Herr Hoffmann, wie schätzen Sie die aktuelle Versorgung von pflegebedürftigen Menschen in unserem Landkreis ein?

Die Gesamtversorgung im Landkreis Konstanz ist gut. Es gibt allerdings eine ungleiche Verteilung im Bereich der Pflegeheimplätze. Je näher man der Stadt Konstanz kommt, um so mehr Pflegeplätze fehlen. Dies führt dann dazu, dass pflegebedürftige Menschen im Alter oft in ein Pflegeheim umziehen müssen, das nicht in der Nähe des bisherigen Wohnorts liegt. Es fehlen Kurzzeitpflegeplätze und es fehlt ein Angebot für Menschen, die für eine Zeitlang, zum Beispiel nach einem Krankenhausaufenthalt nicht sofort wieder nach Hause können. Und es fehlt bisher, vor allem um die Stadt Konstanz herum, an einem Angebot an ambulanter Palliativpflege – das ist kein akzeptabler Zustand.

Bedeutet das, dass schon jetzt der Bedarf an Kurzzeitpflegeplätzen nicht ausreichend gedeckt ist und Kurzzeitpflegeplätze fehlen?

In der Tat ist die Kurzzeitpflege im ganzen Landkreis ein Problem. Die meisten Kurzzeitplätze sind durch Langzeitpatienten belegt. Neue Kurzzeitpflegeplätze entstehen kaum, weil es für die Träger ein zu großes finanzielles Risiko ist, Leerstände zu haben und sei es auch nur zeitweise. Hier könnte eine Anschubfinanzierung, zum Beispiel des Landkreises helfen.

Die Kliniken sind ja inzwischen in der Regie des Landkreises – greifen denn die Krankenhaus- und die Pflegeangebote nicht gut genug ineinander?

Mit der Konzentration der Geriatrie (Altersmedizin) in Radolfzell ist die Versorgung Älterer ein gutes Stück besser geworden. Aber wir liegen hier im Landkreis in Sachen Ausstattung und Ausbaustand der Altersmedizin um Längen hinter anderen Regionen und anderen Bundesländern zurück. Ein großes Problem ist das Entlassmanagement der Kliniken – hier gibt es nach wie vor erhebliche Probleme, vor allem dann, wenn ältere Menschen kurzfristig aus der Klinik entlassen werden und die weitere Versorgung zu Hause oder in einem Pflegeheim nicht vorher gut organisiert ist. Das ist ein echtes Sorgenkind.

Wenn ortsnahe Pflegeplätze fehlen, warum gibt es nicht in jeder Gemeinde und in jedem Ortsteil einfach ein kleines Pflegeheim oder wie früher eine Gemeindeschwester?

Es ist finanziell nicht leistbar, in jedem Ort ein Kleinst-Pflegeheim zu betreiben. Die gesetzlichen Vorschriften sehen derzeit Personalausstattungen vor, die eher auf größere Einrichtungen ausgerichtet sind. Würde man diese hohen Anforderungen auch in Kleinstheimen realisieren wollen, würden die Pflegesätze für die Menschen mit niedrigen oder mittleren Einkommen unbezahlbar. Alternative Angebote wie Pflege-Wohngemeinschaften sind auch nur Teillösungen für bestimmte Gruppen, lösen aber die Versorgungsproblematik nicht wirklich. Ja, die gute alte Gemeindeschwester wäre sehr hilfreich. Und zwar nicht zur eigentlichen Pflege, sondern zur Unterstützung der Menschen, die so lange es geht zu Hause leben wollen, aber jemanden brauchen, der regelmäßig nach ihnen schaut und sich dann um Pflegeeinsätze der Sozialstation usw.

kümmert – die Gemeindeschwester von heute heißt „Quartiersmanagerin für Senioren“ und sie ist dringend nötig.

Neben den Einrichtungen bzw. Pflegeheimen braucht es dann ja auch Personal. Finden sich denn noch genügend Menschen, die bereit sind, in der Pflege zu arbeiten?

Die Personallage ist sehr unterschiedlich. Ganz grob betrachtet ist es so, dass Pflegeheime, die ordentlich mit ihren Mitarbeitern umgehen, Tariflohn zahlen, auf gute Dienstpläne achten und bei der Wohnungssuche behilflich sind, noch genügend Bewerbungen erhalten, auch von Auszubildenden. Ein Stück weit haben es die Träger selbst in der Hand, als Arbeitgeber attraktiv zu sein.

Was braucht es neben Geld für eine angemessene Bezahlung von Pflegekräften noch um Menschen zu motivieren, in der Pflege zu arbeiten?

Die allermeisten Pflegekräfte haben ihren Beruf aus Überzeugung ausgewählt. Sie wollen für die ihnen anvertrauten Menschen da sein, wollen gute Pflege leisten. Im Gegensatz zu den Krankenhäusern ist es in der Altenpflege die Aussicht, dass die Bewohner länger im Heim sind, eine persönliche Beziehung entsteht und die Wirksamkeit der eigenen Arbeit wirklich sichtbar wird. Was man als Arbeitgeber tun kann, ist bereits mit der Frage oben beantwortet: Wertschätzung durch die Chefs und um jede Pflegekraft kümmern.

