Öhningen – Sechzig Jahre Piraten vom Untersee, fünfzig Jahre Eselszungen, insgesamt also 110 Jahre närrisches Treiben in Öhningen, sind Grund genug für einen außergewöhnlichen Fastnachtsball. Da muss einfach alles stimmen, das war den Narren und Organisatoren schon im Vorfeld klar. Die Anspannung hinter der Bühne ist deshalb von Beginn an groß. Lampenfieber aber kennt Frank „Fuzzy“ Graf, erster Vorsitzender der Piraten, trotz der bevorstehenden und verantwortungsvollen Aufgabe nicht. Er ist eben ein Urgestein der Öhninger Fastnacht. Dennoch weiß er ganz genau: Jetzt muss alles auf die zehntel Sekunde genau sitzen. Schon bei der Begrüßung der zahlreichen Gäste gibt er richtig Gas.

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Schienen steigt aus

Da hat es der Bürgermeister Andreas Schmid schon schwer, das vorgelegte Tempo bei seinen Grußworten mitzuhalten. Der Profiredner bekennt ganz offen, dass er erst beim weltweit größten Lexikon, Wikipedia, habe nachschauen müssen, aus welchen Bestandteilen Grußworte überhaupt bestehen. In Anbetracht der politischen Lage keine einfache Aufgabe. Denn die festgesetzten Fastnachtsgrößen Kerstin Hirschenauer und Christine Schäfer als der Esel und die bunte Kuh weisen schon auf das nächste Ungemach hin: der Ausstieg Schienens aus der Europäischen Union, dem inzwischen überall in den Medien bekannten "Schiexit".

Eigentlich nur in einem Nebensatz erwähnt, stoßen die beiden eine unglaubliche Gedankenkette beim Publikum an. Schienens Ortsvorsteher Wolfgang Menzer müsste danach beim Schiexit nämlich zuerst mit dem Regierungsflieger den irgendwo festsitzenden Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier abholen und ihn ins Palais Schaumburg bringen, dann zum Flughafen Köln-Düsseldorf, um dort Annegret Kamp-Karrenbauer an Bord zu nehmen und könnte erst danach zu den Verhandlungen nach Brüssel fliegen.

In Öhningen tanzt das Staatsballett

Der Hexenkeller wird stimmungsmäßig zum Hexenkessel. Der Saal tobt. Um das Publikum überhaupt noch im Zaum zu halten, hilft jetzt nur noch ein kulturell anspruchsvoller Beitrag, eine Art Ablenkungsmanöver. Das Öhninger Staatsballett – die Mitglieder stammen allesamt aus den besten Ballettschulen der Gemeinde – ist für seine grazile und zugleich eiserne Körperdisziplin bekannt. Auch diesmal hinterlässt das Staatsballett einen bleibenden Eindruck beim Zuschauer.

Jürgen Grieger stellt auf der Bühne fest: Ein Flashmob der Eselszungen hat nichts mit einem Wischmop gemein.
Jürgen Grieger stellt auf der Bühne fest: Ein Flashmob der Eselszungen hat nichts mit einem Wischmop gemein.

Nun können sich die Besucher wieder auf die wirklich hochbrisanten Dinge konzentrieren. Die Unterseegeischter nehmen die Geschehnisse nicht nur unter die Lupe, sondern auch aufs Korn. Lokalkolorit vom Feinsten. Da kommt kaum jemand ungeschoren davon. Im Publikum ist der Siedepunkt erreicht, die Stimmung muss hochgehalten werden. Dabei unterläuft dem Vizepräsidenten der Narrenzunft, Jürgen Grieger, allerdings ein schwerwiegender Fehler. Ein Flashmob der Eselszungen hat nichts mit einem Wischmop gemein. Das muss er nachträglich auch feststellen.

Dieter „Fuzzy“ Kuhn in Bestform: Perfekt geföhntes Blondhaar und Paillettenanzug müssen sein.
Dieter „Fuzzy“ Kuhn in Bestform: Perfekt geföhntes Blondhaar und Paillettenanzug müssen sein.

Egal, der nächste Höhepunkt folgt. Zwar ist für den Faschingssamstag Gerry, der Klostertaler angekündigt, aber auch an diesem Abend will man die Besucher musikalisch verwöhnen. Dieter „Fuzzy“ Kuhn ist in Bestlaune. Perfekt geföhntes Blondhaar und Paillettenanzug, mehr braucht der Ausnahmekünstler offensichtlich nicht um seine Hits zu präsentieren. Egal ob es nun der aus Griechenland kommende Wein ist oder eine Frau namens Michaela, der Sänger liebt das Leben, denn Tränen lügen nicht. So geht Fastnacht in Öhningen und das ist gut so.

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