1867 wurde auf der Bahnstrecke Richtung Mengen das Teilstück Radolfzell – Stockach eröffnet. Gastwirt Johann Nepomuk Stärk wählte wohl deshalb den Namen „Zum Bahnhof“ für sein Gasthaus, das der Nenzinger Station genau gegenüber lag.

Noch heute, so erzählen Gundula und Helmut Auer, nennen alteingesessene Einwohner das Haus so, obwohl der alte Bahnhof 1969 abgerissen wurde und die Gastwirtschaft seit 1975 „Gasthaus Auer“ heißt. Das Gasthaus beherbergte von 1916 bis 1956 auch die Postagentur für Nenzingen. Die jeweiligen Wirtsleute waren dadurch gleichzeitig Posthalter.

Anton und Charlotte Auer, Wirtsleute ab 1919
Anton und Charlotte Auer, Wirtsleute ab 1919

Die Geschichte der Familie Auer begann 1919, als Anton Auer das Haus samt Poststelle kaufte. Auf Anton Auer und seine Frau Charlotte folgte deren Sohn Ernst, der die Wirtschaft mit seiner Frau Erna von 1964 bis 1999 führte. Ernst Auer übergab das Haus an seinen Sohn Helmut. Dieser absolvierte eine Ausbildung zum Hotelkaufmann, ging dann zur Bundeswehr und machte danach den Berufsabschluss als Koch.

Ernst und Erna Auer, die zweite Generation der Familie Auer. Sie führten das Gasthaus bis 1998.
Ernst und Erna Auer, die zweite Generation der Familie Auer. Sie führten das Gasthaus bis 1998. | Bild: Claudia Ladwig

Er legte 1986 die Prüfung zum Küchenmeister ab und heiratete fünf Jahre später seine Frau Gundula. Die ausgebildete Bankkauffrau drückte ihm zuliebe nochmals die Schulbank, damit sie die Familie als Restaurantfachfrau optimal unterstützen konnte. Als Wirtin ist es ihr wichtig, eine persönliche Beziehung zu den Gästen aufzubauen. „Die meisten unserer Gäste sind Stammgäste“, erzählt sie.

Erna Auer, ihre Schwiegertochter Gundula Auer und Sohn Helmut Auer (von links)feierten gemeinsam 100 Jahre Familientradition. Frank Joachim Ebner (Zweiter von rechts) überreichte ihnen als Anerkennung das Schild „Historisches Gasthaus Baden“.
Erna Auer, ihre Schwiegertochter Gundula Auer und Sohn Helmut Auer (von links)feierten gemeinsam 100 Jahre Familientradition. Frank Joachim Ebner (Zweiter von rechts) überreichte ihnen als Anerkennung das Schild „Historisches Gasthaus Baden“. | Bild: Claudia Ladwig

Die Auers haben zusätzlich zur Gaststube noch einige Ferienzimmer. Da gibt es immer was zu tun – man mag sich kaum vorstellen, wie es vor 60 Jahren zuging. Helmut Auers Mutter Erna, inzwischen 83 Jahre alt und noch immer eine unverzichtbare Stütze des Familienbetriebes, erinnert sich, dass zur Gastwirtschaft bis 1964 auch eine kleine Landwirtschaft mit einigen Kühen, Schweinen, Hühnern und Zugpferd Fritz gehörte.

Und sie weiß noch, wie sie als junge Frau im Dorf zu jeder Tages- und Nachtzeit die Anrufe ausrichten musste. Denn damals gab es kaum private Telefonanschlüsse und bei ihnen in der Poststelle stand das einzige öffentliche Telefon. Erna Auer hat eine besondere Tradition des Hauses mitgeprägt: Seit über 60 Jahren findet im Gasthaus Auer am Fasnachtsmontag das Bratwurstessen statt.

