Sie schießen Flanken und Kurzpässe, dribbeln mit ihrem Ball um eine Stange oder üben ihre Reflexe als Torwart. Parallel sammeln sich zwölf Mannschaften auf der oberen Wiese des Radolfzeller BSV Nordsterns zu einem Fußballturnier.

Ein einzelnes Nachmittagsprogramm beim Fußballcamp von Bernd Voss hätte Erwachsene längst an die Grenze ihrer Kondition gebracht. Doch bei den jungen Kickern ist von Müdigkeit kaum etwas zu spüren.

Volles Programm an fünf Tagen

Fünf Tage lang absolvierten mehr als 180 Kinder die zehnfache Trainings- und Spieleinheit eines einzigen Nachmittags. Überall zeigte sich freudiges Lachen auf den Gesichtern. Manche kamen bereits eine Stunde vor dem offiziellen Start des Fußballcamps zum lockeren Spiel zusammen. Und als sich der Tag dem Ende zuneigte, spielten immer noch 60 Kinder mit ihren Fußbällen – allein, miteinander und gegeneinander.

„Der Ball ist rund und rollend“

Weshalb ein Ball eine derart magische Anziehung ausüben kann, bleibt ein andauerndes Mysterium. Der sportliche Leiter des Fußballcamps, Bernd Voss, ist selbst von der Freude fasziniert, die der Fußball ausübt. Die Beschreibung ob dessen Eigenschaft mutet im ersten Moment naiv an: „Ein Ball ist rund und rollend“.

Doch genau diese Eigenschaft macht ihn ebenso interessant wie unberechenbar. Einen Ball zu beherrschen, ihn zu bezwingen, dem Objekt seinen Willen aufzuzwingen und ihn in ein Tor zu versenken scheint ein Antrieb für die Spielfreude zu sein. „Mit einem Ball fast alles machen zu können, das macht Spaß. Und wenn ich das beherrsche, was nur ich kann – das ist die Faszination“, erläutert Bernd Voss.

Beim Fußballkegeln werden der punktgenaue Schuss und die technischen Raffinessen des Fußballs spielerisch erlernt.
Beim Fußballkegeln werden der punktgenaue Schuss und die technischen Raffinessen des Fußballs spielerisch erlernt. | Bild: Georg Lange

Die Freude am Fußballspiel wird von Bernd Voss und seinen 15 Trainern im Camp methodisch aufrecht erhalten: Mit Erfolgserlebnissen, Wettkämpfen und Siegerehrungen. „Von Anfang an legen wir Wert darauf, dass wir die Fußballelemente trainieren. Wir wollen die Kinder technisch und koordinativ verbessern.“

Teamgeist wird gefördert

Was sich zunächst nach individueller Förderung anhört, wäre jedoch zu kurz gefasst. Denn Fußball ist kein Individual-, sondern ein Teamsport. Alleingänge und Rüpeleien sind dabei kaum von Vorteil. Auf dem Sportplatz werden weder Beleidigungen noch Spucken toleriert. Lassen Kinder ihren Frust an anderen aus, werden sie ermahnt und gegebenenfalls vom Platz verwiesen.

Selbst beste Fußballer hätten es im Team mit weniger guten Fußballern zu tun, erläutert Voss: Jeder, der trotzdem seine Freude vermittelt, würde Freunde gewinnen. Auch wenn ein Kind verliert und dabei noch lächelt, würden sich andere mit ihm abgeben – im Gegensatz zu jenen, die sich sozial schlecht verhalten.

Teams werden vom Zufall bestimmt

Dieses Wissen setzt Bernd Voss gezielt ein: Beim Siebenkampf entscheidet ein Zufallsgenerator über die Zusammensetzung der Teams – jedes Mal aufs Neue. Wenn ein Kind bei einem Wettkampf schlecht spiele, so könne es im nächsten gewinnen, so Voss: Zudem stellen sich gute auf weniger gute Spieler ein und motivieren diese.

180 Kinder und Jugendliche nahmen in diesem Jahr am Fußballcamp beim BSC Nordstern teil.
180 Kinder und Jugendliche nahmen in diesem Jahr am Fußballcamp beim BSV Nordstern teil. | Bild: Georg Lange

Beim Fußballcamp wird nicht nur die Technik und der Wettkampf geübt, sondern auch das Verhalten im Team und das Verlieren.

Spielende Kinder statt Tabletten

„Kinder sind manchmal solche Schlawiner. Aber hier folgen sie alle“, beobachtet Renate Schwock von ihrem erhöhtem Stammplatz aus, der einen Blick über das Spielfeld erlaubt. Schwock ist der glühendste Fan des Fußballcamps. Von Anfang an war sie als Zuschauerin mit dabei. Damals begleitete sie ihren Enkel zum Training, erzählt sie mit leuchtenden Augen. Beim Elterntag des Camps schloss sie sich einmal einer Damenmannschaft an und gewann mit ihrem Team den Wettkampf – mit 66 Jahren.

Die 75-jährige Seniorin spielt selbst gerne Tischtennis und lässt sich von Kindern in ihrer Freude anstecken. „Wenn Ältere mitspielen, dann freuen sich die Kinder“, sagt sie: „Die meisten Kindern kennen das gar nicht mehr, weil selbst Eltern nicht mit ihren Kindern spielen.“ Das Zuschauen und Mitspielen begreift die Rentnerin als eine Herznahrung. Andere Senioren würden Tabletten nutzen, doch sie erfreue sich an den Kindern auf dem Spielfeld.

Nur eine Frau im Trainerteam

Jenny Kroschewski kommt aus dem Emsland und trainiert die Kleinsten beim Fußballcamp. Die 19-Jährige ist seit drei Jahren dabei und hat eine Trainerlizenz für den Fußball. Sie habe Spaß daran, Kindern mit dem Fußball eine Freude zu machen.

Im Vergleich zur Schweiz seien die Kinder beim Radolfzeller Camp viel motivierter. Oftmals habe sie das Gefühl, dass in Schweizer Camps die Kinder nur zur Betreuung abgegeben würden. Als einzige Trainerin macht sie gute Erfahrungen in dem von jungen Männern dominiertem Team. Frauenfußball würde zwar nie so eine große Wertschätzung erhalten wie Männerfußball, urteilt die Sportstudentin. Doch mit den Frauen-Weltmeisterschaften im Fußball würde das schon noch kommen.

BSV organisiert Verpflegung

Sandra Fuchs brachte vor elf Jahren das Fußballcamp nach Radolfzell. Mit ihrem Team vom BSV Nordstern kümmert sie sich um die Logistik und Verpflegung der 180 Kinder. Das von den Kindern geschätzte Mittagessen wird von der Küche des Radolfzeller Klinikum geliefert.

Eigens für das Camp nehmen drei Teammitglieder Urlaub. Auch die Eltern sollen sich beim Camp wohlfühlen. Dafür baut der BSC Nordstern am Abend einen Grillstand auf, und während des Camps einen Wagen für Getränke und Kuchen. Für das Camp portioniert das Team 200 Kilogramm Obst in Happen. Und an die Kinder wird täglich eine halbe Tonne an isotonischen Getränken ausgegeben.