Wer in der AfD etwas auf sich hält und gerade in der ehemaligen Kaserne in Radolfzell weilt, trägt beige. Dazu zählt der (noch) wenig bekannte Walter Schwaebsch als Sprecher des Kreisverbands Konstanz. Wenn es sein muss, hat Schwaebsch für den Patenschaftsbesuch, bei dem es sich nach dem AfD-Partei-Sprech "lediglich um ein parteiinternes Zusammenkommen ohne öffentlichen Charakter" handelt, Männer mit Armbinde parat. Auf der steht "Ordnung". Damit die bösen Demonstranten vom Eingang fern bleiben und nur dort Aufstellung nehmen, wo sie kaum stören: an der Gedenk-Stele vor der ehemaligen SS-Kaserne.

Das braucht's für das parteiinterne Zusammenkommen, wenn die Bundestagsfraktions-Ko-Vorsitzende Alice Weidel unbemerkt in ihrem silbernen Mercedes auf den Hof des RIZ vorfahren will. RIZ steht für Radolfzeller Innovationszentrum. Nun beansprucht also die AfD das Hausrecht im RIZ. Und Alice Weidel – deren Besuch als Patin nie offiziell bestätigt worden war – betritt in sandfarbenen Hosen und weißer Bluse die neue Empfangshalle ihrer Parteigänger. Kaum ist sie am Mikrofon, wird ihr Auftritt in Echtzeit auf einem Facebook-Account einer AfD-Parteigängerin gezeigt. Die Ko-Fraktionsvorsitzende beginnt mit einem Bekenntnis Richtung Sonne und naher Gestade: "Da wollen wir alle lieber am See sitzen", hört man sie im Video kurz seufzen. Nur sie wird im Bild eingefangen, streng im Hochformat, damit kein anderer das Bild stört.

Alice W. sitzt nicht am See, sie steht oder geht ein paar Schritte im RIZ. Dabei erklärt sie ihren Jüngern, wie sie die Welt sieht: "Ich hätte ja nie gedacht, dass ich eine Parteikarriere mache." Ach ja? Und so startet das Arbeitsleben einer Ko-Fraktionsvorsitzenden im Bundestag: "Es muss ein Konto eingerichtet werden, so fängt das eben an." Über ihren Ko-Vorsitzenden Alexander Gauland: "So klug." Das Rufen der Demonstranten, das durch das am Anfang offene Fenster dringt, findet Frau Weidel "ganz witzig, in diesem beschaulichen Radolfzell".

Doch witzig ist eigentlich nichts im Leben von Alice Weidel. Die "Schmierjournalie" – sind wahrscheinlich wir – immer hinter ihr her und schreckliche Abgeordnete am Rednerpult im Bundestag: "Was da für ein Stuss rauskommt! Die haben noch nie gearbeitet, nichts gelernt, da werde ich richtig sauer, da bin ich Wutbürgerin." Echt jetzt? Ja, Alice W. möchte auch mal "aus dem Herzen sprechen". Und sie tut es im Video: "Ich grüße den Leuten in den Rücken, weil es so viel Spaß macht." Und: "Merkel mag mich nicht." Das ist nun wirklich sonderbar, das hätten wir gar nie nie gedacht. Hätten wir uns doch lieber an den See gesetzt, als über eine Stunde lang dieses Video anzusehen. Jetzt haben wir Sand in den Augen.

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