Zweieinhalb Tage lang heulten im März vergangenen Jahres am Dorfrand von Wangen gleichzeitig bis zu sechs Motorsägen auf – bis die Corona-Pandemie sie zum Schweigen brachte. Wissenschaftler, Bootsbauer, Bildhauer und Experimental-Archäologen höhlten für das 2020 geplante Einbaum-Symposium vier vom Forst Baden-Württemberg gespendete Bäume aus. Die großgewachsenen Baumstämme sollten für Deutschlands erste internationale Einbaum-Regatta in Wangen hergerichtet werden.

Auf den Spuren der ersten Siedler

Vergangene Woche nahmen die Teams ihre Arbeit am Ufer vor dem Museum Fischerhaus und in unmittelbarer Nähe zum Pfahlbau erneut auf und vollendeten die tonnenschweren ausgehöhlten Rohlinge zu eindrucksvollen Einbäumen. Wissenschaftler und Experimental-Archäologen erhoffen sich durch den Nachbau von prähistorischen Einbäumen Erkenntnisse über die Arbeitsweise der ersten Siedlungsbewohner am See.

Seit mehr als 160 Jahren kommen rund um die Alpen sensationelle Fundstücke ans Tageslicht. Die jungsteinzeitlichen und bronzezeitlichen Pfahlbausiedlungen gehören aufgrund ihr außergewöhnlichen Erhaltungsbedingungen unter Wasser und in Mooren zu den herausragenden Fundstätten Europas.

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111 Fundstätten in sechs Anrainerstaaten der Alpen bilden seit 2011 ein gemeinsames UNESCO-Weltkulturerbe. Am Hinterhorn in Wangen am Bodensee entdeckte 1857 der Ratsschreiber und Kleinlandwirt Kaspar Löhle deutschlandweit den ersten Fundort von Pfahlbauten.

Einbaum-Regatta von 13. bis 16. Mai

Das UNESCO Welterbe Prähistorische Pfahlbauten um die Alpen richtet nun zu diesem Anlass zwischen dem 13. und 16. Mai in Wangen die erste internationale Einbaum-Regatta Deutschlands aus.

Durch die Einschränkungen der Corona-Pandemie wird sich diese lokal beschränken. Spaziergänger konnten bereits vergangene Woche am Ufer drei Tage lang den Bootsbauern, Bildhauern und Experimental-Archäologen von Weitem bei der Herstellung von vier Einbäumen beobachten.

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Die Baumstämme für den Bootsbau sind ein Geschenk des Forstamts Baden-Württemberg. Sie wurden nach Wangen transportiert, vor Ort zugeschnitten und ausgehöhlt. Seit März vergangenen Jahres wurden die Rohlinge mit der Unterstützung vom ansässigen Wassersportverein zum Feuchthalten im Hafen von Wangen versenkt um sie vor Einrissen zu bewahren.

Werkzeuge aus der Stein- und Bronzezeit

Frank Trommer ist Damaststahl-Schmied, Archäo-Techniker und ein staatlich geprüfter Denkmalpfleger. In seinem Werkzeugkoffer befinden sich Nachbauten von Werkzeugen aus der Stein- und Bronzezeit.

Gemeinsam mit dem Dendro-Chronologen Oliver Nelle vom Landesdenkmalamt rekonstruiert er bronze- und eisenzeitliche Arbeitstechniken bei der Holzverarbeitung für die Herstellung von Einbäumen und Bohlen. Genauer formuliert erarbeiteten sie einen Katalog von Arbeitstechniken anhand von Arbeitsspuren prähistorischer Holzfunde.

Die Archäo-Techniker Pierre Stoll (links) und Kim Liebscher bauten mit reiner Muskelkraft und Eisenwerkzeugen einen Einbaum aus einer Pappel Sie benötigen dafür ebenso lange wie die Teams, die Maschinen einsetzen.
Die Archäo-Techniker Pierre Stoll (links) und Kim Liebscher bauten mit reiner Muskelkraft und Eisenwerkzeugen einen Einbaum aus einer Pappel Sie benötigen dafür ebenso lange wie die Teams, die Maschinen einsetzen. | Bild: Georg Lange

Das Team von Frank Trommer baute aus dem bereits ausgehöhlten Baumstamm einer Pappel nur durch Muskelkraft und Eisenwerkzeugen einen Einbaum für die Regatta. Dabei orientierten sie sich grob an einer Querschnittsvorlage aus einem Einbaumfund vom Federsee bei Bad Buchau in Oberschwaben.

Ein weiteres Bootsbau-Team bildete der Bildhauer Hans Seiler aus Höfingen bei Leonberg mit seinen Söhnen, die einen Einbaum künstlerisch umsetzten.

Einbaum wiegt 700 Kilogramm

Etwa zweieinhalb bis drei Tonnen wog ein Baumstamm, bis er drei Tage lang zu einem Einbaum mit einem Gewicht von 700 Kilogramm reduziert wurde. Jedes der vier Teams hatte je seine eigene Herausforderungen zu meistern. Ein Baumstamm hatte in der Mitte eine Kernfäule und konnte so leicht ausgehöhlt werden. Während Teams mit Muskelkraft arbeiteten, nutzten andere moderne Maschinen. Zeitlich ergaben sich kaum Unterschiede beim Bau der Einbäume.

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Von den vier Einbäumen für die Regatta sollen mindestens zwei erhalten werden und für weitere internationale Regatten des Welterbes bereitstehen, so der Wangener Bootsbauer Eckehard Floetemeyer. Einer der Einbäume soll vor dem Fischermuseum in Wangen am Ufer als thematisches Objekt zur Anschauung ausgestellt werden.