Es ist ein Ende, das gleichzeitig einen Neuanfang in sich birgt. Und trotzdem ist es ein Ende, das bereits jetzt Wehmut bei Markus Lämmle hervorruft. Für den 42-Jährigen ist der Stockfelderhof bei Orsingen mehr als nur ein einfacher Arbeitsplatz. „Unser gemeinsames Leben als Familie haben wir hier, an diesem einen Ort, gelebt“, erzählt der mehrfache Vater und Betriebsleiter des Pferdehofes. Denn am 31. August, wenn der Stockfelderhof seine Pforten schließt, endet für ihn, seine Ehefrau Julia und seine zwei Töchter Emma und Clara nach elf Jahren eine Ära. Lämmle führt seine Arbeit dann am Hofgut Albführen im Kreis Waldshut weiter, wo er im September Gestütsleiter wird. Doch nicht nur für die Familie Lämmle, sondern auch für die Belegschaft und die Einstaller – also Menschen, die ihre Pferde auf dem Hof unterbringen – beginnt mit der Schließung des Stockfelderhofs eine neue Zeit. Und für die Besitzer, die gräfliche Familie Douglas.

Das Anwesen in der Nähe von Schloss Langenstein hat in der Reiterszene einen klangvollen Namen. Badische und südbadische Meisterschaften haben hier stattgefunden, zuletzt im Jahr 2009, erzählt Lämmle. Und er und seine Mitarbeiter seien in Baden-Württemberg das einzige private Trainingszentrum für Reittrainer bis hin zur Bundesliga-Lizenz – ansonsten werde diese Ausbildung noch im Landesgestüt in Marbach angeboten. Die Lehrgänge werde er in Albführen fortführen, erzählt Lämmle. Abgesehen davon, war er in seiner Juniorenzeit selbst als Vielseitigkeitsreiter aktiv, bis zur deutschen Meisterschaft.

Die Entscheidung, den Pferdehof bis Ende des Sommers zu schließen, fiel Anfang März. „In den vergangenen 15 Jahren ist nicht mehr nachhaltig investiert worden“, erklärt Ludwig Graf Douglas, der mit seinen Geschwistern vor drei Jahren den Hof übernahm – und damit diese Probleme. Diesen Investitionsstau habe Markus Lämmle bei einem Treffen, in dem es um die Zukunft des Hofes ging, dann in einer Zahl bemessen. Mindestens siebenstellig sei diese gewesen, so Douglas: „Wir haben dann als Familie abgewägt, ob wir diese Summe stemmen können.“ Über deren genaue Höhe möchte er nicht sprechen, „aber sie war so hoch, dass wir sie nicht mit gutem Gewissen investieren hätten können“.

Der Hof, auf den ersten Blick ein Idyll, gelegen in naturgrüner Abgeschiedenheit, scheint bei genauerem Hinsehen tatsächlich in die Jahre gekommen: marode Dachziegel, fahle Gemäuer, veraltete Technik. Darum herum 16 Hektar Weidegrund. Wie ein solches Areal nutzen? Eine Frage, bei der schon in der Vergangenheit immer wieder Gerüchte in Umlauf gerieten, wie Ludwig Graf Douglas erzählt. „Ein Golfhotel, wie von vielen Seiten immer wieder gemunkelt wurde, entsteht hier hundertprozentig nicht“, stellt er klar. Wahrscheinlicher sei, so ergänzt er, dass der Hof in Zukunft von einem Mitglied der Familie Douglas bewohnt werde. Ein endgültiges Nutzungskonzept bestehe allerdings noch nicht.

Auch etwa 40 Einstaller brauchen spätestens ab September eine neue Unterkunft für ihre Tiere. Eine von ihnen ist Silvia Uhrenbacher. Ihr Hengst Don Sugar, ein Württemberger, ist auf dem Stockfelderhof untergebracht. „Es ist natürlich traurig“, sagt die 46-jährige Raithaslacherin. „Man verliert mit einem Mal beinahe das komplette Umfeld.“ Der Hof war Teil ihres Lebens. Jeden Tag besucht sie Don Sugar dort – seit beinahe einem Jahrzehnt. „Es gibt aber auch Einstaller, die schon 30 oder 35 Jahre hier sind“, erzählt sie. Silvia Uhrenbacher ist aber nicht nur einfache Einstallerin, sie ist gleichzeitig Vorstandsmitglied des Reitvereins Stockfelderhof. „Es gab zwar Gerüchte, dass mit dem Hof auch der Verein ein Ende findet“, sagt Uhrenbacher, stellt aber klar: „Es wird definitiv weitergehen, das haben wir so bereits beschlossen.“ Über die Jahre auf dem Stockfelderhof sagt sie: „Es war eine wunderbare Zeit, mit tollen Menschen und einem tollen Team Lämmle vor Ort.“

Bei Markus Lämmle muss es sich erst noch setzen, dass die Zeit auf dem Stockfelderhof für ihn und seine Familie endet: „Das wird uns erst später so richtig einholen“, glaubt der Pferdewirtschaftsmeister. In seinen Augen ist die Schließung ein Verlust für den Reitsport. „Schon meine Mutter hat früher von dem Hof gesprochen, der eine so ruhmreiche Geschichte hat“, erinnert er sich. Team Lämmle, der eigene Familienbetrieb zur Ausbildung von Pferd und Reiter, den Lämmles Vater im Jahr 1986 gegründet hat, wird es ab August so ebenfalls nicht mehr geben. „Auch damit endet natürlich eine Ära für uns“, stellt der 42-Jährige fest.

Das Angebot, als Gestütsleiter im Hofgut Albführen einzusteigen, kam während der Verhandlungen über die Zukunft des Stockfelderhofs. „Eine spannende Sache“, sagt Lämmle über seine neue Aufgabe. „Und eine Chance, neue Wege zu gehen.“ Auch wenn Wehmut bleibt, blickt er optimistisch in die Zukunft und auf den Neuanfang.

Der Stockfelderhof

Der Stockfelderhof ist rund 40 Jahre alt und bietet momentan 60 Pferden ein Zuhause. Es sind 15 Schul- und 45 Pensionspferde von Einstallern. Acht Angestellte kümmerten sich um die Tiere und das Gut und bewirtschafteten rund 16 Hektar Weidefläche. Der Reitverein Stockfelderhof besitzt auf dem Gelände eine 20 mal 40 Meter große Reithalle. Nach Angaben des Vereins übernimmt diese Halle die Familie Douglas. (lre)