Zwischen Ende April und Ende Juli legen Ricken ihre neugeborenen Rehkitze im hohen Gras ab, wo sie vor Fressfeinden geschützt sind. Die Kitze sind geruchsneutral, durch ihr Fellmuster perfekt getarnt und bleiben bewegungslos auf dem Boden liegen. Genau hier liegt ein großes Problem für Landwirte, die ihre Wiesen mähen müssen. Doris Eichkorn, Mitglied im Bezirksvorstandsteam der Landfrauen Stockach-Engen, hatte deshalb in Orsingen zu einem Vortrag von Dieter Prahl, Mitglied des Vereins Rehrettung Hegau-Bodensee, eingeladen. Es kamen nur wenige Interessierte, die aber einen intensiver Einblick in die Arbeit zum Schutz der Rehkitze erhielten.

Dieter Prahl schilderte Maßnahmen, die bisher – oft erfolglos – zum Einsatz kamen: Vor der Mahd wurde die Fläche mit Hund oder Mensch abgesucht. Zur Abschreckung der Ricken wurden am Vortag Fahnen aufgestellt. Akustische Warner an Mähwerken wirkten nicht bei den jungen Kitzen, die blieben einfach liegen. Sechs Meter lange Stangen mit Infrarot-Detektoren waren schwer zu handhaben.

In Anlehnung an Drohnenexperten mit Infrarotkameras, die in den Niederlanden bereits zur Menschenrettung eingesetzt wurden, spürt der Verein nun Tiere auf. "Einen Hektar Fläche fliegen wir in vier Minuten ab. Ablaufen dauert 30 bis 45 Minuten", so Prahl. Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit den Landwirten? "Leider haben sich bisher noch zu wenige an uns gewandt", bedauerte Prahl. Dabei drohten Landwirten empfindliche Geldstrafen, wenn sie keine Wildschutzmaßnahmen ergriffen. Das Abfliegen des Feldes mit einer Drohne mit Wärmebildkamera zeigt wärmere Flecken, die sich von der Umgebungstemperatur abheben. Die Drohne bleibt über der Stelle stehen, das gefundene Kitz wird von Helfern aus der Wiese getragen. Dieter Prahl betont: "Wer einmal so ein kleines Kitz auf dem Arm gehabt hat, vergisst das nie." Später wird es am Rand abgelegt, die Mutter findet ihre Kinder problemlos wieder.

Die Wiese kann dann zwei bis drei Stunden lang sorgenfrei gemäht werden. Alles, was ein Landwirt oder Jagdpächter tun muss: am Vortag bei den Rehrettern anrufen und seine Mahd anmelden. "Dann reisen wir morgens zwischen 4.30 und fünf Uhr an und fliegen mit dem Kopter das Gelände ab." Mit der kostenlosen Hilfe der Rehretter leisten Landwirte und Jäger einen Beitrag zur Imagepflege und erfüllen ihre Pflichten als Eigentümer oder Pächter. Auch die Verunreinigung von Heu und Silage wird minimiert.

Landwirt Erwin Deyer aus Mühlingen blieb skeptisch: Er könne nicht morgens mähen, sondern müsse warten, bis das Gras abgetrocknet sei. Dann sei aber die Gefahr groß, dass die Tiere wieder in der Wiese lägen. Dieses Problem räumte Prahl ein, man müsse aber so früh fliegen, damit die Lufttemperatur noch deutlich geringer sei als die der Tiere. Sonst gebe es zu viele Fehlalarme. "Letztes Jahr haben wir über 40 Stück rausgeholt und weit über 100 mit der Drohne herausgejagt", führte er an. Damit sei auch den Landwirten eine große Sorge genommen worden, denn einige hätten nach leidvollen Erfahrungen richtig Angst, ihre Felder zu mähen und dabei junge Rehe zu verletzen oder zu töten. Man könne leider nicht alle Tiere retten, aber gar nichts zu versuchen, sei eine ganz schlechte Lösung.

 

56 Mitglieder

Jährlich fallen bundesweit bis zu 500 000 Wildtiere landwirtschaftlichen Mähmaschinen zum Opfer, darunter sind etwa 100 000 getötete oder grausam verletzte Rehkitze. Der 2015 gegründete Verein Rehrettung Hegau-Bodensee setzt mit seiner Drohnenmethode unter anderem auch auf Praktikabilität: "Einen Hektar Fläche fliegen wir in vier Minuten ab. Ablaufen dauert 30 bis 45 Minuten", erklärt Vereinsmitglied Dieter Prahl. Im vergangen Jahr flogen die Piloten 400 Hektar ab. Der Verein finanziert sich über Spenden und Beiträge der inzwischen 56 Mitglieder. (wig)

Informationen im Internet: www.rehrettung-hegau-bodensee.de