Die Ansichtskarte stammt vermutlich aus dem Jahr 1916. Sie zeigt das Gasthaus zum Bahnhof (heute Gasthaus Auer) mit Kutsche und dem Schild einer Kaiserlichen Postagentur.
Die Ansichtskarte stammt vermutlich aus dem Jahr 1916. Sie zeigt das Gasthaus zum Bahnhof (heute Gasthaus Auer) mit Kutsche und dem Schild einer Kaiserlichen Postagentur. | Bild: unbekannt

Zur Feier des 100-jährigen Wirkens in ihrem Gasthaus hatten Helmut und Gundula Auer rund 50 Gäste eingeladen. Er wolle sich für die langjährige vertrauensvolle Zusammenarbeit bedanken und dies mit der Feier zum Ausdruck bringen, sagte Auer. Ihm schlossen sich einige Redner an. Den Anfang machte Frank Joachim Ebner, Vertreter des Projekts „Historische Gasthäuser in Baden“.

Es gebe ein rasantes Artensterben im Bereich der familiär geführten Gastronomie, beklagte er. Daher schätze er es besonders, dass hier die Familientradition seit 1919 lebe. Alte Gasthäuser seien ein wichtiges Kulturgut, quasi „Geschichtsbücher in Stein“, die die Historie einer Gemeinde repräsentierten.

Für Gastronomen wird es immer schwerer

Als nächster Laudator sprach Manfred Hölzl, stellvertretender Vorsitzender des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (DEHOGA) Baden-Württembergs und Küchenchef im Konstanzer Konzil. Die Rahmenbedingungen in der Gastronomie würden immer schwerer.

Familie Auer habe mit ihrem Betrieb eine Marke geschaffen. „Gäste, zum Teil aus dem Ort, aber auch von weither wissen genau, was sie hier bekommen. Sie kennen den Wirt und die Bedienung.“ Kein Gasthof könne ohne einen breiten Kreis an Gästen existieren.

Gastronomie ist ein hartes Geschäft

Dann ging er auf das Problem der Nachfolge ein. „Die Generationen wandeln sich. Heute gibt es ganz andere Bedingungen mit der digitalen Welt und dem Wunsch nach mehr Freizeit.“ Viele Menschen wollten sich nicht den Anforderungen der Gastronomie stellen und sich dafür aufopfern.

Daher gebe es ein Gasthaussterben, denn oft würden die Betriebe dann verkauft und abgerissen, um dort Wohnraum zu schaffen, so Hölzl. Auf die Veränderungen im Laufe der Jahre ging auch die stellvertretende Bürgermeisterin Antonie Schäuble ein. Sie nannte geänderte Hygienebestimmungen, das Rauchverbot und ein anderes Essverhalten.

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Doch sie betonte: „Nicht verändert hat sich die Bedeutung von Wirtschaften für ein Dorf. Sie sind die erste Anlaufstelle für Familienfeste, Generalversammlungen, Weihnachtsfeiern oder den Stammtisch.“ Auch der Gemeinderat sei froh, wenn er zu vorgerückter Stunde noch vorbeikommen dürfe.

Dass ein Familienbetrieb 100 Jahre lang erfolgreich geführt werde, sei ehrens- und bewundernswert. Sie übergab ein aktuelles Luftbild des Gasthauses und wünschte den Wirtsleuten viele weitere erfolgreiche und erfüllende Jahre.

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Die Ursprünge

Die erste Erwähnung stammt aus dem Jahr 1833. Damals wurde das „Ramspergische Bräuhaus“ des verstorbenen Anton Ramsperger versteigert. Dessen Sohn Quirin erhielt den Zuschlag. Er verkaufte das Anwesen 1836 an Franz Hehl, der es später an Johann Nepomuk Stärk veräußerte. Sein Sohn bat 1864 um Erweiterung seiner Bierschankwirtschaft. 1896 ging das Wirtshaus an Christoph Krieg und 1907 an Heinrich Helmling, der es an einen Mann namens Schühle verpachtete. (wig)