Die Kundgebung rechtsextremer Demonstranten während des Besuchs von Bundeskanzlerin Angela Merkel fiel weit geringer aus als von ihren Befürwortern prophezeit, ihre Zahl belief sich bei realistischer Einschätzung auf maximal 200 Personen – und diese stammten dem Augenschein nach aus einem größeren Einzugsgebiet. Doch für die Organisatoren der Radolfzeller Anti-Pegida-Demonstration im Januar 2015 mit mehr als 1000 Teilnehmern war das Grund genug, zeitnah ein Zeichen gegen Hetze und rechtsradikale Parolen zu setzen. Nach Einschätzung der Polizei beteiligten sich gestern Abend etwa 150 Menschen an dem federführend vom SPD-Ortsverein organisierten Demonstrationszug vom Forsteibrunnen zum Seetorplatz.

Die Kundgebung stand unter dem Motto „Radolfzell bleibt bunt“, für das als erster Redner Oberbürgermeister Martin Staab warb. Es sei wichtig, Farbe zu bekennen, sich gegen Ausgrenzung und für den Erhalt einer vielfältigen, freien Gesellschaft einzusetzen. Wie schon bei etlichen anderen Anlässen plädierte er in seiner kurzen Ansprache für einen pragmatischen Umgang mit den Problemen durch den Flüchtlingszuzug. Der gesellschaftliche Wandel sei eine Tatsache, bei dessen Gestaltung die Bürger allen extremen Positionen eine Absage erteilen sollten.

Für Peter Friedrich gibt es keinen Anlass, sich angesichts der Probleme durch den Zuzug von Flüchtlingen von rechten Parolen anstecken zu lassen. Wie der Europaminister und SPD-Landtagskandidat sagte, sind Weltoffenheit und Solidarität keine naiven Weltsichten – im Gegenteil stehen sie in einem direkten Verhältnis von Frieden und Sicherheit. Mit Verweis auf die Nachkriegsgeschichte verdeutlichte er, dass Deutschland auch in ökonomischer Hinsicht vom Zuzug profitiert habe. „Wir haben schon oft gezeigt, dass wir es schaffen können“, so Peter Friedrich, der sich damit auch rhetorisch zum Kurs von Angela Merkel bekannte.

Mete Yayla wies in seinem Beitrag auf die Situation der Flüchtlinge hin. „Flüchtlinge sind keine Feinde, sondern hilfsbedürftige Menschen“, sagte der Sprecher der Muslimgemeinde in Radolfzell. Für ihn steht dabei außer Frage, dass auch auf die neuen Mitbürger gewaltige Aufgaben zukommen. Man sollte ihnen die Hand reichen, aber für eine erfolgreiche Integration müssten sich die Flüchtlinge ihrerseits anstrengen.

Auf die historische Bedeutung der derzeitigen Situation wies Simon Pschorr hin. Der Landtagskandidat der Linken verlas dazu die Dokumentation eines SPD-Politikers aus dem Jahr 1933. Besonders eindrücklich bei der Kundgebung auf dem Seetorplatz waren die Schilderungen von zwei Flüchtlingen aus Afghanistan – einer schloss mit den Worten: „Ich bedanke mich bei Ihnen.“


Breite Basis

Die Willkommenskultur und Hilfsbereitschaft für Flüchtlinge verfügt in Radolfzell über eine breite Basis. Ins Leben gerufen wurde das Bündnis vom SPD-Ortsverein, es ist aber ein Zusammenschluss ohne parteipolitische Ausrichtung. Mit dabei sind beispielsweise alle im Gemeinderat vertretenen Fraktionen, der Alevitische Kulturverein, Amnesty International Singen-Radolfzell, die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen, Gewerkschaften, der Naturschutzbund (Nabu) oder etwa das Weltkloster. (tol)