Freitagnachmittag in Orsingen: Ein wunderbarer Duft lockt die Menschen in den kleinen Verkaufsraum der Familie Joos. Wer vorbeiläuft oder am Hofautomaten Milch holt, kann fast nicht anders, als einen frischen Hefezopf oder ein Bauernbrot zu kaufen.

Weil die Nachfrage stetig steigt, hat Martin Joos, der den Hof vor zwei Jahren von seinen Eltern übernommen hat, beschlossen, einige Veränderungen vorzunehmen: Die Backstube müsse größer werden, um mehr Platz zum Backen und für Lagerfläche zu haben, erklärt der 22-Jährige.

Gemeinderat ist einverstanden

Er will auch den bestehenden Viehstall mit Heulager abbrechen und dort einen Hofladen und eine Hof-Gastwirtschaft aufbauen. An den Milchviehstall soll ein Jungviehstall angebaut werden. Außerdem soll eine Maschinen- und Bergehalle entstehen.

„Ich finde es ganz toll, dass wir im Dorf eine Landwirtschaft haben, die nicht vergrößert, sondern nur verändert wird.“Stefan Stemmer (CDU), Gemeinderat
„Ich finde es ganz toll, dass wir im Dorf eine Landwirtschaft haben, die nicht vergrößert, sondern nur verändert wird.“Stefan Stemmer (CDU), Gemeinderat | Bild: SK

Der Gemeinderat stimmte dem gesamten Bauvorhaben in der jüngsten Sitzung einstimmig zu. Von mehreren Volksvertretern gab es Lob für die Ideen des jungen Mannes, die der Infrastruktur des Orts zugute kommt. Stefan Stemmer (CDU) sagte: „Ich finde es ganz toll, dass wir im Dorf eine Landwirtschaft haben, die nicht vergrößert, sondern nur verändert wird. Familie Joos hat gezeigt, dass Landwirtschaft im Dorf ohne Ärger mit den Nachbarn funktioniert.“ Einen Hofladen sehe er als große Bereicherung.

Nur bis 22 Uhr geöffnet

Auch Sabine Hins (FGL) freute sich über die Pläne des jungen Landwirts. Sie ging auf die bis 22 Uhr vorgesehene Öffnungszeit der Gaststätte ein und fragte, ob es Einzelgenehmigungen geben könne, länger zu feiern. Bürgermeister Bernhard Volk antwortete: „Das wird sich nach verschiedenen Rechten richten. Was jetzt beantragt ist, ist das, mit dem man umgehen muss.“ Andere Gasthäuser im Ort dürften länger bewirten, stellte Roman Roth (FWV) fest. Es sei schade, dass dies in einem Raum, der 60 Personen Platz bieten werde, nicht möglich sei.

Der Bürgermeister betonte, grundsätzlich käme geltendes Recht zur Anwendung. Ein schalltechnisches Gutachten habe ergeben, dass die zulässigen Immissionsrichtwerte und Spitzenpegel nachts überschritten würden. Harry Metzger (FWV) hakte nach: Wenn die Gaststätte so gebaut würde, dass man von außen nichts höre, gehe es also nur um die Parkplätze? Die Frage sei, ob bauliche Maßnahmen möglich wären, damit danach mehr Möglichkeiten bestünden, so Bürgermeister Volk. „Aber nachdem das mit dem Landratsamt und dem Bauherrn so abgesprochen ist, gehe ich davon aus, dass es auch so gewünscht ist.“

Schwerer Start wegen Geräusch-Gutachten

Dem widersprach Architekt Alexander Stemmer, der das Bauvorhaben geplant hat: Dem Bauherrn seien die Öffnungszeiten durchaus nicht egal. Das vereinbarte Ausschank-Ende und die Schließung um 22 Uhr bedeuteten keine Zustimmung, sondern Resignation. Bereits Mitte Juni seien die Pläne eingereicht worden, bis Anfang November sei nichts passiert.

Jetzt wurde es dringend, denn nur einen Tag nach der Gemeinderatssitzung endete die Frist zur Beantragung von Zuschüssen über das Agrar-Investitionsförderprogramm des Landes Baden-Württemberg. Auch Martin Joos selbst machte im Nachgespräch klar, dass er alles andere als glücklich mit dem aktuellen Stand des Geräusch-Gutachtens sei und es so leider ein schwerer Start werde. Er sagte: „Schade, dass auf der einen Seite von Gaststätten-Sterben berichtet wird, aber auf der anderen Seite diejenigen ausgebremst werden, die Derartiges planen und investieren wollen.“

Umbau genau geplant

Martin Joos hatte den gesamten Umbau im schriftlichen Teil seiner Meisterarbeit durchkalkuliert. „Das war kein fiktives, sondern ein reales Projekt. Ich habe mich gut und genau reingedacht“, erzählte er. Ihn habe wahnsinnig gefreut, dass er für das, was er tue, vom Gemeinderat geschätzt würde. Der junge Landwirtschaftsmeister erklärte, die Maßnahmen hingen alle zusammen und dienten dazu, den Betrieb zukunftsorientiert auszurichten. Mit Ackerbau, Milchviehhaltung und Selbstvermarktung könne er das Risiko streuen. Einen Hofladen wolle er schon lange aufbauen, die Verkaufsautomaten im Milchhäusle am Hof zeigten, dass es Bedarf im Ort gebe.

„Mit einer Hof-Gaststätte führen wir in gewisser Weise das Erbe unserer Vorfahren fort“, ergänzte seine Schwester Julia Kerber. Der Gastraum oberhalb des Hofladens werde dank eines Aufzugs barrierefrei erreichbar sein. Die Geschwister betonten: „Wir wollen keine Konkurrenz zu vorhandenen, täglich geöffneten Gastwirtschaften sein, sondern unser Angebot eher auf die Wochenenden legen und somit auch unsere Öfen mehr auslasten, denn als Besenwirtschaft wollen wir einfache, rustikale Sachen anbieten, die direkt aus unserer Backstube und unserem Sortiment kommen.“ Der Raum solle auch für Veranstaltungen wie Firmenevents, Tagungen oder private Feste vermietet werden.

Erster Bauabschnitt bis zum Frühjahr

Der Ablauf der Baumaßnahmen ist für Martin Joos schon klar: Zuerst kommt die Maschinenhalle, da wird das Heu und Stroh zwischengelagert, das momentan im abzubrechenden Gebäude lagert. „Im April oder Mai nächsten Jahres könnte die Halle stehen. Das andere Ökonomiegebäude wird Ostern oder Pfingsten 2022 fertig, hoffen wir.“ Zuletzt wird der Jungviehstall angebaut.

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Die Familie ist voller Vorfreude auf ihren Bauernhofladen, der das Sortiment der bestehenden Automaten ergänzen wird und in dem es vor allem auch die Backwaren in gewohnter Weise geben wird. Das Gebäude entsteht etwas nach hinten versetzt und Kinder können auch weiterhin neben dem Einkauf bei den Kühen im Stall vorbeischauen.