Was sind für Sie die drei größten Sorgen der Pflege hier in unserem Landkreis?

Ab 2019 müssen die Heime die Doppelzimmer auflösen. Diese noch nachvollziehbare Entscheidung des Landesgesetzgebers wurde um Detailvorschriften zum Betrieb von Pflegeheimen ergänzt, die weitere, schwierig oder gar nicht lösbare Probleme für Bestandsgebäude bedeuten. Es besteht bei den Trägern eine große Unsicherheit und die Gefahr des Abbaus von notwendigen Pflegeplätzen im Landkreis. Als zweiter Punkt – es fehlen Kurzzeitpflegeplätze. Hier braucht es neue Akzente, auch im Kreistag. Und zum Dritten – es muss in Zusammenarbeit mit den Kreiskliniken gelingen, ein Angebot für Menschen zu schaffen, das den Übergang zwischen Krankenhaus und wieder zu Hause sein zu können verbessert – Stichwort: Pflegewohnung oder Pflegehotel.

Im Haushalt des Landkreises Konstanz sind die Ausgaben für Soziales mit rund 120 Millionen jährlich bereits der größte Haushaltsposten. Für welche Bereiche wird diese Summe ausgegeben?

Ganz grob betrachtet geht es um die Bereiche Jugendhilfe – hierfür ist der Löwenanteil der Mittel vorgesehen und um Leistungen für den Lebensunterhalt von Menschen, zum Beispiel für Menschen in Langzeitarbeitslosigkeit, um die Unterstützung von Menschen mit zu niedriger Rente, um die wachsenden Aufgaben der Kinderbetreuung, aber auch um rund 15 Millionen Euro für Menschen, die sich aus eigenem Einkommen, die Kosten für die Pflege in einem Pflegeheim oder im ambulanten Bereich nicht alleine leisten können.

Weshalb steigen bei uns im Landkreis die Ausgaben der Jugendhilfe so exorbitant an?

Die Aufgaben des Kreises in Bereich der Jugendhilfe sind komplex – in keinem Bereich gibt es ein so ausdifferenziertes Angebotsbündel. Die Spannbreite geht vom Thema „frühe Hilfen“, in denen jungen Familien bereits im Babyalter mit Rat und Tat zur Seite gestanden wird, bis hin zur Inobhutnahme von Kindern und Jugendhilfen in Gastfamilien und in Heimen. Ziel guter Jugendhilfearbeit ist es, die Familien zu stärken und nur in Ausnahmefällen eine Herausnahme aus der Familie umsetzen zu müssen. Die Begleitung und Betreuung von Familien ist zeit- und arbeitsintensiv und erfordert Fachpersonal. Hier zu sparen, hätte lebenslange Konsequenzen für die Betroffenen.

Auf der einen Seite sinkt die Bevölkerungszahl der Jugendlichen, auf der anderen Seite gibt es für die Jugendlichen immer höhere Ausgaben, wie passt das zusammen?

Es wäre ein Trugschluss zu denken, dass sich die Jugendhilfe nur um Jugendliche aus sozial schwächeren Bevölkerungsgruppen kümmern muss. Oft sind es inzwischen Kinder und Jugendliche aus so genannten „guten Verhältnissen“, die auffällig werden und die intensiv betreut werden müssen. Ein Stück weit muss die Jugendhilfe hier versuchen, das wieder gut zu machen, was durch unzureichende oder falsche Erziehung vernachlässigt wurde. Leider nimmt die Zahl der Betroffenen zu, die gesetzlichen Regelungen zum Schutz von Kindern und Jugendlichen sind verschärft worden und die Maßnahmen, die eingesetzt werden, sind aufwändiger als früher.

Welche Möglichkeiten hat denn der Kreistag mit präventiven Programmen gegenzusteuern und dafür zu sorgen, dass weniger Jugendliche Hilfe brauchen?

Der Kreistag hat sich gemeinsam dafür entschieden, so früh es geht in Familien zu wirken, in denen es Probleme geben könnte. Das Projekt „frühe Hilfen“ wird aktiv als Prävention bereits im Baby- und Kleinkindalter unterstützt. Mit einer ganzen Reihe von geförderten Schulsozialarbeiterstellen wirkt die Jugendhilfepolitik in die Schulen und damit ins direkte soziale Umfeld der Jugendlichen hinein. Ein ganz wesentlicher Faktor für gute Prävention sind Sozialarbeiter, die die Verhältnisse und die Akteure vor Ort kennen, das heißt dort, wo die Jugendlichen wohnen. Wir brauchen wieder mehr „Sozialarbeiter vor Ort“ die sich auskennen und die man vor Ort kennt und frühzeitig einbindet.