christine Torres-Sprenger sind verärgert. Eigentlich wollten die Gründerin der Afrikahilfe und die Stahringer Künstlerin zum Jahresende eine Benefizveranstaltung auf die Beine stellen. Als Veranstaltungsort hätten sich die beiden gerne den Bürgersaal im Stahringer Rathaus gewünscht. Geplant war eine Kunstausstellung mit Werken von Christine Torres-Sprenger und diverse kleinere Verkaufsstände. „Die Einnahmen wären zu 100 Prozent in die Afrikahilfe von Anni Wieser geflossen“, erklärt Torres-Sprenger. Doch aus dem Stahringer Rathaus gab es Gegenwind: „Der Ortschaftsrat hat uns eine Absage erteilt“, sagt Torres-Sprenger. Die Enttäuschung darüber ist groß. „Dabei war das doch alles für einen guten Zweck geplant“, betonen sie. Laut Anni Wieser und Christine Torres-Sprenger wurde ihnen bei der Absage mitgeteilt, dass die Ortsverwaltung den karitativen Zweck der Veranstaltung hinterfrage. „Wir behalten doch nichts für uns. Würde ich das machen, hätte ich ein schlechtes Gewissen“, macht Anni Wieser deutlich.
  • Das sagt die Ortsverwaltung: Laut dem Stahringer Ortsvorsteher Jürgen Aichelmann seien dem Ortschaftsrat die Hände gebunden gewesen. Der Beschluss richte sich nicht gegen Wieser und Torres-Sprenger, wie er betont. „Es ist toll, was Frau Wieser mit ihrer Afrikahilfe leistet. Die Entscheidung fiel nicht gegen die zwei Frauen aus“, sagt er. Aber die Regularien geben es vor, dass der Bürgersaal nicht an Privatpersonen vermietet werden dürfe. „Bei Veranstaltungen im Bürgersaal müssen der Ortschaftsrat oder Vereine aus der Dorffest-GbR als Organisatoren auftreten“, so Aichelmann weiter. So sei etwa auch bei Veranstaltungen der Volkshochschule oder im Rahmen der Kulturnacht verfahren worden. „Sobald wir den Bürgersaal für alle Privatpersonen öffnen, werden viele Anfragen eintreffen, denen wir aber nicht gerecht werden können“, erklärt Aichelmann. Der Ortschaftsrat habe sich laut dem Stahringer Ortsvorsteher auch deshalb gegen die Benefizveranstaltung ausgesprochen, weil eine Durchführung terminlich nicht mehr machbar gewesen sei.