Die Nenzinger Landwirtsfamilie Feucht hat die Zuckerrübe wiederentdeckt und pflegt mit dem Anbau wirtschaftliche Verbindungen ins Nachbarland Schweiz. Vor zehn Jahren hatte Lothar Feucht den Anbau einstellen müssen, weil der Zuckerfabrik in Offenburg der Transportweg der Bodenseerüben zu weit wurde und der Landwirt die Kosten tragen musste. Der heutige Ernteertrag geht nahezu komplett in die Zuckerfabrik im Thurgauer Frauenfeld. Dies sei die nächste Produktionsstätte, erklärt der 24-jährige Sohn André Feucht. Die Familie habe nach Alternativen zur Aufwertung der Fruchtfolge gesucht und etwas anbauen wollen, das in der Region wieder auf den Markt kommt. Die Zuckerrübe sei dafür ideal geeignet und biete sehr viele Vorteile, sagt der studierte Landwirt.

Unter der Schale, die ein wenig an eine Sellerieknolle erinnert, befindet sich die weiße Frucht. Sie schmeckt sehr süß – kein Wunder, die Zuckerrübe enthält bis zu 20 Prozent Zucker.
Unter der Schale, die ein wenig an eine Sellerieknolle erinnert, befindet sich die weiße Frucht. Sie schmeckt sehr süß – kein Wunder, die Zuckerrübe enthält bis zu 20 Prozent Zucker. | Bild: Claudia Ladwig

„Die Zuckerrübe lockert durch ihre Pfahlwurzeln den Boden auf. Sie geht bis zu zwei Meter tief und kann dort Nährstoffe mobilisieren, wo andere Pflanzen nicht hinkommen“, erklärt André Feucht. Bei der Ernte wird nur der Fruchtkörper aus dem Boden geholt, der Rest bleibt auf dem Acker und sorgt für guten Humus. Im Folgejahr säht Familie Feucht dort Mais, Weizen oder Dinkel oder auch eine Leguminosen-Mischung als Ackerfutter für das hofeigene Milchvieh.

Die Zuckerrüben werden nach der Ernte in Rübenmieten aufgehäuft und bis zum Abtransport am Ackerrand gelagert. Die riesige Erntemaschine hat ein großes Fassungsvermögen.
Die Zuckerrüben werden nach der Ernte in Rübenmieten aufgehäuft und bis zum Abtransport am Ackerrand gelagert. Die riesige Erntemaschine hat ein großes Fassungsvermögen. | Bild: Claudia Ladwig

Die Aussaat der Zuckerrüben erfolgt Anfang März bis Mitte April. Eine Bodenanalyse zeigt im Vorfeld, welche Grunddüngung nötig ist. Auf einen Hektar werden dann in Reihen von 50 Zentimeter Abstand bis zu 105 000 Rübenpillen ausgebracht. Während der rund 180 Tage bis zur Ernte gehen zwei Proben zur Pflanzenanalyse ins Labor. „Je nachdem, wie viel Stickstoff in den Pflanzen vorhanden ist, düngen wir nach“, sagt André Feucht. So würden sie eine Überdüngung verhindern.

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Je länger die Pflanzen stehen, umso besser ist es: Die Zuckerrübe legt erst an Größe zu, dann lagert sie Zucker ein. Als die Zuckerfabrik für Mitte November grünes Licht gab, kam Lohnunternehmer Severin Brack, um die Felder zu roden. André Feucht erklärt: „Er arbeitet drei bis vier Tage lang und schafft eine Fläche von rund zwei Fußballfeldern pro Stunde.“ Mit seinem riesigen Rübenroder holte er die Rüben aus dem Boden und häufte sie in langen Reihen, den sogenannten Rübenmieten, auf. Auf einem Hektar kämen 80 bis 100 Tonnen Ernte zusammen, was am Ende etwa 16 bis 20 Tonnen Zucker entspreche, so Feucht. Eine einzelne Rübe wiegt übrigens 700 bis 1200 Gramm. Die Sorge der Landwirte ist stets, dass die Miete zusammenfriert und die Rüben nicht verladen werden können. Falls es dagegen zu warm oder zu nass ist, können die Rüben anfangen zu faulen.

Hier wird deutlich, wie riesig der Rübenroder ist. Der Schweizer Severin Brack sitzt am Steuer, während Lothar Feucht mit Enkelin Emma und den Söhnen Markus und André davor ein paar Zuckerrüben mit Kraut zeigt.
Hier wird deutlich, wie riesig der Rübenroder ist. Der Schweizer Severin Brack sitzt am Steuer, während Lothar Feucht mit Enkelin Emma und den Söhnen Markus und André davor ein paar Zuckerrüben mit Kraut zeigt. | Bild: Claudia Ladwig

Im Zuckerwerk wird eine 30 Kilogramm schwere Probe analysiert. Die Ware wird nach Zuckergehalt und Gewicht bezahlt. Der anhaftende Schmutz wird vorher abgespritzt und später gesiebt. Enthaltene Steine werden laut André Feucht als Kies verkauft, die Erde als Blumenerde. Die Rüben bestehen zu etwa einem Fünftel aus Zucker, aus dem Rest entstehen Rübenschnitzel als Düngemittel oder Viehfutter. „Die Zuckerrübe wird also komplett verwendet“, betont André Feucht. Weil ihn die guten Eigenschaften überzeugen, rät er dazu, heimischen Zucker dem Rohrzucker aus Übersee vorzuziehen.

Geschichte der Zuckerrübe begann 1747

Nach dem Grubbern der freigewordenen Ackerfläche wird auf einem Teil Winterweizen eingesät. Im nächsten Jahr will der Familienbetrieb den Zuckerrübenanbau noch etwas ausweiten. Er führt eine landwirtschaftliche Tradition fort, die im Jahr 1747 begann. Damals stellte der Berliner Apotheker und Chemiker Andreas Sigismund Marggraf fest, dass der in der Runkelrübe vorhandene Zucker mit dem Rohrzucker chemisch identisch ist. 1802 wurde im schlesischen Cunern die erste preußische Zuckerfabrik in Betrieb genommen. Anfang der 1830er kamen weitere Fabriken in mehreren Ländern hinzu.