Wenn einer eine Reise tut, dann hat er viel zu erzählen. Ebenso interessant ist aber auch: Was ist der Grund für die Reise und wie sehen die Vorbereitungen aus. Fragen, die ein Pauschaltourist meist schnell beantwortet hat. Doch dann gibt es noch die Abenteurer.

Wie Norman Stemmer aus Orsingen-Nenzingen. Bei ihm fasziniert zusätzlich das Reisegefährt – eine 40 Jahre alte 125 ccm Zweitakt-Vespa. Mit dieser ist er vor zwei Wochen zu einer einjährigen Tour durch Südamerika gestartet. Die erste Etappe seiner Reise führte ihn per Flugzeug nach Bogota. Seine Vespa ist mit dem Schiff unterwegs in die kolumbianische Küstenstadt Cartagena.

Von Kolumbien bis Feuerland

Vor der Abreise erzählte er von seinen Plänen: 25 000 Kilometer durch sieben Länder von Kolumbien bis Feuerland und weiter nach Uruguay soll seine Reise führen. Er orientiert sich dabei am Verlauf des Panamerican Highway. Das bedeutet, die Strecke verläuft durch Salzwüsten, Regenwald und über fast 5000 Meter hohe Pässe. „Das Reisevirus hat mich gepackt, als ich vor über sieben Jahren für mein Auslandspraktikum während des Studiums in Neuseeland war“, erinnert sich Stemmer.

„Der Inbegriff von Freiheit“

Wie kommt man auf dieses ungewöhnliche Reiseziel? „Die Panamericana war immer schon ein Traum von mir. Ich erinnere mich, dass ich die schon vor fünf Jahren im Kopf hatte. Für mich ist die Idee, einen tausende Kilometer langen, Hauptstädte verbindenden Highway entlang zu fahren, einfach der Inbegriff von Freiheit“, so Stemmer.

Zwei große Reisen gingen der Verwirklichung seines Traums voran: Von August 2015 bis April 2016 ging es nach Asien. „Das war die erste längere Tour für mich, mit nur sieben Kilogramm Handgepäck. Sie hat mich nachhaltig geprägt und mir gezeigt, mit wie wenig man eigentlich auskommen kann“, erinnert Norman Stemmer sich. Von November 2018 bis Februar 2019 zog es ihn dann nach Mittelamerika.

„Bertl“ mit 16 Jahren gekauft

Reisen ist aber nur eine der Leidenschaften von Stemmer. Die zweite ist „Bertl“, seine Vespa. „Ich habe Bertl seit ich 16 bin, damals von meinem eigenen Ersparten gekauft. Darum ist das etwas Besonderes, so eine Tour mit ihr zu unternehmen. Und nachdem ich meine bisherigen Touren immer per öffentlichen Verkehrsmitteln gemacht habe, wollte ich endlich mal auf eigener Achse unterwegs sein. Das ist für mich der logische Schritt. Das nächstgrößere Abenteuer“, erklärt er.

Zu öffentlichen Verkehrsmitteln gehörten übrigens nicht nur Bus und Bahn, sondern auch Boote, Rollertaxis und per Anhalter fahren.

„Ich kennen jedes Teil“

Bertl ist gut auf die Reise vorbereitet: „Ich kann bei Bertl nahezu alles selber reparieren. Im Vorfeld habe ich beispielsweise noch etliche Reparaturen und Wartungsarbeiten selber erledigt.“ Stemmer habe die Vespa komplett auseinander gebaut, wieder zusammengesetzt und dabei alle Dichtungen und Beläge ausgetauscht und alles gründlich gereinigt.

„Ich kenne jetzt jedes Teil“, betont er. Dazu machte er sich noch Gedanken, wo Bertl besonders anfällig sein könnte und packte die notwendigen Ersatzteile ein. In diesem Zusammenhang habe er gemerkt, dass Bertl auch Verwandte in Südamerika hat. Denn die dortigen Vespa-Clubs hätten ihn mit Reisetipps versorgt, ihm verraten, wo die besten Werkstätten seien und ihm Ratschläge gegeben, wie man an Ersatzteile komme.

Zwei Monate Spanisch-Sprachkurs

Sogar zu einer gemeinsamen Ausfahrt in Bogota wurde er schon eingeladen. Prinzipiell müsse man aber sagen, dass es sicher bessere Reisemobile für diese Tour gebe. In Internetforen würden einem immer mindestens 600 ccm empfohlen.

Eine fast vierzig Jahre alte Zweitakt-Vespa mit 125 ccm war vermutlich noch nicht so oft unterwegs auf dem Panamerican Highway. So hofft Norman Stemmer auch, über Bertl wirklich Land und Leute kennenzulernen. Er besuchte vorab auch extra einen zweimonatigen Sprachkurs in Spanien, um sich besser verständigen zu können.

Eltern unterstützen den Abenteurer

Zudem bereitete er sich auf mögliche Überfälle vor, indem er Dokumente, Kreditkarte und Handy besonders sicher verstaut: Diese seien ja auch seine Verbindung nach Hause.

