Es gibt Bewegung beim Augustiner Chorherrenstift. Allerdings sind diese Bewegungen ungeplant, ungewollt und von den Statikern und Architekten vermutlich nicht vorhersehbar. Momentan kann man deutliche Risse an der Ostfassade des altehrwürdigen Gebäudes erkennen. Risse, die sich vergrößern, zusätzliche Spalten, die bisher nicht vorhanden waren, und Putzabplatzungen.

Der „schlafende Riese“, wie das Augustiner Chorherrenstift einmal von Franz Meckes, dem ehemaligen Landeskonservator, bezeichnet wurde, scheint ein neues, eigenständiges Leben zu entwickeln. Wie groß der Schaden tatsächlich ist, können die Experten zur Zeit noch nicht abschätzen.

Ratsherr Simon Klose hatte vor Monaten gewarnt

Dabei hatte Simon Klose (Offenes Bürgerforum) bereits vor Monaten seine Befürchtungen geäußert. Er gab damals zu bedenken, dass es bei der Errichtung der Baugrube für den Küchentrakt zu Schäden am Kirchturm kommen könne. Klose führte damals aus, er wolle verhindern, dass es einen schiefen Turm von Pisa auch in Öhningen gebe. Statiker und Architekten zeigten damals auf, man habe die Situation im Griff.

Gerhard Wiedenbach (CDU) ergänzte: „Eine Unterfangung zu bauen, ist eine relativ einfache Sache. Wenn die Unterfangung etwas aufwändiger werden muss, sind die Mehrkosten überschaubar, aber dennoch technisch einfach zu lösen.“

Historisches Gebäude birgt Unwägbares

Simon Kloses Bedenken schienen damals übertrieben. Heute sieht das Ganze etwas anders aus. Hauptamtsleiter Uwe Hirt mit einem Erklärungsversuch: „Wenn man ein Gebäude vor sich hätte, bei dem man weiß, welche genormten Baustoffe verwendet worden sind, ist die Berechnung einer Unterfangung sehr einfach.“

Bei einem historischen Gebäude, bei dem es über die verwendeten Werkstoffe keine exakten Datenblätter gebe, sei dies so nicht möglich. Ein Risiko bestehe immer, aber diese Risiken würden unter genauer Beobachtung stehen. Es gebe dann immer die Möglichkeit, dementsprechend andere Maßnahmen zu ergreifen. „Das ist natürlich mit einem größeren finanziellen Aufwand verbunden“, schildert Bürgermeister Andreas Schmid. Man habe für die Baumaßnahmen am Chorherrenstift aber mit Unwägbarkeiten und Risiken gerechnet. Es bestehe also ein gewisser Finanzpuffer.

Jetzt drohen Mehrkosten

Vor welcher Alternative steht also der Gemeinderat? Das Gebäude verkommen lassen kann man sicherlich nicht. Hinzu kommt eine geradezu historische Chance, die mit dem Erhalt des Augustiner Chorherrenstiftes verbunden ist. Dass sich da der Gemeinderat bei den Beschlüssen für weitergehende Architekturverträge schwer tat, war nachvollziehbar. Aber jetzt, mitten in einem unüberschaubaren Bauprojekt auch noch den Architekten zu wechseln, betrachtete der Gemeinderat mehrheitlich als nicht hilfreich.

Trotz dieses Konsenses stellte Andrea Dix (Netzwerk) die kritische Frage, ob die jetzt vorgeschlagene „Tunnel-Variante“ zur Anbindung des Küchentraktes und des Haustechnikraumes nicht einen so starken Eingriff in das Gebäude darstellen würde, dass weitere Problemen mit der Statik drohten.

Mehrheitlich beschlossen die Gemeindevertreter trotz aller Risiken die „Tunnellösung“, trotz der momentan eingeplanten Mehrkosten von rund 8000 Euro.