Täglich liegen Lebensmittel auf unseren Tellern. Hinter dieser Selbstverständlichkeit stehen in erster Linie die Landwirtschaft, die Forstwirtschaft und der Weinanbau. Eine kleine Schar engagierter Bürger bereitet nun zum Stadtjubiläum eine eindrucksvolle Ausstellung zu genau diesen Zweigen in der Torkel von Liggeringen vor. Vom Mittelalter bis zur industriellen Revolution war die Landwirtschaft die wichtigste wirtschaftliche Tätigkeit, der nahezu alle Menschen auf dem Lande nachgingen. Die Schau "Im Schweiße Deines Angesichts" zeigt das bäuerliche Leben in und um Radolfzell in den letzten 750 Jahren. Sie ist historisch und aktuell zugleich: Weshalb wanderten Siedlungen um die Ortskerne herum? Wem gehörten die bäuerlichen Höfe? Und worin liegen in Radolfzell die Grenzen landwirtschaftlichen Wachstums? Auf viele weitere Fragen gibt die Jubiläumsschau beeindruckende Antworten auf Fragen zum bäuerlichen Leben.

Seit Wochen treffen sich im Rathaus von Liggeringen Land- und Forstwirte, Winzer sowie Ortschaftsräte zu den Vorbereitungen der historischen Schau. In der Nachkriegszeit hatte Liggeringen noch über 50 Landwirte. Die Kuratoren bringen das tradierte Wissen ein. Mit dem Ortschaftsrat Jürgen Klöckler landeten die Liggeringer einen Glücksgriff für die Ausstellung. Klöckler ist Historiker, Leiter des Stadtarchivs von Konstanz und ein professioneller Schreiber. Er strukturiert und verdichtet die Projektbeiträge der Bürger und bringt sie in gehaltvollen Texten unter. Auf zwölf Tafeln stellen die Liggeringer das bäuerliche Leben der letzten 750 Jahre dar. Bilderreich zeigen sie, wie Bauern das Land bewirtschafteten und wie sie auf die Herausforderungen der Zeit reagierten.

Die industrielle Revolution und die Mechanisierung der Landwirtschaft markieren dabei zwei Wendepunkte der lange Zeit statisch gebliebenen Produktionsweisen. Sie veränderten das Leben der Bauern von Grund auf – und sind bis heute noch nicht abgeschlossen.

Zwischen den Tafeln und vor der Torkel präsentieren die Aussteller historische Exponate aus den Kellern und Schuppen der Landwirte. Viele Ausstellungsstücke stammen aus dem Fundus der Kuratoren. Das älteste Ausstellungsstück ist ein Flachsbrecher aus dem 17. Jahrhundert. Der Graf von Bodman überließ Ortsvorsteher Hermann Leiz eine historische Karte aus dem Jahr 1794 mit dem Weinanbaugebiet unterhalb des Frauenbergs. Auch die Mettnau war ein ausgewiesenes Weinanbau-Gebiet. "Wir wollen alle Exponate mit einem grafischen Erläuterungstext gestalten", erläutert Hermann Leiz. Damit unterscheidet sich die Ausstellung von vielen Freilichtmuseen.

Die Ausstellungsmacher sammelten viele Bilder, die sie großformatig als Mobiles von der Decke herunterhängen lassen wollen. Ein Stumm- und Dokumentarfilm zeigt den Viehmarkt und ein Viehmarktfest aus den 1920er Jahren. Die Ausstellung habe für viele Radolfzeller einen gewissen Wiedererkennungswert, verspricht Landwirt Martin Aichem. Sie wüssten noch, wie es bei den Großvätern auf dem Bauernhof zugegangen sei.

Ohne das Wissen um die örtliche Agrarhistorie ist die Gegenwart Radolfzells nur schwer zu verstehen. Sie zeigt auch, weshalb der Bodensee ein ausgewiesenes Obstanbau-Gebiet ist – denn das ist er nicht nur wegen des Klimas. Und sie zeigt, worauf sich moderne Landwirte neu spezialisieren.

Die Ausstellung

„Im Schweiße Deines Angesichts“ ist das Bürgerprojekt aus Liggeringen zur 750-Jahr-Feier von Radolfzell. Die Schau ist von Sonntag, 25. Juni, eine Woche lang in der Torkel zu sehen. Die Ausstellungsmacher zeigen gemeinsam mit der Radolfzeller Ortsgruppe des Badisch-Landwirtschaftlichen-Hauptverbandes (BLHV) historische Produktionsweisen und Entwicklungen der Radolfzeller Landwirtschaft. Am Eröffnungstag begrüßen um 11.15 Uhr Ortsvorsteher Hermann Leiz und der Vorsitzende der Ortsgruppe des BLHV, Martin Aichem, die Besucher. Historiker Jürgen Klöckler hält einen Vortrag über das bäuerliche Leben seit dem Mittelalter. (gla)