Diplomatisch antwortet Norman Stemmer auf die Frage, was seine Eltern von seinem Vorhaben halten. „Natürlich wäre ihnen eine andere Art zu reisen und ein anderes Reiseziel lieber. Doch sie unterstützen mich dabei, meine Reiseträume zu verwirklichen.“ Und das durchaus tatkräftig, denn die Transportkiste für Bertl haben Vater und Sohn gemeinsam gebaut. Dazu halten sie ihm zu Hause den Rücken frei, zum Beispiel in der Kommunikation mit Banken und Behörden.

„Die Vorfreude überwiegt“

„Ich bin mit Schlafsack, Isomatte und Einmann-Zelt unterwegs. Einmal als Notfallplan. Aber auch, um immer wieder einmal an sicheren Orten draußen übernachten zu können“, erklärte er. Geplant sind 80 bis 100 Kilometer am Tag. Das beinhalte aber auch mal eine Woche „Beine hochlegen“, wenn es besonders interessant sei oder das Wetter nicht mitspiele. Dann würden auch Tage mit 500 gefahrenen Kilometern folgen. „Schnitt eben.“

Als Vorbereitung war Stemmer mit einem Freund eine Woche lang mit der Vespa in Südtirol unterwegs. Als Folge davon gab es eine neue Sitzbank für Bertl. „Aufgeregt bin ich jetzt tatsächlich. Wenn man ein bisschen hier verwurzelt ist, dann lässt es einen nicht kalt, wenn man weiß, dass man auf unbestimmte Zeit Familie und Freunde nicht mehr sehen wird. Die Vorfreude überwiegt aber natürlich“, erklärte der Abenteurer.

Der Abenteurer und seine Reisevorbereitungen

  • Zur Person: Norman Stemmer aus Orsingen-Nenzingen wurde am 5. Mai 1991 geboren. Er hat sein Abitur in Stockach gemacht und danach an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Villingen-Schwenningen studiert. In einem regionalen Industriebetrieb stieg er vom Vertriebsmitarbeiter über die Personalabteilung bis zum Technischen Einkäufer auf.
  • Reiseblog: Die Südamerika-Reise von Norman Stemmer kann man auf seinem Blog www.vespa-gluecksritter-norman.de verfolgen. Man kann sich für automatische Benachrichtigungen per WhatsApp anmelden und so gleich erfahren, wenn es neue Beiträge gibt. Auf Instagram soll es außerdem vom vespa_gluecksritter_norman hin und wieder Bilder geben. Der Globetrotter warnt seine Leser schon einmal vor, dass er einen sehr individuellen Schreibstil habe und nicht nur die Hochglanzmomente seiner Reise mit den Interessierten teilen werde.
  • Benzin: Zusätzlich zu den normalen Vorkehrungen gibt es für Norman Stemmer unterwegs noch Einiges zu beachten: Die Qualität des Sprits für die Vespa könnte in einigen südamerikanischen Ländern möglicherweise schlechter sein als gewohnt. „Um dadurch keine Schäden an Kolben und Motor zu riskieren, kann ich nichts weiter tun, als mein Benzin-Öl-Gemisch etwas fetter anzureichern und Bertl mehr Pausen als gewöhnlich zu gönnen“, so Norman Stemmer. Dabei komme ihm vielleicht sogar entgegen, dass – wie er gehört hat – an lateinamerikanischen Tankstellen gerne mal manipulierte Zapfsäulen stünden und mehr abgerechnet, als gezapft werde. „Dadurch wird das Gemisch ja automatisch fetter, wenn ich später anhand der abgerechneten Menge Sprit mein Zweitaktöl in den Tank kippe“, erklärt Stemmer.
  • Dünne Luft: In Chile führen die Passstraßen auf fast 5000 Höhenmeter hoch. Der Zweitakter und sein Vergaser seien als italienische Fahrzeuge „überspitzt gesagt für Normalnull“ gebaut, erklärt Norman Stemmer. Wenn also in der Höhe die Luft dünner werde und im Vergaser weniger Luft ankomme, werde automatisch das Benzin-Luftgemisch fetter (mehr Benzin) und der Motor verliere an Leistung. „Ich führe daher ein ganzes Hauptdüsenset mit mir, um das Gemisch mit kleineren Düsen immer wieder magerer zu justieren, je höher ich komme“, so Vespa-Fan Norman Stemmer.
  • Ersatzteile zur Sicherheit: „Ich habe für den Fall der Fälle eine möglichst sinnvolle Ersatzteilliste angelegt und mich mit den entsprechenden Teilen eingedeckt“, sagt Norman Stemmer. Von Pleuellager über Reifenschläuche bis hin zum Vergaserdichtsatz und dem oft nötigen Spezialwerkzeug habe er alles dabei. Als spezielle Veränderungen für diese Tour habe er an Bertl einen Rennauspuff, einen Gepäckträger, eine neue Sitzbank und eine 12-Volt-Steckdose im Gepäckfach angebracht. Außerdem verfügt die Vespa über eine mit Alarmschloss gesicherte Panzerschlinge, um sie vor Diebstahl zu schützen, sowie einen GPS-Tracker im Gepäckfach, falls die Panzerschlinge und das Alarmschloss ihren Dienst verweigern. (sch)